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Oberhausen: Oma ex machina

Oberhausen trotzt der drohenden Schließung mit Theaterlust und einer Uraufführung von A. L. Kennedy.

Es wird eng für das Theater Oberhausen. Die Stadt ist mehr als pleite,die Aufsichtsbehörde verlangt, dass die Kommune im nächsten Haushalt knapp 160 Millionen Euro einspart. Das würde - neben vielen anderen Grausamkeiten - die Einstellung aller freiwilligen Leistungen bedeuten, also die Schließung des Theaters. Natürlich kämpft die Stadt dagegen an, fordert eine Sanierung des Haushalts mit Hilfe des Landes. Aber bisher gibt es keine Signale des Einlenkens.

Protestaktionen sind nicht geplant. Die Theatermacher machen Theater. Der neue Intendant Peter Carp will mit Leistung überzeugen und hat einen der interessantesten Spielpläne der Saison vorgelegt. Nach dem hervorragenden Start mit der deutschen Erstaufführung der "Woyzeck-Opera" von Tom Waits haben Herbert Fritzsch Molière und Andrea Moses Brechts Lehrstück "Die Mutter" mit der Musik von Hanns Eisler inszeniert. Eine außergewöhnlich liebevolle Aufführung von "Tom Sawyers Abenteuern" zieht viel Publikum weit über die Weihnachtszeit hinaus ins Theater.

Carp sucht neue Wege zwischen Schauspiel und Musiktheater und setzt dabei vor allem auf den in allen Stilen bewanderten Otto Beatus, der eine Bühnenmusik nach der anderen komponiert oder arrangiert. Als erste eigene Inszenierung seiner Intendanz hat Carp nun ein Theaterstück der schottischen Bestsellerautorin A. L. Kennedy uraufgeführt, "Altweibersommer".

Obwohl Kennedys Romane "Gleißendes Glück" und "Paradies" großen Erfolg haben, interessierte sich in Großbritannien noch keine Bühne für ihre Dramen. "Altweibersommer" nimmt den harten, hyperrealistischen Ton der Prosa auf. Die Familie Reith erscheint im Frust und verzweifelten Streben nach Glück vereint. Mutter Pat zerschmeißt Porzellanfiguren und ergeht sich in Gewaltfantasien, in denen ihr Gatte das Opfer ist. Vater Maurice arbeitet bei einer Versicherung und schiebt einem kriminellen Bauunternehmer Aufträge zu. Dafür bekommt er Sessel und Sofas, die unausgepackt zu Hause herumstehen. Maurice Männlichkeitsbild lässt es nicht zu, von seiner Korruption zu erzählen, obwohl Pat ihn verdächtigt, fremd zu gehen. Die Tochter will schwanger, der Sohn Priester werden, um aus der Familienhölle auszubrechen. Was natürlich nicht gelingt. A. L. Kennedy hat eine böse Farce mit albtraumhaften Momenten geschrieben, in der überraschende Wärme aufscheint. Kurz vor der Katastrophe gibt es noch ein Gefühl von Gemeinsamkeit. Auch wenn eine monströs menschelnde Großmutter als Oma ex Machina auftreten muss, um Ordnung in die verworrene Situation zu bringen.

In eine umgekippte Einkaufstüte aus dem Supermarkt hat Bühnenbildner Kaspar Zwimpfer die Sesselsofawüste der Reiths hinein gebaut. Ein tolles Bild der Konsumsinnlosigkeit. "Ein häusliches Musical" heißt das Stück im Untertitel. Also ist wieder Oberhausens musikalische Allzweckwaffe Otto Beatus gefragt, der im Schottenrock am Klavier sitzt und den Schauspielern tänzerisch-leichte Songs auf die Leiber komponiert hat. Wobei die nostalgisch anmutende Musik im hinreißend ironischen Kontrast zu den brutalen Inhalten der Texte steht. Leider schleppt sich Peter Carps Inszenierung über lange Zeit dahin, weil er die Pointen nicht garstig funkeln lässt, sondern von Anfang an mit Menschlichkeit unterfüttert. So rutscht die Aufführung ins Sentimentale, A. L. Kennedys Stück hat aber mehr mit Molière zu tun als mit einer tschechowschen Seelenballade des ungelebten Lebens.

Den guten Schauspielern - vor allem Torsten Bauer als Maurice und Anja Schweitzer als Pat - gelingen Momente der Melancholie, die Lust am Boshaften aber fehlt. Mitgefühl wirkt stärker, wenn es die Zuschauer überraschend erwischt. Trotzdem ist auch diese Aufführung ein Beleg für Oberhausens Weg nach oben. Jürgen Kruse, der herzenswunde Rockpoet, inszeniert gerade einen Tschechow/Hölderlin-Abend, und Otto Beatus bereitet ein Velvet Underground-Projekt vor. Das Theater Oberhausen ist auf einem spannenden Weg und lässt sich auch durch den möglichen Absturz in die kommunale Schuldenfalle nicht beirren.

Theater Oberhausen: 17., 25., 29. Januar, 12., 13., 20., 25., 27. Februar. www.theater-oberhausen.de

Autor:  STEFAN KEIM
Datum:  14 | 1 | 2009
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