"Ich bin kein Feind der Pharmaindustrie"
Investiert die Pharmaindustrie an der falschen Stelle?
Sie investiert dort, wo sie einen Return erwartet. Ein großes Problem sind seltene Krankheiten. Ein Beispiel: Enzymdefekte bei Kleinkindern. Man kennt die Enzyme, man könnte sie ersetzen. Sie werden aber nicht hergestellt, das lohnt sich nicht. Das Kind einer Freundin ist gestorben, obwohl man genau weiß, welches Enzym ihm fehlt. Aber das wird nicht hergestellt, es sind zu wenige Kinder. Mittel gegen Demenz wären dagegen super für den Gewinn, das ist ein Riesenmarkt. Ihrer ethischen Verantwortung stellt sich die Industrie nicht genügend.
Sie sind Arzt, viele Spitzenmediziner arbeiten eng mit der Pharmaindustrie zusammen.
So gut wie alle.
Was sagt das über Ihren Berufsstand aus?
Ärzte sind Menschen und die meisten Menschen wollen mehr Geld verdienen, als sie verdienen. Aber Ärzte verdienen genug Geld. Ich finde es unangemessen, wenn meine Kollegen aus dem Porsche aussteigen und sich für die Demonstration für mehr Geld eine Weste anziehen mit der Aufschrift "Arzt in Not". Die Patienten wissen das, sie sehen ja, welches Auto ihr Arzt fährt und wie er wohnt.
Aber sie wissen nicht, für welche Pharmafirma ihr Arzt arbeitet.
Das stimmt. Der Patient muss aber wissen, von welchem Hersteller ihr Arzt Geld bekommt. Und die Koryphäen, die auf der Payroll der Pharmaindustrie stehen, müssten das auch öffentlich machen.
Wie geht es nun mit dem Institut weiter? Sehen Sie einen potenziellen Nachfolger?
Ja, einige. Ich nenne aber keine Namen, denn die werden´s dann nicht.
Meinen Sie, die haben nach dem Streit um Sie noch Lust auf den Job?
Sie brauchen einen geschützten Raum, die politische Akzeptanz eines unbequemen Instituts.
Offenbar will die Regierung aber jemanden, der industriefreundlich ist.
Ich bin auch industriefreundlich. Ich bin kein Feind der Pharmaindustrie. Wer soll denn die Medikamente herstellen? Aber wir brauchen eine Industrie, der wir vertrauen können, die uns nicht betrügt, die keine Studien unterschlägt, die keine Leute besticht. So wie die Pharmaindustrie derzeit arbeitet, kann es nicht weitergehen. Ein Pharmamanager sagte mir: Im Ansehen der Bevölkerung kommen wir direkt nach den Drogendealern. Das ist nicht schön für jemanden, der da arbeitet. Ich will die Leute in der Industrie unterstützen, die eine Änderung zum Besseren wollen. Das könnte doch ein hoch angesehener Wirtschaftszweig sein.
Was raten Sie Ihrem Nachfolger?
Das Wesentliche ist Unabhängigkeit. Sobald man sich mit jemandem gemein macht und aufgrund dieses Einflusses die Empfehlungen verändert, ist das Institut am Ende.
Sehen Sie diese Gefahr nicht?
Natürlich. Aber alle Mitarbeiter des Instituts werden die Unabhängigkeit auch ohne mich verteidigen.
(Interview: Wolfgang Wagner, Jutta Maier)