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Porträt: Der härteste Sheriff der USA

Joe Arpaio führt ein fragwürdiges Regiment. Der Sheriff von Arizonas bevölkerungsreichstem Bezirk greift hart durch - und führt seinen Zeltknast fast wie ein Konzentrationslager. Von Nina Rehfeld

Hat Gefangenen rosa Unterwäsche verordnet, weil sie diese hassen: Joe Apaio, offiziell ein Gesetzeshüter.
Hat Gefangenen rosa Unterwäsche verordnet, weil sie diese hassen: Joe Apaio, offiziell ein Gesetzeshüter.
Foto: rtr

Joe Arpaio sitzt in seinem Büro im achten Stock eines Hochhauses in Phoenix und freut sich, dass seine Leute soeben eine Tierquälerin verhaftet haben. "Ihr Hund ist im Einsatzwagen gestorben. Damit kann ich gar nicht umgehen", sagt der 77-Jährige. Bei seinen Mitmenschen zeigt er weniger Mitgefühl. Der Sheriff von Arizonas bevölkerungsreichstem Bezirk Maricopa County ist berühmt dafür, einen Zeltknast in die sengende Wüste gestellt zu haben, wo die Gefangenen Streifenkleidung und rosa Unterwäsche tragen müssen.

Tent City ist der ganze Stolz des Mannes, der seit 18 Jahren im Amt ist und sich gern als "Amerikas härtester Sheriff" bezeichnet - mit durchschlagendem Erfolg. 2008 wurde er zum fünften Mal wiedergewählt. "Ich sage Ihnen warum", sagt er und weist seine Sekretärin an, sein Handy anzurufen. Frank Sinatras "My Way" erklingt. "Deshalb. Weil ich die Dinge auf meine eigene Weise mache."

Zur Person

Joseph M. Arpaio wurde am 14. Juni 1932 in Springfield, Massachusetts, als Sohn italienischer Einwanderer geboren. Nach vier Jahren in der Armee arbeitete er 25 Jahre lang als Spezialagent für die amerikanische Drogenbehörde DEA, unter anderem in der Türkei und Mexiko, und leitete schließlich den Zweig der Behörde in Arizona.

In Arizona stellte er sich 1992 im bevölkerungsreichsten Bezirk Maricopa County als Sheriff zur Wahl und gewann. Seither wurde er viermal wiedergewählt, zuletzt 2008. Im Herbst wird er eventuell für den Gouverneursposten in Arizona kandidieren. Arpaio ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. (nre)

Arpaio führt seinen Knast, einen Schotterplatz mit offenen Zelten als Unterkünfte für die Gefangenen, wie eine viktorianische Besserungsanstalt. Manche sagen, wie ein Konzentrationslager. Wer sich in Tent City nicht "freiwillig" zur Arbeit meldet, kommt unter Verschluss - 23 Stunden in der Zelle, eine Stunde Ausgang. Lange Haare und Bärte sind verboten, tägliche Glattrasur der Männer ist Pflicht. Es gibt nur zwei berüchtigt scheußliche Mahlzeiten am Tag.

Arpaio lässt sich immer neue medienwirksame Maßnahmen einfallen, die sein Motto "Mein Knast ist kein Hotel" unterstreichen. Vor kurzem ließ er für seine weiblichen Insassen einen pedalbetriebenen Fernseher bauen. Wer TV gucken möchte, muss strampeln. "Ich finde das eine tolle Idee. Wissen Sie, viele unserer inhaftierten Frauen sind übergewichtig", sagt der Sheriff, der selbst ein paar Kilo zu viel auf den Rippen hat. "Dafür, dass sie sich abstrampeln, lasse ich sie wieder Seifenopern gucken."

Als Krawattennadel trägt Arpaio eine goldene Pistole, und er behauptet, dass er niemals lächle. Aber der Sohn italienischer Einwanderer ("legaler Einwanderer!", wie er betont) aus Massachusetts wirkt eher wie ein grantelnder Onkel als ein knallharter Wildwest-Sheriff.

1993, kurz nach seinem Amtsantritt, baute er den Zeltknast, um Arizonas chronisch überbelegten Strafvollzug zu entlasten. Statt die veranschlagten 70 Millionen Dollar für einen Gefängnis-Neubau zu fordern, erwarb Arpaio für 150 000 Dollar ein billiges Stück Land neben einer Müllkippe, zog einen Elektrozaun drumherum, bestückte es mit ausrangierten Armeezelten, Etagenbetten - und 2000 Bagatelltätern: vor allem Trunkenheitsfahrer und Drogenkonsumenten. Hierher kommt man nur mit einem Strafmaß von weniger als einem Jahr.

Sheriff Joe spricht von 60 Grad im Schatten, obwohl die Rekordtemperatur in Phoenix seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1896 lediglich bei 50 Grad liegt. Er erzählt stolz von seinen Chaingangs, von Häftlingen, die nach dem Vorbild der Strafkolonnen des amerikanischen Südens im 19. und frühen 20. Jahrhundert aneinandergekettet Unkraut jäten oder Müll einsammeln müssen. Und er sagt, er habe rosafarbene Unterwäsche verordnet, weil die Gefangenen das hassen. "Warum sollte ich ihnen etwas geben, das sie mögen?"

Aneinandergekettete Häftlinge

Auch wenn der Sheriff nach Kräften das Ekel gibt, sagen viele Insassen, es lasse sich an der frischen Luft allemal besser aushalten als in einem Betonblock mit Neonlicht. Ein Knastwärter berichtet, es hätten sogar schon Leute dafür bezahlt, in Tent City anstatt woanders einzusitzen.

Natürlich sei es im Sommer heiß hier, und im Winter werde es bei nächtlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt trotz fünf Decken schon mal ungemütlich, sagt Giovani Salgado, 20, der wegen Marihuana-Besitzes einsitzt. "Aber wirklich schlimm ist, dass die Abflüsse in den Toiletten ständig verstopft sind, es ist einfach ekelhaft." Salgado will sich einer laufenden Sammelklage gegen die hygienischen Verhältnisse in Arpaios Gefängnis anschließen, sobald er im Juli rauskommt.

Arpaio regiert seinen Vier-Millionen-Bezirk, als wär´s sein Königreich, und mit seinen 3000 Gefolgsleuten - freiwilligen, vom Sheriff eingeschworenen Hilfskräften - verfügt er sogar über eine Art Privatarmee. "Klar, manche Leute in Washington mögen mich nicht. Aber ich bin niemandem verantwortlich, nur den Leuten, die mich wählen. Das ist ja das Schöne an meinem Job."

Viele halten inzwischen den Sheriff selbst für Arizonas übelsten Gesetzesbrecher. Das US-Justizministerium und das FBI ermitteln gegen ihn wegen Bürgerrechtsverstößen und Machtmissbrauchs - unter anderem soll er den Phoenixer Bürgermeister und den Polizeichef des Stadtteils Mesa eingeschüchtert haben. Als das Stadtblatt Phoenix New Times vor drei Jahren über undurchsichtige Immobiliendeals von Arpaio berichtete, ließ der Sheriff kurzerhand Herausgeber und Chefredakteur verhaften.

Joe Arpaio bedauert nichts. Außer, dass er sich nicht schon früher zur Gouverneurswahl gestellt hat, wie er das im Herbst vielleicht tun will. Denn sonst, sagt der Sheriff ohne jede Ironie, hätte er es vielleicht zum Präsidenten bringen können.

Autor:  Nina Rehfeld
Datum:  17 | 4 | 2010
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