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Missbrauch am Canisius-Kolleg: Stumme Scham

Die Misshandlungsfälle im Berliner Canisius-Kolleg erschüttern die katholische Kirche. Der Skandal zieht weitere Kreise. Immer mehr Opfer melden sich zu Wort. Von Bernhard Honnigfort

Der Teufel war es nicht, der an  deutschen Jesuitenschulen sein Unwesen trieb. (Symbolbild)
Der Teufel war es nicht, der an deutschen Jesuitenschulen sein Unwesen trieb. (Symbolbild)
Foto: ddp

Berlin. Eigentlich gäbe es gute Gründe zu feiern. Vor 85 Jahren erhielt der Jesuitenorden in Deutschland die Erlaubnis zur "Errichtung einer privaten katholischen höheren Lehranstalt für die männliche Jugend". Es war der Startschuss für das Berliner Canisius-Kolleg, eine Elite-Schule, die sich schon bald vor Aufnahmewilligen nicht retten konnte.

Doch den Verantwortlichen heute ist überhaupt nicht nach Feiern zumute. Das Kolleg wird von schwersten Vorwürfen erschüttert: Mindestens 20 Jungen sollen in den siebziger und achtziger Jahren von zwei ehemaligen Patres, dem Sportlehrer Wolfgang S., heute 65, und dem Religionslehrer Peter R., heute 69, sexuell belästigt oder missbraucht worden sein. An anderen Orten weitere Jugendliche. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt.

Der Teufel war es nicht, der an  deutschen Jesuitenschulen sein Unwesen trieb. (Symbolbild)
Der Teufel war es nicht, der an deutschen Jesuitenschulen sein Unwesen trieb. (Symbolbild)
Foto: ddp

Am vergangenen Wochenende war der Leiter des Kollegs, Pater Klaus Mertes, in die Offensive gegangen. In einer "persönlichen Erklärung" schrieb er: "Liebe Kolleginnen und Kollegen, Ihr tiefes Entsetzen über die Untaten von zwei ehemaligen Patres teile ich mit Ihnen. Das Versagen der Ordensleitung, das in diesen Vorgängen auch sichtbar geworden ist, berührt Ihr Verhältnis zum Orden existenziell."

Mertes hatte zum Jahreswechsel einen Brief an 600 ehemalige Schüler aus den betreffenden Jahren geschrieben und ihnen angeboten, sich bei ihm zu melden. Es hatte schon lange Gerüchte über Missbrauchsfälle gegeben. Mehrere Schüler hatten sich schließlich an ihn gewandt und ausgepackt. In dem Brief schrieb Mertes: "Mit tiefer Erschütterung und Scham habe ich diese entsetzlichen, nicht vereinzelten, sondern systematischen und jahrelangen Übergriffe zur Kenntnis genommen." An die Ehemaligen gewandt appellierte er: "Meine Botschaft lautet: Ihr bedroht uns nicht, wenn Ihr redet, sondern Ihr helft, Missstände aufzuklären." Was dann folgte, die "Wucht der Vorfälle", wie Mertes es nannte, habe ihn "erschlagen". Zuerst meldeten sich sieben, dann angeblich noch einmal fünfzehn Ehemalige.

"Grapschereien" und "exzessive Bestrafungsrituale"

Am Montagnachmittag war Stefan Dartmann, der Ordensführer der deutschen Jesuiten, nach Berlin geeilt. Er hatte am Wochenende bekanntgegeben, bereits Ende 2006 von der Leitung des Kollegs über "entsprechende Signale Betroffener" informiert worden zu sein. Die Opfer hätten damals jedoch um absolute Diskretion gebeten. Jetzt soll herausgefunden werden, wer wann was wusste. Mitte Februar soll ein Zwischenbericht fertig sein. Nach Dartmanns Darstellung hat es schon 1981 Hinweise in Form eines Briefes in "verschleierte Sprache" gegeben.

Was vor Jahrzehnten in den Mauern des Berliner Kollegs genau passiert ist, muss noch ermittelt werden. Zwei Patres, so viel steht fest, missbrauchten zumeist in den siebziger Jahren ihnen anvertraute Schüler. Es habe keine Vergewaltigungen gegeben, aber doch "Grapschereien", "Selbstbefriedigung vor anderen" und "exzessive Bestrafungsrituale". Nach Mertes Angaben haben die betreffenden Patres den Jesuiten-Orden verlassen. Sie lehren schon lange nicht mehr an der Schule. Juristisch ist es einfach: Die Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch liegt in Deutschland bei zehn Jahren. Gezählt wird nach Vollendung des 18. Lebensjahres des Opfers. Heute ist klar: Alle Fälle sind offensichtlich verjährt.

Fraglich ist, warum sich das Kolleg nicht schon früher um Anschuldigungen und Gerüchte kümmerte. Nach Zeitungsberichten hatte nämlich Wolfgang S., einer der beiden beschuldigten Patres, die sexuellen Übergriffe nach eigener Darstellung bereits 1991 gegenüber den Provinzialoberen des Jesuiten-Ordens und gegenüber dem Vatikan eingestanden. Ordensleiter Dartmann bestätigte das am Montag. Dem beschuldigten Pater sei damals absolute Diskretion zugestanden worden, als er bei seinem Ordensaustritt bereit war, alles in einem Fragebogen zu gestehen. Der Bogen landete im Vatikan.

Ex-Sportlehrer gibt Taten zu

Wolfgang S., der ehemalige Sportlehrer, soll bis in die neunziger Jahre in kirchlichen Organisationen gearbeitet haben. Laut Spiegel leitete er für das "Kolpingwerk" in Santiago de Chile ein Hotel für Studenten und Praktikanten. Er hat in einem Brief an die Opfer seine Taten zugegeben. Es sei "eine traurige Tatsache, dass ich jahrelang Kinder und Jugendliche unter pseudopädagogischen Vorwänden missbraucht und misshandelt habe". Daran sei "nichts zu entschuldigen". S. schrieb: "Was ich dir und euch angetan habe, tut mir leid. Und falls du fähig bist, mir diese Schuld zu vergeben, bitte ich darum." Wolfgang S. war in jenen Jahren auch an anderen Jesuiten-Kollegs tätig. In der Hamburger St. Ansgar-Schule haben sich drei Opfer gemeldet, in St. Blasien im Schwarzwald zwei.

Der Ex-Religionslehrer Peter R., der ab 1982 in Göttingen arbeitete und in der Jugendseelsorge tätig war, ist später von einem Mann mit einem Messer angegriffen worden. Angeblich war der Angreifer ein ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs. In Göttingen soll er damals ein 14-jähriges Mädchen "begrapscht" haben.

Rechtsanwältin Ursula Raue, Beauftragte des Jesuiten-Ordens für Fälle von sexuellem Missbrauch, sagte am Montag, die meisten Opfer hätten aus Scham geschwiegen. Dass allerdings der Brief von acht Schülern an die Berliner Schulleitung und das Bischöfliche Ordinariat, 1981 geschrieben, nicht beachtet worden sei, könne sie sich nicht erklären.

Autor:  Bernhard Honnigfort
Datum:  2 | 2 | 2010
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