Die Krise ist vorbei. Mehrere Jahre lang gab es von Peter Konwitschny nur Wiederaufnahmen einiger seiner Maßstäbe setzenden Operninszenierungen. Nun ist er Chefregisseur des Leipziger Musiktheaters, wird dort zwei Premieren pro Spielzeit bringen und im November "Salome" in Amsterdam. Doch zunächst kehrt er nach Jahrzehnten zum Schauspiel zurück, mit einem überragenden "König Lear" in Graz.
Lear fällt vom Balkon. Die Hofgesellschaft schreit auf. Es war nur eine Puppe, der echte König steht kichernd am Rand der Szene. Nichts Edles ist an diesem Herrscher, der seinen Töchtern die Macht überträgt. Lear will einfach allen Stress von der Backe haben und mit seinen jungen Soldatenkumpels saufend durch die Lande ziehen und natürlich immer noch der wahre Boss sein, wenn's drauf ankommt.
Das Pensionsalter hat der noch lange nicht erreicht. Der Schauspieler Udo Samel ist 55 und sieht auch nicht älter aus. Wenn etwas nicht nach seiner Nase geht, wird sein Ton scharf. Er will, dass alle ihn anschleimen. Die ehrlichen Worte seiner Tochter Cordelia sind das Letzte, was Lear gerade hören möchte.
Ob die Jüngste des Herrscherclans wirklich ihr Herz nicht auf die Zunge bekommt, bleibt allerdings fraglich. Es könnte auch sein, dass Cordelia sich bloß verkalkuliert. In einer Inszenierung Konwitschnys sollte man nie dem Schein trauen. Auf jeden Fall bebt man nicht gerade vor Mitleid, wenn die beiden älteren Töchter schon bald ihren Vater demütigen.
Dieser egomanische Tyrann hat nichts anderes verdient. Doch dann kriegt Udo Samel doch wieder die Kurve, unterfüttert große Tragödientonfälle mit plötzlichen Heulkrämpfen. Der kleine, einsame Junge im gewaltigen König kommt zum Vorschein, wird aber gleich wieder hinter die auseinander brechende Fassade geschickt.
Ein Teil des Publikums sitzt vor der Pause auf der Bühne, ein Steg ragt ins Parkett hinein, der in einer in den ersten Rang führenden Treppe endet. Die Darsteller müssen nach allen Seiten spielen, wie in Shakespeares Globe-Theater. Nicht nur das, sie kommen auch aus den Türen zum Foyer, klettern durch die Reihen, Lears Tochter Regan und Gemahl trinken in einer Seitenloge Champagner.
Die Zuschauer werden oft direkt angesprochen, in der Sturmszene muss die erste Reihe aufstehen, und Lear reißt die Stühle aus den Verankerungen. Toneffekte und Windmaschine sind da nicht nötig, die Urgewalt ist Udo Samel selbst, der Sturm tobt in seinem Inneren.
Zweieinhalb Stunden dauert der spielwütige erste Teil, keine Minute ist langweilig. Kleine Schwächen gibt es im Ensemble. Otto David als Narr ist nur ein älterer Schauspieler mit guter Sprechtechnik, kein gleichwertiger Partner Lears wie die fulminante Birgit Minichmayr in Luc Bondys Burgtheater-Inszenierung. Einige jüngere Darsteller fühlen sich in der Action spürbar wohler als in vielschichtiger Textgestaltung, obwohl die griffige Übersetzung von Werner Buhss viele Klippen meidet.
Aber die Einwände sind Nebensache, Konwitschnys Interpretation ist so schlüssig wie kreativ. Und es gibt auch neben Samel darstellerische Glanzpunkte wie Götz Argus als geblendeter Graf Gloster. Wie sich Goneril (Frederike von Stechow) und Regan (Jaschka Lämmert) immer hemmungsloser der Geilheit des Bösen hingeben, hat Tarantino-Format.
Nach der Pause sitzen alle Besucher wieder im Parkett. Die vom Grazer Opernintendanten Jörg Koßdorff entworfene Bühne zeigt nun nach hinten spitz zulaufende Wände, auf die Texte und Bilder projiziert werden. Schnell wechseln die Schauplätze, die Aufführung geht zunehmend ins Surreale.
Die Wiederbegegnung des wahnsinnigen Lear mit Cordelia geschieht parallel live und auf Video, wobei die Szene sich unterschiedlich entwickelt - Samels Leinwandpräsenz wird sofort sichtbar. Die Schauspieler, vor der Pause historisierend kostümiert, sind nun heutig gekleidet.
Das war noch nicht der letzte Bruch. Zur finalen Todesorgie fliegen die Wände hoch, und das Ensemble sitzt in Privatklamotten auf der leeren Zuschauertribüne. Ruhig, fast teilnahmslos sprechen sie die Sätze, erschießen und vergiften sich, verrecken, als ob es niemanden mehr etwas anginge. "König Lear" ist Shakespeares schwärzeste Tragödie, es gibt keine Mutter, keine Frau ist mehr fruchtbar.
Die Menschheit scheint wahrhaftig am Ende. Das mutet Konwitschny dem Publikum am Ende des fast vierstündigen Abends zu. Jede Spielfreude ist verflogen, Leidenschaft nur noch blasse Erinnerung. Lear fordert die Zuschauer am Ende auf herzuschauen. Dann gehen die Spieler von der Bühne, ohne dass das Licht erlischt.
Alle "Lear"-Facetten in einer Inszenierung zu erspüren, ist unmöglich. Doch Konwitschny wird dem unglaublich komplexen Stück gerecht. Und Samel, der zuvor keinesfalls als eine ideale "Lear"-Besetzung gelten konnte, schafft es,mit abgründiger Komik und überwältigender Kraft den großen Gert Voss auszustechen.
Schauspielhaus Graz: 28. Februar,
4., 6., 12., 24. März.