Neuer Verteidigungsminister - neue Sicht: Guttenberg will laut Medienbericht den Angriff auf zwei Tanklastzüge und den Nato-Bericht dazu neu bewerten. Damit ginge er auf Distanz zu Generalinspekteur Schneiderhan.
Afghanische Sicherheitsbeauftragte inspizieren Anfang September die ausgebrannten Tanklastzüge in Kundus.
Foto: Foto: dpa
Afghanische Sicherheitsbeauftragte inspizieren Anfang September die ausgebrannten Tanklastzüge in Kundus.
Foto: Foto: dpa
Berlin. Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sieht den von dem deutschen Oberst Georg Klein angeordneten Luftangriff auf zwei entführte Tanklastwagen in Afghanistan offenbar kritischer als sein Vorgänger Franz Josef Jung (CDU).
Nach Informationen der "Leipziger Volkszeitung" (Donnerstagausgabe) geht die politische Spitze des Ministeriums nun auf Distanz zur Version von Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und Jung, wonach Klein "militärisch angemessen" reagiert habe.
Spezial: Afghanistan
Die Bundeswehr in Afghanistan. Erstmals befinden sich deutsche Soldaten in einem Kampfeinsatz außerhalb Europas.
Verteidigen wir tatsächlich unsere Sicherheit am Hindukusch? Grundlagen, Meinungen, Bilder, Hintergründe im Spezial: Einsatz in Afghanistan
Bereits heute wolle er die Obleute der Bundestagsfraktionen im Verteidigungsausschuss treffen. Dabei werde er seine Sicht auf den umstrittenen Luftangriff auf zwei von Taliban entführte Tanklastzüge in Nordafghanistan darlegen, berichtete die Zeitung. Die politische Spitze des Ministeriums wolle nach dem Wechsel von Franz Josef Jung (CSU) zu Guttenberg auf Distanz zur Version von Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan gehen.
In Abstimmung mit Guttenbergs Vorgänger Jung hatte Schneiderhan den Bundeswehr-Oberst gegen die schweren Vorwürfe verteidigt, die ein als geheim eingestufter Nato-Untersuchungsbericht erhebt. Die "Leipziger Volkszeitung" zitierte nun Vertreter des Ministeriums, wonach Guttenberg "zu einer eigenen Einschätzung kommen" wird.
Alltag in Afghanistan
Bildergalerie ( 24 Bilder )
Das Plakat, das Junge zum Verkauf anbietet zeigt die indische Schauspielerin Smriti Irani. Sie spielt die Figur "Tulsi" in der beliebten Familien-Soap "Saas Bhi Kabhi Bahu Thi" (Die Schwiegermutter war selbst einmal nur Schwiegertochter). Nach 25 Jahren Krieg ist das die erste Serie im afghanischen Fernsehen.
Foto: rtr
Jeden Abend um 20.30 Uhr kleben Afghanen vor dem Fernseher um die indische Serie "Saas Bhi Kabhi Bahu Thi". Das Familiendrama thematisiert Probleme, die Afghanen selbst aus ihrem Alltag kennen.
Foto: rtr
Egal ob Männer oder Frauen, jung oder alt, wer in Afghanistan Zugang zu einem Fernsehapparat hat, schaut abends um 20.30 Uhr die indische Familien-Soap "Saas Bhi Kabhi Bahu Thi". Hier schauen sich die Gäste einer Pension in Kabul gemeinsam eine der täglichen Folgen an.
Foto: rtr
Während das Fernsehen Familiendramen zeigt, spielen sich auf den Straßen andere Tragödien ab: Nach einem Selbstmordanschlag versammeln sich Schaulustige auf der Straße in Kabul. Vor den schwerbewaffneten Polizisten halten sie lieber einen großen Abstand.
Foto: ap
...Kein Wunder, denn Zivilisten werden öfter mal selbst Opfer der Ordnungshüter. Der Fahrer dieses Taxis wurde durch die Kugeln der Polizei getötet, als sie versuchte die Entführer der deutschen Geisel aufzuhalten und auf deren Wagen schoss.
