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30. September 2009

Protokoll eines Dramas: Der verlorene Sohn

Das Archivbild zeigt Plüschteddys - die Teddys von Ron sind verwaist.  Foto: ddp

2006 wird ein Siebenjähriger mit Gewalt aus der Wohnung seiner Mutter geholt. Die Begründung ist dürftig, doch auch nach einem Suizidversuch des Kindes bleibt die Entscheidung bestehen.

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In ihrer Wohnung brennt kein Licht. Draußen ist es den ganzen Tag nicht richtig hell geworden, ein Grauschleier liegt über der Stadt, und es scheint, als läge er auch hier drinnen, im Kinderzimmer ihres Sohnes. Ron wird er in dieser Geschichte heißen, zum Schutz seiner Persönlichkeitsrechte.

Ron hat sein Zimmer seit zweieinhalb Jahren nicht mehr betreten, und doch ist Ron irgendwie da. Auf den Regalen verstauben seine Was-ist-Was-Bücher und die hölzernen Dinosaurier, die er aus den Einzelteilen eines Bausatzes zusammengeklebt hat.

In diesem Reich muss ein kreatives Kind zu Hause gewesen sein, eines mit Phantasie. Was hat Ron nicht alles gebastelt! Roboter und Raumschiffe aus Tonpapier. Heidi S., seine Mutter, hat sie in einer Schachtel verwahrt, auch den Kopf eines Affen, von dem Ron gesagt hat, sie solle ihn gut aufbewahren. Es sei ein Talisman.

Wann er ihn ihr geschenkt hat, weiß sie genau. Es war der 23. Oktober 2006, der Vorabend jenes Tages, an dem ihr das Jugendamt ihren damals siebenjährigen Sohn weggenommen hat. Es war 5.35 Uhr, als es an ihrer Tür klingelte.

Die Uhrzeit erscheint am unteren Rand einer Videoaufzeichnung, die ihre damals 15-jährige Tochter Tashina mit der Kamera gedreht hat. Im Sommer 2008 konnte man Ausschnitte daraus in einem Fernsehfilm sehen. Titel: "Wenn Jugendämter versagen".

Eine NDR-Journalistin hatte Schicksale von Kindern dokumentiert, die infolge fehlender Kontrolle der Jugendämter verhungert sind oder die - wie Ron - auf Anweisung der Behörden in ein Heim gesteckt wurden.

Der Film wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, von dem Kritiker der staatlichen Kinder- und Jugendhilfe sagen, es sei strukturell bedingt. Hierzulande fehle eine Instanz, die die Jugendämter kontrolliere.

Gesetzeslücken eröffneten dem Machtmissbrauch durch Sozialarbeiter Tür und Tor.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg hat mehrfach undurchsichtige Verfahrensweisen und willkürlich erscheinende Vollzüge deutscher Jugendämter kritisiert. Dem EU-Parlament in Brüssel liegen 200 Petitionen von deutschen Eltern vor, die Menschenrechtsverletzungen der Jugendämter anprangern. Eine davon stammt von Heidi S.

Sie wohnt im Plattenbau, in einer vielbefahrenen Straße in Berlin-Hellersdorf. Der Bezirk gilt als sozialer Brennpunkt, einige Straßen weiter steht die Wiege der "Arche", eines bundesweit aktiven Vereins, der sich um vernachlässigte Kinder kümmert und der in dieser Geschichte auch eine Rolle spielen wird.

Heidi S. entspricht nicht dem Klischee der alleinerziehenden Mutter, der langsam alles entgleitet. Wegen einer Amalgamvergiftung frühverrentet, hat sie im Alleingang zwei Töchter groß gezogen: Tashina, inzwischen 18, bereitet sich auf ihr Abitur vor, Winonah, 24, studiert Japanologie.

Ron entstammt der Ehe mit einem peruanischen Studenten, den Heidi S. 1996 auf dem Weihnachtsmarkt kennen lernte, wo er Silberschmuck verkaufte. Er hielt sich illegal in Deutschland auf.

Die Ehe geht in die Brüche, ihr Mann zieht bereits vor Rons Geburt aus, er muss um sein Aufenthaltsrecht bangen. Er besteht darauf, den Sohn zu sehen. Das Kind wird zum Faustpfand in dieser zerrütteten Beziehung. Damit fängt diese Geschichte an.

Sie erzählt von einer Mutter, die in die Mühlen der Bürokratie gerät, als sie Schutz beim Jugendamt sucht. Sie ist eine streitbare Frau, die schnell mit Strafanzeigen und Dienstaufsichtsbeschwerden zur Hand ist, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt.

