Berlin/Rom. Kurz nach der Entführung des deutschen Frachtschiffs "MV Patriot" vor Somalia ist ein weiteres Schiff angegriffen worden. Die Reederei MSC Kreuzfahrten bestätigte am Sonntag, das Kreuzfahrtschiff "MSC Melody" sei am Samstagabend nahe den Seychellen überfallen worden. Durch ein Ausweichmanöver konnte das Schiff entkommen. Es werde von internationalen Sicherheitskräften eskortiert und befinde sich planmäßig auf dem Weg nach Aqaba in Jordanien, teilte die Reederei in München mit.
Um 19.35 Uhr deutscher Zeit hätten sich die Piraten dem Schiff mit einem kleinen Schnellboot genähert. Nach Angaben der Reederei feuerten sie Schüsse aus automatischen Waffen ab. Das Kreuzfahrtschiff habe bewaffnete Sicherheitskräfte an Bord gehabt. Keiner der etwa 1000 Passagiere und 500 Besatzungsmitglieder sei verletzt worden. Das Auswärtige Amt bestätigte, dass kein deutscher Staatsangehöriger zu Schaden gekommen sei. Nach Angaben der Reederei waren 38 Gäste aus Deutschland an Bord.
Ein Passagier aus Baden-Württemberg berichtete dem Online-Portal "Spiegel Online" am Telefon von dem Angriff. "Während einer Show an Bord sind plötzlich Schüsse gefallen", sagte er. Er habe etwa 50 Schüsse gehört, die offenbar außerhalb des Schiffs abgegeben worden seien. Andere Passagiere hätten zuvor ein weißes Schnellboot gesehen, das dem Kreuzfahrtschiff gefolgt sei. Von der Brücke seien die Passagiere aufgefordert worden, in ihre Kabinen zu gehen und die Lichter zu löschen. "Das ganze Schiff ist verdunkelt", sagte der Passagier. "Es kam auch die Durchsage, dass die Sicherheitskräfte am Horn von Afrika verständigt seien."
Angreifer sind womöglich somalische Piraten
Die "MSC Melody", die unter panamaischer Flagge fährt, befand sich zum Zeitpunkt des Angriffs nach Angaben von MSC Kreuzfahrten 180 Seemeilen entfernt von Port Victoria auf den Seychellen. Nach Informationen von "Spiegel Online" geht die EU-Mission "Atalanta" davon aus, dass es sich bei den Angreifern um somalische Piraten gehandelt habe. MSC Kreuzfahrten teilte mit, ein Militärschiff der internationalen Sicherheitskräfte eskortiere die "MSC Melody" nun nach Jordanien.
Bereits am Samstag hatten Piraten im Golf von Aden ein deutsches Frachtschiff entführt. Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam bestätigte, die Besatzung habe der EU-Mission am frühen Samstagmorgen (Ortszeit) gemeldet, ihr Schiff sei angegriffen worden. Seitdem sei der Kontakt abgebrochen. Das Auswärtige Amt bemüht sich um die Aufklärung des Falles. "Dazu gehört auch, nach dem Verbleib des Schiffes zu suchen", sagte ein Außenamts-Sprecher am Sonntag in Berlin.
Nach Angaben von "Spiegel-Online" handelt es sich um die "MV Patriot" der Hamburger Reederei Johann M. K. Blumenthal. Der Frachter fahre unter maltesischer Flagge, die Crew stamme nicht aus Deutschland. Das Portal berichtete weiter, das Schiff sei rund 150 Seemeilen entfernt vom jemenitischen Hafen Muqalla geentert worden und befinde sich bereits auf dem Weg zu einem der Häfen in Somalia, die von den Piraten kontrolliert würden. Die 17-köpfige Besatzung sei unverletzt.
Entführungen sind kein Einzelfall
In den vergangenen Monaten haben Piraten zahlreiche Schiffe vor Somalia entführt, unter anderem den deutschen Frachter "Hansa Stavanger". Fünf Deutsche fielen Anfang April in die Hände von Piraten, als die "Hansa Stavanger" 320 Seemeilen östlich von Mombasa gekapert wurde. (ddp)