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15. Dezember 2009

Spielbank: Sachsen-Anhalt spielt nicht mehr

 Von Bernhard Honnigfort
Schlechte Karten: Zocken in mondäner Umgebung hat im Osten keine Tradition.  Foto: Joker

In Kassel spielen täglich tausend Menschen im Casino, in Magdeburg kommt dafür kaum jemand. Sachsen-Anhalt muss seine Spielbanken deshalb subventionieren. Ein Investor aus Zypern versucht sich dennoch an einem "Las Vegas des Ostens". Von Bernhard Honnigfort

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Herr Musiolik hat sich stark verändert. Jetzt, am Abend, trägt er einen dunkelgrauen Nadelstreifenanzug mit Weste, eine silbergraue Krawatte, schwarze Slipper. Er sitzt in einem Clubsessel, eine Tasse Kaffee auf einem Tischchen und spricht über die Politik: "Für die sind wir doch alle Gauner, Kriminelle und Rotlichtmilieu. So sehen die uns."

Alexander Musiolik, 54, ist Saalchef in der Spielbank Magdeburg. Er wohnt im niedersächsischen Bad Harzburg und fährt jeden Tag die hundert Kilometer nach Magdeburg zur Arbeit und zurück. Im Casino von Bad Harzburg lernte er 1978 das Geschäft des Croupiers. Damals drängelten sich Offizierswitwen in Pelzmänteln und fettem Schmuck um Hals und Handgelenke an den Roulettetischen. "Es waren goldene Jahre damals", sagt Herr Musiolik.

Die Spielbank Magdeburg verbirgt sich in einem mehrstöckigen Bürohaus am Ulrichsplatz, mitten in der Stadt. Links ein Job-Center, rechts die Wohnungsbaugesellschaft, unten eine Mammografiepraxis, oben das Kinderwunschzentrum für Reproduktionsmedizin und zwei Zahnärzte. Dazwischen die Spielbank. Links die Automatenhalle, rechts ein Raum wie ein modernes Hotelfoyer: das große Spiel, Roulette, Black Jack, Poker.

Es ist eigentlich so: Eine Spielbank ist ein Goldesel. Menschen kommen und spielen. Die meisten verlieren. Die Bank gewinnt immer. Die Croupiers leben von den Trinkgeldern der Spieler. Das Casino führt eine Abgabe zwischen 50 und 80 Prozent der Erlöse an das Bundesland ab. Das freut sich und streicht Millionen ein.

Demonstranten ignoriert

Sachsen-Anhalt freut sich nicht. Die Spielbank Magdeburg beschäftigt 34 Mitarbeiter. An diesem Abend, zugegeben ein scheußlicher Abend mit Nieselregen, sind um 20.30 Uhr fünf Gäste im Casino. Zwei sitzen qualmend in der Raucherlounge, zwei jüngere Männer schlendern zwischen den verwaisten Spieltischen umher, ein kleiner Mann konzentriert sich aufs Roulette. Er sitzt auf einem Hocker, hat Jetons vor sich liegen, vielleicht 400, 500 Euro. Es ist ruhig wie im Lesesaal einer Unibibliothek.

"Nun ja", sagt Saalchef Musiolik. "Ist ja auch noch früh."

Am Vormittag stand er vor dem Magdeburger Landtag. Er trug einen dicken Pullover, eine Wollmütze und eine Verdi-Fahne in der Hand. Er sah kernig wie ein Seemann aus. Zusammen mit 52 anderen Croupiers aus Magdeburg und Halle wartete er im Regen, blies in eine Trillerpfeife und wollte um fünf vor zwölf dem Parlament eine scharfe Resolution übergeben. Fünf vor zwölf, das sollte symbolisch sein.

Sachsen-Anhalt will nämlich seine Spielbanken schließen. Oder, wenn noch ein Wunder geschieht: verkaufen. Die Casinos in Sachsen-Anhalt (Magdeburg, Halle und eine Automatenzweigstelle in Wernigerode, insgesamt rund 90 Mitarbeiter) funktionieren nämlich nicht: Sie verdienen insgesamt kein Geld, sie kosten.

Novum in Deutschland: Subventionierte Spielbanken

Rund drei Millionen Euro flossen aus dem Landeshaushalt 2007 und 2008 in die Casinos. Auch dieses Jahr rechnet das Land mit einem deutlichen Minus. Das gab es noch nicht in Deutschland, dass ein Land Spielbanken subventioniert.