Foto: ap
Auch für die Kinder ist die Gewalt ein Alltags-Szenario: Afghanische Polizisten vor einem Haus in Kabul bei der Suche nach der deutschen Geisel.
Foto: rtr
Aber neugierig sind sie trotzdem, wie alle Kinder dieser Erde.
Foto: rtr
Bevor das Tragen der Burka allgemein zur Pflicht gemacht wurde, war blau eine eher seltene Farbe. Die ursprünglich teurere blaue Burka kam erst unter den Taliban in Mode. Und Handys - die gibt es erst seit vier Jahren in Afghanistan.
Foto: rtr
Ganz unter sich sind jedoch die Männer, die in einem Boxclub in Kabul trainieren.
Foto: rtr
Freizeitvergnügen, nur für Männer: In einem Park in Kabul werden Wasserpfeifen zum gemütlichen Schmauchen angeboten. In der Wasserpfeife dampft aromatisierter Tabak, nicht etwa Opium, das die Bauern in großen Mengen gewinnen.
Foto: ap
Afghanische Bauern bestellen ihre Mohnfelder in der Provinz Balkh, etwa 500 Kilometer nördlich von Kabul. Sie gewinnen hier Rohopium. Der Handel mit illegalen Narkotika dominiert die afghanische Wirtschaft. Der Opiumhandel trägt zu 60 Prozent des Bruttosozialproduktes bei. Afghanistan produziert 87 Prozent des weltweiten verfügbaren Opiums.
Foto: rtr
Die Brücke über den Pyanj River wurde vor allem gebaut, um den Handel zwischen den beiden Uferseiten zu beleben. Die Regierung hofft darauf, mit ihr nur den legalen Handel zu fördern. Doch ebenso blüht der illegale: Drogenkuriere passieren die Brücke genauso, wie die Arbeiter.
Foto: rtr
Auch Alltag: Dieser Wagen diente einem Selbstmordattentäter als Angriffswaffe. Mit ihm jagte er mehrere Fahrzeuge auf einer Straße im Norden des Landes in die Luft.
Foto: rtr
Dass Zivilisten bei den Anschlägen oft schwer verletzt werden, gehört ebenso zum Leben in Afghanistan wie die Anschläge selbst. Ein aus Decken und einem Auto improvisierter Krankenwagen bringt die verletzte Familienangehörige ins Krankenhaus.
Foto: ap
Viele Afghanen besuchen den Schrein, der dem bekannten Dichter und Gelehrten, Khowja Abdullah Ansari, gewidmet ist in Herat im Westen Afghanistans. Die Stadt nahe der iranischen Grenze gilt als Wiege der Afghanischen Kultur und Literatur.
Foto: rtr
Afghanische Frauen beim Gitarrenunterricht in Mazar-I-Shariff im Norden des Landes. Unter der radikal-islamistischen Herrschaft der Taliban war jede Musik verboten. Frauen waren von den Schulen verbannt worden. Die UN und verschiedene Hilfsorganisationen gaben den 2006 den finanziellen Anschub, um die Musikschule zu gründen, in der diese Frauen lernen.
Foto: rtr
Neben klassischer Musik, entsteht in Afghanistan auch eine Szene für Populärmusik. Der Rapper Bezhan Zafarmal (rechts) alias DJ Besho, mit einer Raubkopie seiner CD in einem Musikladen in Kabul. Der 28-Jährige sagt, er wolle eine Friedensbotschaft an die junge Generation seines kriegsgebeutelten Landes schickn. Junge Afghanen sollten sich im Kampf gegen Drogen vereinen und sich um eine gute Bildung bemühen, um ihr Land vorwärts zu bringen.
Foto: rtr
In Afghanistan gibt es natürlich Probleme wie überall auf der Welt. Auf dem Geflügelmarkt in Kabul tauchte im März 2006 die Vogelgrippe auf.
