Albert Mangelsdorff, erzählt man sich, konnte die Posaune gleichzeitig blasen und mit ihr singen. Wie er, der musikalische Autodidakt, sein Instrument spielte, war unverkennbar, ergreifend und einmalig. Diese Musik, Mangelsdorffs Improvisationen des Jazz, gibt es seit dem Tod des Frankfurter Künstlers nicht mehr, die Töne sind verflogen. Was bleibt, ist, was man konservieren kann: Tonaufnahmen in Alben und Kompositionen, lauter Noten, in Mappen.
40 Regalmeter Mangelsdorff-Nachlass hat die Familie dem Institut für Stadtgeschichte zur Pflege und zur Forschung überlassen, "zu einem angemessenen Preis", wie es hieß. Vor der Präsentation am Mittwoch hatte seine Witwe Ilo Mangelsdorff ein letztes Mal "die King" ausgepackt, die berühmte Posaune. Mit "der King" hat der Musiker durch beinahe sechs Jahrzehnte den guten Ruf der Stadt in alle Welt geblasen. Jetzt liegt sie im Archiv-Regal, bei der Gitarre, mit der diese Musiker-Karriere nach dem Krieg begann - und dient neben Tonträgern und Schriftstücken dazu, "seine Musik zu beurteilen", wünschte sich Mangelsdorff-Sohn Ralph .
Nach und nach könnte aus all den Zeitungs-Ausschnitten, den Autogrammkarten, den Urkunden, den Notizbüchern, den Briefen auch das ganze Drumherum der Frankfurter Jazzgeschichte beleuchtet werden: angefangen bei den Schwofs in den Clubs der Amis und den Nächten im Frankfurter Jazzkeller - "bis zum frühen Morgen!", rief der Impresario Fritz Rau aus, der zur Übergabe am Mittwoch in der Borsigallee auch dabei war.
Seit dem Tod Mangelsdorffs bemühte man sich um den Nachlass
Denn das Mangelsdorff-Archiv, um dessen Übergabe sich Kulturdezernent Felix Semmelroth wie auch Institutsleiterin Evelyn Brockhoff seit dem Tod des Posaunisten 2005 bemüht haben, soll zum Grundstock eines Jazz-Archivs werden. In Frankfurt, betonte Semmelroth, hatte diese Geschichte schon vor 100 Jahren begonnen, als am Dr.Hoch'schen Konservatorium die erste Jazzklasse einer deutschen Hochschule eingerichtet wurde.
Bis zum Jahr 1933, als diese Musik der Avantgarde von den Machthabern verboten und in die Illegalität der Swing-Clubs gedrängt wurde. Nach der Wiederbelebung in den späten 40er Jahren, als Albert Mangelsdorff vom Rhythmus-Gitarristen in einer Bigband zum Solo-Posaunisten avancierte, habe der Künstler "maßgeblich zur Emanzipation des europäischen Jazz vom amerikanischen beigetragen".
Und zwar von seiner Geburtsstadt aus. Seine Witwe hatte ein Buch dabei, in dem ihr Mann mit der Äußerung zitiert ist: "Sehr oft werde ich gefragt, ob ich nicht besser in den USA gelebt hätte. Aber ich glaube, dass ich in Frankfurt am besten aufgehoben war. Ich wollte nie weg von Frankfurt."
"Und da bleibt er jetzt auch", bekräftigte Direktorin Brockhoff sogleich. Womit sie auch ankündigen wollte, dass Mangelsdorffs Musik, der Jazz, erklingen solle - demnächst zum Beispiel im Kreuzgang des in Sanierung begriffenen Karmeliterklosters, wo das Institut für Stadtgeschichte, vormals Stadtarchiv, seinen Sitz hat. Auch Wolfram Knauer vom Darmstädter Jazz-Institut, der den Nachlass bewertet und ein 25 Seiten umfassendes Inventar aufgestellt hat, will dazu beitragen, "das Archiv zum Leben zu erwecken".
Umso mehr, als der Jazz als "eine alternde Kunst" einzuschätzen sei, wie man von den versammelten Experten erfahren konnte. Einst war es die Musik der Jungen, die sind in die Jahre gekommen, "jetzt hören sie die Älteren". Belebungsversuche seien, obwohl "viele junge Profis an den Schulen" die Musik spielen, bisher "nicht so von Erfolg gekrönt".