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Peter Licht: Marketingtheater

Peter Lichts therapeutisches "Räume räumen" in München.

Unsichtbar sein: Davon träumen Menschen schon so lange. Endlich den Blicken, dem Zugriff seiner Mitmenschen in Beruf und Privatleben entzogen sein, welch beruhigender Gedanke in Zeiten stetig zunehmender Verfügbarkeit für alle: Lasst mich endlich mal in Ruhe. Forscher aus den USA und China arbeiten nun schon seit ein paar Jahren an einem Material, das diese Träume eines Tages wahr werden lässt. Tausende von Glasfaserteilen leiten sichtbares Licht so um ein Objekt herum, dass der Eindruck entsteht, die Lichtwellen strömten durch einen leeren Raum. Peter Licht ist sicher unter den Ersten, die sich den Tarnumhang des dritten Jahrtausends zulegen werden, zur höchsten Freude seiner drei Kinder: Papi Meinrad ist mal wieder abgetaucht, los, suchen. Der Finder darf seine Brille behalten, dann sieht er nichts mehr!

Der Musiker, Autor und Regisseur Peter Licht hilft sich bis zur Massentauglichkeit des neuen Metamaterials mit einer einfachen Methode: Er versteckt sein Gesicht auf öffentlichen Fotos. Dieser semi-konsequente Entzug im Mitmachspiel des Sichverkaufens in den unnachgiebigen Public Relations ist zwar nicht neu, erfordert neben Disziplin aber auch einen Schuss Selbstironie. Der Gewinn: Man kann immer wieder betonen, dass man so unauffällig aussieht, dass sich auf den Straßen Kölns niemand nach einem umdreht und sich über Spekulationen freuen, man sei in Wirklichkeit ein verunstalteter Inder.

In München, fernab der rheinischen Dauerextrovertiertheit, hat Peter Licht nun eine Bühne für sein "Festival vom unsichtbaren Menschen" gefunden. In den Kammerspielen wird mit dem gemeinsam mit S. E. Struck inszenierten Stück "Räume räumen" bereits die dritte Produktion aufgeführt, die sich mit dem Werk des Multitalents auseinandersetzt. Das Haus ist voll, das junge Premierenpublikum gut gelaunt, die Vorschusslorbeeren sind mit Händen zu greifen: Für seine Erzählung "Die Geschichte meiner Einschätzung am Ende des dritten Jahrtausends" hat er 2007 Preise beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb erhalten, sein vor kurzem veröffentlichtes Pop-Album "Melancholie und Gesellschaft" fährt siegessicher durch die Wogen der Kritik.

Unter einem Sternenhimmel aus Glühbirnen stehen Zuschauer und Schauspieler, zunächst noch im Dunkeln des stuhlbefreiten Theatersaals. Und dann fangen sie an zu erzählen, die Vorleser: Nach und nach wird im Verlauf des Abends Peter Lichts preisgekrönter Text vorgetragen. Gelegentlich versammeln sich die Schauspieler zu kleinen Gruppen und singen im Chor die Lieder von Peter Lichts aktueller CD. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Die Inszenierung bleibt seltsam hilflos; Es wird sanft gemarthalert, in eigener Sache. Theater als Teil des Warenkreislaufs. Der abgemurxte Weltenbürger ruhe in Frieden. Um das Ganze nicht allzu unverbunden dastehen zu lassen, müssen Vorleser und Sänger den halben Abend Möbel rücken. Bei aller Vorsicht: ein wenig Mehrwert muss nicht schlecht sein. Und gegen den Moloch des Fremd- und Selbstverwertungs-"Systems" sein und gleichzeitig ein bisschen mitmachen, das hat noch immer zu schwer lösbaren Konflikten geführt.

Es sind die großen Dinge, die Peter Licht nach eigener Aussage bewegen: Kapitalismus, Freiheit, das Verhältnis von Individuum und Kollektiv. An der Münchner Inszenierung wird jedoch deutlich, dass der Kölner Künstler bis jetzt die Oberflächenspannung seiner Themen nur punktuell durch seinen Wortwitz durchbrechen kann. Seine Bilder bleiben meist ohne Tiefenschärfe. Ist heute wirklich schon ein Kapitalismuskritiker, wer seine Lieder einfach "Lieder vom Ende des Kapitalismus" nennt und die Finanzkrise toll findet, weil sie eben dieses Ende einläute? Aber vielleicht möchte Licht die Rolle des theoriefesten, souveränen Vordenkers auch gar nicht einnehmen. Seine eingängige Pop-Musik, seine geschickt taktierende Pop-Literatur und sein kuscheliges Pop-Theater besitzen durch ihr humorvoll-anregendes Potential die therapeutische Kraft, das Publikum in seiner ureigensten Hilflosigkeit in diesen (un-?)kritischen Zeiten abzuholen. Wenn es dem liebevollen Metaphysiker gelingt, seine Versuchsanordnungen so zu strukturieren, dass sie Licht inmitten des Tunnels werfen, ist vieles möglich.

Manchmal, an Sommertagen, wenn der Asphalt so heiß ist, dass er einem schon leid tut, kommt es zu Luftspiegelungen. Dann sieht man Dinge, die man sich wünscht, oder Dinge, die weh tun. "Alles was Du siehst gehört Dir": diese naiv-verzweifelte Zitatformel hat Peter Licht zu seinem romantischen Credo gemacht. Manchmal tut es einfach gut, die Augen zu schließen. Und sich den Tarnmantel umzuwerfen.

Münchner Kammerspiele: 3., 4., 10., 11., 14., 18., 21. Februar.

Autor:  K. ERIK FRANZEN
Datum:  2 | 2 | 2009
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