Aber es kommt niemand aus dem Landtag, um fünf vor zwölf die Resolution gegen die Casino-Schließung in Empfang zu nehmen. Drinnen läuft eine Debatte, man ignoriert das Pfeifen. Zwanzig nach zwölf dürfen die Croupiers endlich rein.

Angelika Klein, 58, ist Opposition, Linkspartei. Man sollte meinen, dass die Politikerin gegen die Pläne der CDU/SPD-Regierung ist, die Casinos notfalls zum Jahresende zu schließen. Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) hat das nämlich so angekündigt.

CDU und FDP wollen die Casinos schon lange loswerden. Aber auch Oppositionspolitikerin Klein hat die Lust am Spiel verloren. "Wir können die nicht durchschleppen, damit 30 Leute am Abend ihr Vergnügen haben", sagt sie. Sachsen-Anhalt sei ein armes Land, es gebe viele Arbeitslose und viele Leute mit wenig Geld. "Und die sollen wir auch noch in unsere Spielbanken schicken?"

92 Spielcasinos gibt es in Deutschland, im Osten gerade ein Dutzend. Thüringen hat in einem Erfurter Nobelhotel eine kleine Automatenhalle. Sachsen hat auch nur noch Automaten. In Dresden drehte sich 1999 letztmals eine echte Roulettekugel. Sachsen schloss seine Spielbank. In Brandenburg gibt´s die Spielbank in Potsdam, sie soll einigermaßen Geld abwerfen. "Das hat bei uns im Osten ja keine Tradition", sagt die Abgeordnete Klein.

Der Mann am Roulettetisch gewinnt nicht wirklich. Sein Haufen schrumpft, er blickt immer angestrengter der kreisenden Kugel hinterher.

Musiolik erzählt: Das Land müsste noch einmal investieren. 1,5 Millionen nächstes Jahr, noch einmal eine Million 2011. Man müsste mehr Events machen. Müsste, müsste, müsste.

Die Spielbank Stuttgart brummt. 3000 Besucher pro Tag. Kassel, das kleine Kassel: 1274 Leute an einem Donnerstagabend. Frauenpoker. "So etwas läuft", sagt er. In Magdeburg läuft nichts. An Freitagen wird auch hier gepokert, dazu gibt es "Feierabendhäppchen".

Die privaten Spielhallen mit ihren Daddelautomaten seien schuld, die würden nicht so scharf kontrolliert. Keine Ausweispflicht am Eingang. Und dann das Rauchverbot, das auch für Spielbanken gilt. Und die illegale Spielerei im Internet: "Die Leute werden systematisch vertrieben."

Vielleicht kommt ja noch Rettung. Der Plan klingt verrückt und erinnert an den öffentlichen Förderunsinn der frühen Aufbau-Ost-Jahre, als Brandenburg eine riesige Halle für hochfliegende Zeppelinträume baute, aus der später mangels Zeppelinbau notgedrungen ein Spaßbad wurde.

Die Sybilgroup, ein Unternehmenskonsortium mit Sitz auf Zypern, will die sachsen-anhaltinischen Spielbanken kaufen und in Vockerode, einem kleinen Ort im Norden des Landes, ein stillgelegtes Braunkohlekraftwerk zum "Las Vegas des Ostens" umbauen. Es geht um 300, 400 Millionen Euro Investition. Luxushotels sollen entstehen, Wellness-Studios, ein Event- und Casinozentrum sowie Yachthafen an der Elbe.

Das Luftschloss wird geprüft

Woher das Geld kommen soll, weiß keiner. Nur dass Sachsen-Anhalt nichts zuschießen will, ist klar. "Dürfen wir gar nicht", so die Abgeordnete Klein. Minister Bullerjahn versprach, die Angelegenheit gründlich zu prüfen. Auffällig war jedoch sein dämpfender Ton. "Sachsen-Anhalt braucht keine Luftschlösser", sagt er mehrmals. In den nächsten Tagen soll sich die Sache entscheiden.

Ein Investor aus Zypern? Las Vegas im Osten? Im Braunkohlekraftwerk Vockerode? "In diesem Land", sagt die Abgeordnete Klein von der Opposition, "wundert mich gar nichts mehr."

"Warum denn nicht?", sagt Musiolik, fragt man ihn nach den Zypern-Plänen. Kurz vor 21 Uhr, sind sieben Gäste im Casino Magdeburg. Der Croupier wartet immer noch allein hinter seinen Karten am Pokertisch. Am Roulette spielt nur der eine Mann von vor einer halben Stunde. Sein Haufen Jetons ist zum Häufchen geschrumpft.

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