Von Friedrich Hölderlin wissen wir, wie sehr er an der Welt litt. Und auch: warum. Er darbte, weil er sah, dass die Menschen nicht so handelten, wie sie seiner Ansicht nach handeln müssten: als Liebende, als naturidentischeWesen. Nachdem er begriffen hatte, das Hoffnung vergebens war, flüchtete er sich in einer Art Turm-Idealismus, dessen utopisches Potenzial darin bestand, dass es als solches gar nicht existierte - oder darauf verzichtete, den Charakter des Utopischen als etwas Vorwirklichem anzunehmen. "O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da, wie ein missratener Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab."
Moralische Grabrede
So endgültig steht es in Hölderlins "Hyperion", und so endgültig flüstert es im Maxim Gorki Theater auch der nur mit einer langen blassgrünen Unterhose bekleidete Schauspieler Sebastian Rudolph in die mit schwarzen Leinen ausgeschlagenen Zuschauerreihen. Die Adressaten dieser moralischen Grabrede, der ersten von vielen in zwei Stunden, sind wir, die lebenden Bürger einer imaginären Stadt. Nennen wir sie Theben.
Hyperion in Theben? Keine Sorge, denn wir sind Bewohner zweier Dramen. Regisseur Jan Bosse, der 2006 mit den "Leiden des jungen Werther" am Maxim Gorki grandios startete und Hausregisseur wurde, hat mit der Dramaturgin Andrea Koschwitz den kühnen Versuch unternommen, dem Hölderlinschen Briefroman die Tragödie des Sophokles beizumengen. Besser: diesen in jene zu interpolieren. Was das fürs Theater zunächst bedeutet, ist evident: Vom "Hyperion" kann, will die "Antigonae" nicht darin versickern, wenig übrig bleiben. Also haben Bosse und Koschwitz ein Extrakt aus Hölderlins Text herausgefiltert und dieses in die von Hölderlin übersetzte "Antigonae" eingebaut; dies wiederum nicht, ohne die Rollen ein wenig umzuverteilen, um das Individuelle ins Allgemeinbedeutende zu transformieren. Ein Topos verbindet alles: der Krieg.
Der Krieg ist beendet. Auf der Bühne von Stéphane Laimé liegen wild wuchernde Altkleiderhaufen, die nicht nur seltsame Assoziationen (Auschwitz) wecken, sondern ganz konkret die Toten bedecken, die im sinnlosen Kampf um Theben gefallen sind. In der Mitte ein Stehpult mit Mikro. An dieses tritt, flankiert von seinem invaliden Sohn Haemon (Max Simonischek) und seiner wahnverlorenen Gattin Eurydike (Ruth Reinecke), Thebens Herrscher, um eine Rede zu halten. Den König indes nimmt man Roland Kukulies im anthrazitfarbenen Anzug (Kostüme: Kathrin Plath) vom ersten Wort an nicht ab. Dafür fehlt es ihm - gewollter Maßen - an Erhabenheit. Kukulies' Kreon ist ein pragmatisch-schröderesker Politiker, der dem Volk seine Ansichten kundtut, ohne dass er sich weiter dafür interessiert, was sie bewirken oder nicht bewirken könnten. Sein hedonistischer Geist strebt nicht nach Veränderung. Dieser Kreon will nur spielen. Allerdings nach seinen Regeln.
Die Szenerie passt (zu) punktgenau zur These der Dramaturgie, wir lebten in einer "postheroischen Gesellschaft". Ob man sie so nennt oder postpathetisch oder postidealistisch, spielt letztlich keine Rolle. Wichtiger ist (und das ist das Problem der Inszenierung), dass die Essenz der Vorlagen mit dieser politisch zugespitzten Aktualisierung in Gefahr gerät. Nehmen wir an, Theben sei heute: Wer würde eine Utopie überhaupt nur annehmen, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen derart dekadent wären, wie Bosse sie vorführt? Wer hörte jemand wie Kreon noch zu? Und wer würde den Konflikt, den er mit Haemon und Antigonae ausficht, ernsthaft als existenziell begreifen?
An dieser Fragestellung arbeitet sich der Abend ab. Der Wille zur lockernden Ironie sind ihm anzusehen und anzuhören. Denn der hohe Ton der Sprache, wie ihn Hölderlin und Sophokles/Hölderlin im Munde führen, will den Schauspielern selten behagen. Neben Ruth Reineckes Euridyke, die kurz vor Ende einen berührenden Moment der Innigkeit beschwört, gelingt dies im Grunde nur noch Anja Schneider als Antigonae. Aber auch sie muss sich aus dem Bosse-Konzept erst freischaufeln, um zu jener ergreifenden Rhetorik und Logik zu finden, die diese Antigonae stets auszeichnete. Eines nämlich unterscheidet diese Unzähmbare von Hyperion. Der will sich aus der Welt hinausstehlen, sich dem Handeln verweigern. Sie aber, die Tochter des Ödipus, sie will in der Welt handeln, und sei es um den Preis der Schuld, bevor sie diese verlässt. Ihr Sein will des Lebens Sinn nicht negieren, sondern finden. Das ist zu selten zu sehen.
Maxim Gorki Theater, Berlin: 23. Dezember. www.gorki.de