Vielleicht erklärt das, warum aus einem gewöhnlichen Streit um ein Umgangsrecht ein Machtkampf wurde, der darin gipfelte, dass das Jugendamt Marzahn-Hellersdorf am 23. Oktober 2006 beim Familiengericht den sofortigen Entzug des Sorgerechts beantragte - ohne Wissen der Mutter.

Im Sommer 2008 hat Ron im Jugendheim versucht, sich das Leben zu nehmen. Der Junge ist hochbegabt, aber er gilt schon lange als verhaltensauffällig. Er leidet an einem Waschzwang, er nässt nachts ein, er schläft und isst schlecht. Er hat panische Angst vor Dunkelheit, Schmutz und Spinnen.

Heidi S. macht ihren Ex-Mann für diese Störungen verantwortlich. Sie ringt um Fassung, wenn die Rede auf ihn kommt. Schuldzuweisungen haben sie in diese Sackgasse manövriert. Sie ist vorsichtig geworden. Sie sagt, er habe das Kind nicht haben wollen. Er sei während der Schwangerschaft gewalttätig geworden.

Ron ist zwölf Monate alt, als er seinen Vater zum ersten Mal für mehr als nur einen Moment lang sieht. Eine Stunde verbringen Vater und Sohn alleine. Heidi S. legt den Talisman ihres Sohnes wieder zurück in die Schachtel, als sie von dem Tag erzählt: "Hinterher war Ron total verstört."

So gerät die Familie ins Visier des Jugendamtes. Heidi S. überzieht ihren Ex-Mann mit einer Flut von Strafanzeigen. Sie sagt, er habe sie telefonisch terrorisiert und bedroht. Wiederholt wird in ihre Wohnung eingebrochen, die Spuren am Schloss sind aktenkundig, aber die Polizei nimmt keine Fingerabdrücke.

Heidi S. fühlt sich allein gelassen. Sie sagt, bei einem der Einbrüche sei Rons Kinderausweis gestohlen worden. Sie steigert sich in die Angst hinein, ihr Ex-Mann könne den Sohn nach Peru entführen.

Die Polizei rät ihr, Ron von der Einschulung zurückzustellen. Er soll eine kleine Schule mit übersichtlichem Pausenhof besuchen, sicher ist sicher.

Das Jugendamt Marzahn-Hellersdorf verspricht, ihr bei der Suche zu helfen, doch es rührt sich nicht. Im August 2006 nimmt sie die Angelegenheit selber in die Hand. Ron bekommt einen Platz in einer Schule des Kindervereins "Arche", kleine Klassen, guter Betreuungsschlüssel. Am 23. Oktober 2006 wird er eingeschult. Am Morgen danach wird Ron aus der Wohnung getragen.

Bernd Siggelkow, Gründer des Vereins "Die Arche", verwundert dieser Fall nicht. Der evangelisch-freikirchliche Pfarrer sagt, er habe in den vergangenen fünf Jahren ein Dutzend weiterer Fälle erlebt, in denen das Jugendamt Marzahn-Hellersdorf nicht zum Wohl der Kinder gehandelt habe.

In dem wohl spektakulärsten Fall fiel die Behörde durch Untätigkeit auf: Es war die Polizei, die sechs kleine Kinder aus einem Dreckloch befreien musste. Bernd Siggelkow kennt die erwachsenen Töchter von Heidi S., auf Wunsch ihrer Mutter hat er versucht, bei den Fallkonferenzen zu vermitteln, die das Jugendamt nach dem 24. Oktober anberaumt hat, um die Rückführung des Kindes vorzubereiten.

Schließlich, so steht es im achten Buch des Sozialgesetzbuches, definiert der Gesetzgeber eine Inobhutnahme nur als "vorläufige Unterbringung". Vorrangiges Ziel der Kinder- und Jugendhilfe ist es aber, dass "die Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie innerhalb eines im Hinblick auf die Entwicklung des Kindes (...) vertretbaren Zeitraumes so verbessert werden, dass sie das Kind (...) wieder selbst erziehen kann".

"Eine Suche nach Lösungsansätzen hat es aber gar nicht gegeben", erinnert sich Siggelkow. "Es ging nur um einseitige Schuldzuweisungen an die Mutter."

Warum das Jugendamt Ron aus der Familie nahm, obwohl der Junge allem Anschein nach nicht misshandelt wurde und mit seiner Einschulung auch das von Sozialarbeitern in solchen Fällen gern bemühte Argument "häufiges Fehlen in der Schule" hinfällig geworden war, steht für Bernd Siggelkow außer Frage: "Zwei Wochen vorher ist in Bremen der kleine Kevin tot aufgefunden worden. Die Jugendämter hatten Angst, dass sich ein solcher Fall in ihrem Bereich wiederholt."

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