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Münchner Kammerspiele: Glaube, Liebe, Egoismus

Lauter arme Dinger - die beschreibt John Birke seiner Uraufführung "Armes Ding". Es geht um drei Frauen, drei Arten der Selbstlosigkeit, drei Arten die Welt zu retten und Egoismus. Von Christine Diller

Drei Frauen, drei Arten der Selbstlosigkeit, drei Arten die Welt zu retten. Die erste Frau sprengt aus christlichem Fundamentalismus als Selbstmordattentäterin einen Moscheeneubau in die Luft. Die zweite heiratet und pflegt ihren bei einem Bombenanschlag verstümmelten Freund, einen Rettungshelfer.

Die dritte bietet als "Mietopfer" potenziellen Gewalttätern ihre Dienste an, Sex ausgenommen. Die drei Szenarien "Glaube", "Liebe", "Arbeit" hat der 27-jährige Autor John Birke für die Münchner Kammerspiele entworfen und unter dem Titel "Armes Ding" zusammengefasst. Schnell drängen sich bei diesen Taten Urteile auf: Die erste ist fraglos böse - unschuldige Menschen werden in den Tod gerissen. Die zweite ist in mitmenschlicher Hinsicht natürlich gut - eine Frau hält ihrem verkrüppelten Mann die Treue. Die dritte, nun ja, ist Geschmacksache und kann angeblich potenzielle Täter von Verbrechen abhalten.

Als Gleichnisse für versteckten Egoismus hat Felicitas Brucker die Uraufführung im Werkraum inszeniert. Gespielt werden sie auf Dorothee Curios archaischer Bühne, ausgelegt mit dicken Plastikpacken, umgeben von Putzeimern und ärmlichen Waschbecken. So schwach die erste Episode szenisch ausfällt, in der Sylvana Krappatsch mit der Bombe ausstaffiert wird, so sehr gewinnt die caritative Pflege-Szene Größe. Da verbindet Krappatsch fürsorglich Edmund Telgenkämpers Gesicht mit durchsichtigem Klebeband - schon ist er ein entstellter Mann, finanziell angewiesen auf die Vermarktung seiner Heldengeschichte durch die Medien - und existenziell abhängig von seiner aufopferungsvollen Frau. Die will jetzt schließlich auch eine Heldin sein und mit ihrem Gewissen im Reinen. Und schon ist der Egoismus deutlich, der den Mann zum Gefangenen seiner Frau macht: "Ich hatte keine Wahl, ich habe mir das nicht ausgesucht", sagt er.

Das ist vielleicht die Erkenntnis des Abends: Dass jeder Opferbereitschaft eine Gewaltfantasie innewohnt. Im dritten Teil erlangt das "Mietopfer", das vermeintlich die Gesellschaft schützt, mit seiner Geschäftsidee moralische Macht über seine Kunden. Hier läuft Lena Lauzemis als Peinigerin zu großer Form auf, neben der in ihrer Radikalität stets rührenden Krappatsch und dem sanftmütig spielenden Telgenkämper.

"Armes Ding" ist eine exemplarisch Studie über das Missionarische im Menschen, das die anderen zum Ding macht. Zu lauter armen Dingern.

Münchner Kammerspiele, Werkraum: am 2., 15. und 30. Dezember. www.muenchner-kammerspiele.de

Autor:  CHRISTINE DILLER
Datum:  3 | 12 | 2008
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