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Spielzeit Europa: Denn sie wollen nicht, was sie tun

Der Eindruck ist schnell da. Alles sehr gewöhnlich hier. Schon das Licht ist einfach nur ein Licht, das angeschaltet wurde, bevor das Publikum auf verschlängelten Pfaden zur Seitenbühne im Haus der Berliner Festspiele gefunden hat, und das nun garantiert anbleibt, abendfüllend.

Das Licht als Metapher: Es gibt keine Geheimnisse, nicht im Leben, und also nicht im Theater. Mögen andere das Theater als einen Ort der Illusionen, der Überredungskunst begreifen, an diesem Abend wird das anders sein. Das Theater ist nunmehr ein Ort, der die Desillusionierten zeigt. Ungeschminkt. Und ohne auch nur einen Hauch von der Idee, irgendjemanden von irgendetwas zu überzeugen.

"Paterson" heißt das fünfteilige Werk, auf dem dieses antiaufklärerische Theater fußt. Verfasst hat es William Carlos Williams, ein Zeitgenosse von T.S. Eliot und Ezra Pound, gleichwohl kein Gedankengenosse der beiden US-amerikanischen Großdichter. "Paterson" versteht sich als konkretes Abbild einer Folge von Lebenssituationen, als eine Art lyrischer Erzählung ohne tiefere Sinngebung, die in einer Großstadt spielt und die Menschen dieser großen Stadt in ihrem Sein, Werden und Denken begleitet, nicht jedoch durchleuchtet. Es ist einfach dabei, dieses Gedicht, wenn die Menschen reden und fühlen und tun. Und es notiert das, was es hört und sieht.

Der vierte Teil der Pentalogie, den die Regisseure Thorsten Lensing und Jan Hein für ihre Produktion im Rahmen von Spielzeit Europa herausgeschnibbelt haben, heißt "Der Lauf zum Meer. Ein Idyll". Er schildert in losen Reihungen von Worten und Sätzen das Aufeinandertreffen von drei Personen in New York. Da ist Corydon: eine gleichermaßen wohlhabende wie weltfremde alte Dame; dann Phyllis: eine Masseuse, die aus der Provinz kam, um in der Metropole ihr Glück zu finden; und schließlich Paterson: ein verheirateter Mann, der sich Phyllis als Geliebte hält, wobei nicht ganz klar wird, wie dieses Liebesverhältnis realkörperlich aussieht. Vieles, was zwischen beiden ausgetauscht wird, klingt nach virtueller Erfüllung.

Jedenfalls wäre dies eine interessante Konstellation. Eine geschlossene Gesellschaft, bestehend aus drei Personen, heterogen in den Idealen, verbunden im Unglück. Doch Williams strebt überhaupt nicht nach Konstellation in seiner Sprache. Er verweigert sich einer irgendwie gearteten Handlungslogik. Lieber spielt er mit den Würfeln, assoziiert, wie es und wann es ihm beliebt. "Der Plot", schreibt er in einem Brief, "ist wie Gott: je weniger wir ihn definieren, desto dichter sind wir an der Wahrheit." Von diesem Punkt gehen Thorsten Lensing und Jan Hein los: spontan, ziellos, sinnvermeidend. Und weil sie anscheinend die enigmatischen Schlussverse von "Paterson" in ihr Regisseursherz geschlossen haben ("Wir wissen nicht und können nichts wissen / außer / den Tanz zu tanzen, zu einem Maß / kontrapunktisch, / satyrhaft, den tragischen Fuß"), haben sie den drei Schauspielern drei Musiker hinzugesellt.

Und so betreten sie, einer nach dem anderen, die Bühne, um den definitiven Großstadt-Blues zu spielen. Den Anfang macht, sehr einfühlsam, der Schlagzeuger Willi Kellers. Ihm folgen der furios improvisierende Jazz-Gitarrist Jean Paul Bourelly, der hammerharte Sabar-Trommler Gilbert Diop (ihn werden wir wegen gezielter Lärmbelästigung noch vor Gericht zerren) sowie die Schauspieler Viviane DeMuynck, Katharina Schüttler und Charly Hübner.

Und dann? Dann wird es schwierig. Denn dann käme der Text. Der Text aber, der noch beim Lesen so viele Schwingungen aufwies und alles Mögliche freizusetzen vermochte, sagt einfach Nein. Er will nicht. Er will nicht reden noch bedeuten und auch nicht parodieren oder irritieren. Er will einfach nur da sein, zweckloses Ausdrucksmittel. Das Theater erlaubt ihm genau das aber nicht. Das Theater will, irgendwie, weiter gedacht werden. In diesem Anti-Theater kommt das Weiterdenken aber nur als Sottise vor. Als Slapstick. Als Floskel.

Um einen Eindruck zu geben, einige Beispiele: Katharina Schüttler schüttet sich Wasser über den Kopf und über die Kleidung. Einfach so. Nass, wie sie ist, rezitiert sie einen Brief an ihren Vater, in dem sie ihn auffordert, endlich aufzuhören mit dem Saufen, und versucht dabei, möglichst trunken zu klingen. Irgendwann zieht sich Katharina Schüttler dann andere Sachen an und redet besoffen weiter. Charly Hübner wiederum zieht sich gleich ganz aus und steht vor Katharina Schüttler, wie Gott ihn erschuf. Sie schaut sich das an, ist mäßig begeistert, er zieht sich an und dann in die Ecke zurück, rauchen. Auch Viviane DeMuynck raucht irgendwann. Und trinkt Sekt. Und liest Gedichte vor, die keiner versteht. Und versucht Phyllis an sich anzunähern. Was nicht funktioniert. So geht das, achtzig Minuten lang, manchmal leise, manchmal laut.

Das Schlimme ist: Das ist alles so gewollt. Man soll dabei etwas empfinden, vielleicht sogar denken. Der Haken an der Sache ist nur der: Williams hat ein Gedicht geschrieben, welches dieses Empfinden und Denken ermöglicht. Auf die Bühne gebracht, wirkt es nur noch sehr befremdlich. Und irgendwie unnötig.

Die Produktion geht von Berlin aus noch nach Chur in der Schweiz. Die Termine für dortige Aufführungen stehen aber noch nicht fest.

Autor:  JÜRGEN OTTEN
Datum:  28 | 1 | 2009
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