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Schauspiel Frankfurt: Deutsche Doppler-Effekte

"Schwarz Gold Rot", ein bundesrepublikanisches Panorama im Frankfurter Schauspiel. Von Peter Michalzik

Hilke Altenfrohne im VW-Käfer. Schwarz Gold Rot, ein bundesrepublikanisches Panorama im Frankfurter Schauspiel.
Hilke Altenfrohne im VW-Käfer. "Schwarz Gold Rot", ein bundesrepublikanisches Panorama im Frankfurter Schauspiel.
Foto: Alexander Paul Englert

Für ein Land ist sie jung, für eine demokratische Verfassung, zumindest in Deutschland, alt: die vor sechzig Jahren geborene Bundesrepublik. Überall wird des Jubilars in diesen Tagen gerne gedacht, mit allerdings meist geringem Erkenntnis- und Unterhaltungswert. Nur die Theater halten sich auffallend und löblich zurück. Als Ausnahme hat aber das Schauspiel Frankfurt in einem Anflug von Unbescheidenheit jetzt ein großes BRD-Triptychon aufgespannt: Geburtsstunde der zweiten deutschen Republik 1949, die siebziger Jahre, das neue deutsche Jahrhundert, drei Stationen eines Gangs durch die Zeiten unter dem Titel "Schwarz Gold Rot. Drei Teile Deutsch", in Szene gesetzt von Peter Kastenmüller.

Erste Anflüge von Bitterkeit

Grundsätzlich sind wir im Großen Haus, sitzen aber auf der Bühne, wo sich zwischen uns alle drei Teile abspielen. Im ersten Teil, die Bühne ist in dem ihr natürlichen Schwarz gehalten, geht es um die Schwierigkeiten der Erziehung zur Demokratie. Dazu haben die Amerikaner Reeducation-Wochenschauen gedreht, die hier wieder gezeigt werden. Die Deutschen marschierten immer und gingen nicht einfach, wird da behauptet, das mögen sie doch bitte künftig unterlassen. Die verderblichen Nebel des Gerüchts werden in den öffentlichen Raum geblasen und in ihrer verderblichen Wirkung gezeigt. Die Süddeutsche Zeitung bekommt von den Amerikanern eine Lizenz. Es wird erprobt, wie man diskutiert. "Ich dachte wir haben eine Demokratie", sagt ein Umerzogener: erste Anflüge von Bitterkeit. Heute wirken die Wochenschauen naiv, von schlichtem Glauben in die paradiesischen Qualitäten der Demokratie getragen.

Und welche Rolle spielt das Theater? Die Schauspieler spielen und sagen nach, was im Film getan und gesagt wird. Sie sind also schlichte Doppler. Was sich nicht uncharmant anhört, öffnet aber keinen Raum des Denkens, es hebt die Wochenschau nicht ins Allgemeine, sondern führt nur dazu, dass man das jetzt doppelt Gesagte schlechter versteht. So betrachtet man mehr oder minder sprechende Zeitdokumente von 1949 mit ein paar störenden Nebengeräuschen.

Dann Umbau unter Zuhilfenahme der Werbemelodie von "Komm doch mit auf den Underberg": Teil zwei, Rot, "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" von Heinrich Böll, 1974, die allseits bekannte Geschichte wie das Leben einer schüchternen, unbescholtenen jungen Frau von Justiz und Bild-Zeitung zerstört wird. Ein VW-Käfer (Grün-Metallic) kommt auf die Bühne, weitere Einzelheiten schenken wir uns. Auch hier ist der Erkenntniswert gering: Dass die Demokratie nicht immer so toll ist, wie sie daherkommt, dass sie verteidigt werden muss, dass es verderbliche Seilschaften, niederträchtige Bild-Zeitungsreporter und den Tod durch Rufmord gibt, ist durch Bölls Roman und Schlöndorffs Verfilmung hinreichend klar geworden. Erst am Ende, wenn die hervorragende Hilke Altefrohne als Katharina Blum auf die Ereignisse zurückblickt, die ihr Leben ruiniert haben, kommt die Luft des freien Denkens in den roten Raum.

Sonst viel Konfusion

Pause, Teil 3, der dann in der Unterbühne stattfindet. Viele Tische, viel Durcheinander (Bühne von Michael Graessner) jetzt, wieder alles Schwarz, ein paar rote oder goldene Stühle. Wir sind im Jahr 2003, der Roman "Teil der Lösung" von Ulrich Peltzer kommt nun zur Uraufführung. Berlin, Sonycenter, Videoüberwachung, schnell wachsende Sprossen als Video, Studenten, Freier Journalist nimmt in Paris Kontakt zu ehemaligem Rotbrigadisten auf, ein Affe oder King Kong als Video, etwas Liebe. Die Handlung des Romans hätte man sich schenken können, man versteht sie eh nicht. In einigen Dialogpassagen leuchtet allerdings auf, was für ein großartiger Autor Peltzer ist, wie er Lebensgeschichte und politische Verhältnisse verbinden und wie er die schmerzliche Erschöpfung des politischen Diskurses deutlich machen kann. Sonst viel Konfusion.

Warum diese drei Teile verbunden wurden, um die jüngere deutsche Geschichte zu illustrieren? Anscheinend schwebte Peter Kastenmüller eine Revue sich auflösender Freiheiten vor, ein Panorama verlorener Verheißungen, eine Geschichte vom Verschwinden der Demokratie. Wahrscheinlich möchte er den Punkt finden, wo politisches Bewusstsein und Widerstand Sinn haben. Das ist aller Ehren wert, hört sich aber doch nach einem Thema für einen zeitkritischen Essay an.

Die Aufführung aber erschöpft sich darin, die Stories auf die Bühne zu bringen und dem Ganzen ein zusammenhängendes Dekor zu geben. Weite Teile der beiden Romane werden vorlesend erzählt oder berichtet. Wozu? Eine neue Perspektive auf unsere Geschichte findet sich nicht. Warum es zwei Romane (mit Wolfgang Koeppens "Treibhaus", das ursprünglich Teil 1 werden sollte, wären es sogar drei gewesen) sein mussten, warum man sich so gnadenlos übernommen hat, bleibt ebenfalls dunkel. Vielleicht ist die Aufführung einfach ein Beispiel für die unselige Wirkung solcher Jubiläen. Sie verführen hoffnungsvolle junge Menschen dazu, sich mit großen Zeitpanoramen hoffnungslos zu übernehmen.

Schauspiel Frankfurt: 27. Februar, 11., 18., 26. März.

Autor:  PETER MICHALZIK
Datum:  23 | 2 | 2009
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