Foto: rtr
Daraufhin schwärmten in Kabul Trupps mit Gesundheitspersonal aus, um Hühner einzufangen und Desinfektionsmittel zu versprühen. Sie hofften, der Infektion so Herr werden zu können.
Foto: rtr
Die Bevölkerung leidet unter Armut: Ein alter Mann besucht den Markt in Kabul.
Foto: rtr
Ein junger Mann sammelt Blätter als Brennstoff außerhalb von Kabul.
Foto: rtr
Einst war Kabul eine schöne Stadt. Davon zeugen nur noch wenige Gebäude wie das im Bild.
Foto: rtr
Afghanistans Hauptstadt Kabul heute: Es gibt kaum fließendes Wasser und die Straßen sind meist ungepflastert. Zerbombte und zerschossene Häuser prägen das Bild. Berge von Plastikflaschen verschandeln den Kabulfluss, und die mit Autos verstopften Straßen erfüllen die Luft mit Staub und Abgasen.
Foto: rtr
In Afghanistan gehören Entführungen und Selbstmordanschläge zum Alltag - jedenfalls dem der Medienberichterstattung. Danaben gibt es aber noch den schmalen Grat der Normalität: Märkte, Schulen, Sport und auch Freizeitaktivitäten. Ein kulturelles Leben.
Foto:
rtr
Sport
Reise
Reise
Linkspartei in der Krise
Fotostrecken Wirtschaft
Fotostrecken Frankfurt
Eine "gewisse Diskrepanz" zwischen den geltenden Einsatzregeln und dem konkreten Verhalten Kleins lasse sich nicht wegdiskutieren, heißt es demnach aus Ministeriumskreisen weiter.
Nach Informationen der "LVZ" und der in Halle erscheinenden "Mitteldeutschen Zeitung" wird ein Strafverfahren gegen Klein immer wahrscheinlicher. Wie die LVZ unter Berufung auf Dresdner Justizkreise berichtet, deutet "manches" darauf hin, dass die zuständige Dresdner Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung von Zivilisten einleiten könnte.
US-Kampfjets hatten am 4. September auf Anforderung des deutschen Oberst Georg Klein zwei Tanklastzüge bombardiert, die von Taliban gekapert worden waren und dann in einem Flussbett feststeckten. Unter Berufung auf den Nato-Bericht erklärte das Ministerium in der vergangenen Woche, die genaue Zahl der Opfer des Luftschlags sei nicht zu ermitteln.
Die Zahl der Toten und Verletzten liege zwischen 17 und 142, darunter 30 bis 40 Zivilisten. Die Bundeswehr sah sich durch den Bericht entlastet. Die Opposition im Bundestag hält diese Bewertung nach Einsicht in den Bericht für unzulässig.
Generalinspekteur Schneiderhan hatte nach einer ersten Auswertung der Nato-Untersuchung erklärt, er habe keinen Grund daran zu zweifeln, dass Klein militärisch angemessen gehandelt habe. Ein Ministeriumssprecher kündigte am Mittwoch an, Guttenberg wolle eine eigene Einschätzung des Nato-Berichts vornehmen und dann das Parlament informieren.
Nach dem tödlichen Angriff auf UN-Mitarbeiter in Kabul verlegen die Vereinten Nationen aus Sicherheitsgründen rund ein Drittel ihres ausländischen Personals in Afghanistan. Auch einheimische Mitarbeiter würden an sicherere Orte gebracht, teilten die UN am Donnerstag in Kabul.
Von der kurzfristigen Maßnahme seien bis zu 600 Mitarbeiter betroffen, davon mehr als 300 Ausländer. Sie würden entweder an sicherere Orte innerhalb Afghanistans oder ganz außer Landes gebracht.
Der UN-Sondergesandte Kai Eide sagte, die Verlegung werde die Arbeit der Vereinten Nationen in Afghanistan nicht negativ beeinflussen. Eide betonte: "Wir sprechen nicht über einen Abzug und wir sprechen nicht über Evakuierung." (afp/dpa)