Es war vor zwei Jahren, da rieb sich die literarische Welt leicht verwundert die Augen. Gleichsam wie aus dem Nichts der Verbotszone erschien, vierzig Jahre nach seiner Entstehung, ein Roman, der die Gründerjahre der Deutschen Demokratischen Republik in den Fokus nahm. Wie in Brigitte Reimanns "Franziska Linkerhand" tummelten sich auch auf Werner Bräunigs "Rummelplatz" lauter gewöhnliche Leute: Arbeiter, Parteikader, Pioniere, Kellnerinnen, Mütter. Different indes war die Sprache. Während Reimann das Ausschmückend-Sehnsüchtige der Wörter schimmern ließ, wählte Bräunig das Karge, Karstige, Konzise. Nie mehr als nötig sagen.
"Rummelplatz" erzählt vom Beginn und zugleich vom Ende einer Utopie. Die Protagonisten des Romans, so unterschiedlich sie auch sein mögen, haben Hoffnungen, die enttäuscht werden. Es sind sozialistische Hoffnungen; solche also, die von der Geschichte längst begraben wurden; auf ewig, wie es scheint. Aus der Distanz mutet der Roman an wie das Gemälde einer vergangenen Epoche, das anzuschauen zwar Eindruck macht, jedoch zugleich den Beigeschmack des Märchenhaften in sich trägt. Es war einmal...
So gesehen, fand am Donnerstagabend im Maxim Gorki Theater in Berlin eine Premiere statt, die man zu diesem Zeitpunkt nicht (mehr) erwarten durfte. Vor allem nicht so, wie sie dann über die Bühne ging. Denn selbst wenn man nicht der These Francis Fukuyamas zuneigt, derzufolge das Ende der Geschichte beschlossene Sache ist, musste man sich doch stirnrunzelnd fragen: Was hat das Stück mit unserer kapitalistischen Gegenwart zu tun? Wieso erzählt da jemand eine Geschichte, die sich vor etwa 60 Jahren zugetragen hat und von der wir wissen, wie sie ausgegangen ist? Was, mit einem Wort, hat das Wort Utopie in einer utopielosen Zeit verloren?
Die Antwort von Regisseur Armin Petras fällt dialektisch klar aus. Eben weil es keine Utopie mehr gibt, ist es von höchster Dringlichkeit, nach ihr zu suchen. Denn es geht um weit mehr als um die DDR. Es geht um Ideale, die es schon vorher gab und die von ihrer Bedeutung nichts verloren haben. Ob Petras sich in seinen Überlegungen dabei von dem polnischen Marxisten Leszek Kolakowski leiten ließ, steht dahin. Wesentlich ist, dass er einen Satz Kolakowskis in das Theater hineinträgt. Das Bestehen einer Utopie ist notwendige Voraussetzung dafür, dass diese Utopie irgendwann einmal Wirklichkeit wird.
Darüber vergisst Petras, der die DDR hinreichend kennt, nicht die Darstellung dessen, was schon Bräunig beschreibt. Wir befinden uns im Erzgebirge, bei der Wismut, im Uranabbau, härteste Arbeiterwirklichkeit. Susanne Schuboths Bühne macht daraus keinen Hehl: ein schwarzgähnendes Loch, aus dem immer wieder Rauch aufsteigt. Die Gesichter sind rußverschmiert, die Kleider verstaubt, Presslufthämmer dröhnen mächtig. Herr der normgeplagten Adern in diesem Anti-Arkadien ist der Wismut-Obersteiger Hermann Fischer, 54 Jahre alt. Er hält den Laden zusammen, hart aber fair, glaubt an die friedenstiftende Kraft des Bergbaus. Peter Kurth zeigt das, indem er den ganzen Abend eine Spitzhacke in der Linken trägt wie Wotan den Speer. Der Mann, der im Zweiten Weltkrieg einen Arm für die falschen Ideale eingebüßt hat, hat nur ein Ziel: Das Experiment Sozialismus muss funktionieren. Seine Tochter Ruth, die von Regine Zimmermann ungemein präzise und expressiv gespielt wird, stellt das Recht des Einzelnen dagegen. Sie will die Liebe leben, hier und jetzt, als etwas ganz Großes. Damit scheitert sie, wie auch Peter Loose (plausibel: Michael Klammer). Beide streben nach Erfüllung eines Wunsches, den diese Gesellschaft ihnen verweigert.
Von gänzlich anderem Kaliber ist der Betriebsleiter der örtlichen Papierfabrik, Doktor Jungandres (Robert Kuchenbuch). Der liebt keine Menschen und Ideale, sondern nur Maschinen. Das macht ihn für jede politische Winddrehung tauglich, lässt ihn aber zumindest frei denken, wenn schon nicht handeln. Ganz und gar unfrei hingegen ist der Studienanwärter Christian Kleinschmidt, den ein Beschluss der Partei zur Wismut gezwungen hat. Ein Feingeist und Opportunist, wie er im Buche steht. Petras hat die Rolle mit Milan Peschel besetzt, ein grandioser, virtuoser Schauspieler. Wir verdanken ihm an diesem Abend unvergessliche Momente der Selbstironie, der sentimentalen Heiterkeit, des Augenzwinkerns. Das Problem ist, dass Peschel dies ins Zentrum seines Spiels stellt. Er jongliert und brilliert damit. Und verschenkt die Rolle daran. Seine Figur ist eine Parodie, fast hebt sie das Stück aus den Angeln, in denen es hängen müsste, um politisch wirksam zu sein - was es ja will.
Oder doch nicht? Peschel hat anscheinend auch Petras angesteckt. Ausgestattet mit Gespür für die stupende Körperlichkeit des Theaters, nutzt der Regisseur jede Möglichkeit, den trockenen Stoff mit Humor zu tränken; so als wolle er proklamieren, die DDR berge hinreichend Anlass zum Lachen. Kautsky etwa ist bei ihm mit Ursula Werner als nachgerade chaplineske Kader-Karikatur besetzt, die Kellnerin Ingrid und die Fabrikarbeiterin Margit werden von Britta Hammelstein sehr vital zu Ikonen des Pop (Ingrid) und der Naivität (Margit) persifliert. Und Regine Zimmermann muss das Ruth-Fischer-Kostüm immer wieder abstreifen, um den dummgeilen Heidewitzka als oberschwäbische Dumpfbacke zu geben.
Bleibt noch Robert Kuchenbuch. Er, der gleich vier Rollen übernommen hat, darf als Bergarbeiter Knigge kurz vor Schluss auch noch DDR-Witze von sich geben und den "Erlkönig" sozialismussatirisch paraphrasieren. Das alles wäre des Guten gewiss zu viel, würde Petras am Ende nicht doch die Kurve kriegen und in Gestalt von Peter Kurth daran erinnern, um was es auf diesem Planeten geht: um die Würde der Menschheit. Um eine Landschaft ohne Helden. Aber mit Sinn.
Maxim Gorki Theater Berlin: 31. Jan., 6. Februar, www.gorki.de