Türkischer Honig - köstlich und erstrebenswert. Doch wer, wie Edmund in C. S. Lewis' Kinderbuch "Der König von Narnia" davon essen darf wie er will - also bestimmt zu viel - wird übellaunig und verrät zuletzt seine Geschwister an die weiße Hexe.
So überfressen wirkt Alceste (Mathias Lodd), der auf der Bühne im Staatstheater Darmstadt lümmelt. "Ich hasse alle Menschen", giftet er den Intimus Philinte (Tino Lindenberg) an. Die Verlogenheit der höfischen Gesellschaft leid, will er nur noch wahrhaftig sein. Das heißt vor allem sagen, was er denkt: dem eitlen Laffen Oronte (Hubert Schlemmer) an den Kopf werfen, dass seine Dichtung die Bezeichnung nicht verdiene und sich mit der frivolen Geliebten Célimène (Christina Kühnreich im roten Mini-Kostüm ) ob ihrer Gefallsucht endlos in den Haaren liegen.
Die Rede spielt in Michael Helles Inszenierung von Molières "Der Menschenfeind" eine prominente Rolle. Helle legt das Stück in die heutige Zeit, die Sprache ist aktualisiert, doch dominieren weiter die Alexandriner mit Endreimen.
Die Bühne ist ihrer Tiefe beraubt
Unterstützt wird die Übermacht der Sprache durch die Ausstattung (Achim Römer): Eine schwarze Wand beraubt die Bühne ihrer Tiefe. Davor findet nur eine lila gepolsterte Sitzreihe Platz, die aufs Haar den Reihen im Saal gleicht.
Viel Spielraum bleibt den Akteuren nicht. Sie sitzen meist artig auf ihren Plätzen, während sie ihre Verse hin und her fliegen lassen. Besonders apart flattern Célimènes Lästereien, während ihre Zuhörer auf der Bühne gebannt ins Publikum blicken. Ganz als könnten sie dort die grotesken Figuren ausmachen, über die Célimène herzieht. Vom Fremdschämen peinlich berührt, erfährt sich die Zuschauerin als Teil der Szene.
Nur Mathias Lodd als Alceste mit Kummerbund und Fliege rennt um die Sitzreihe herum, versteckt sich hinter, übergibt sich vor ihr und entledigt sich auf ihr seiner Kleider. Dabei zerzaust er sich die blonde Mähne, zerfetzt sein Hemd. Lodd betreibt die Demontage seiner Figur im Äußeren.
Denn Helles "Menschenfeind" verzichtet auf zu viel Psychologie, stattdessen treibt er die Typisierung amüsant durch die Kostüme (auch Achim Römer) auf die Spitze. Roter Lederanzug mit Westernstiefeln, aha - Clitandre (Tom Wild), Geck ohne Hirnschmalz.
Doch dann ist Célimènes amouröses Falschspiel aufgeflogen, Alcestes schlechte Laune entlarvt sich endgültig als moralische Überheblichkeit. Die reuige Célimène kann Alcestes Angebot, mit ihm in die Wildnis zu gehen, nicht annehmen. Alles ist gesagt. Und als befalle sie die Angst vor der Leere, die unter ihren Worthülsen wohnt, erstarren die Schauspieler in ihren Sitzen. Der Zuschauerin wird bewusst, dass auch sie reglos auf ihrem Platz ausharrt. Ein wenig, wenn auch wohlig, schaudert ihr nun vor der eintretenden Leere. Es ist, als hätte Alceste sie am Ende doch an die Weiße Hexe verpetzt.
Staatstheater Darmstadt:
19. März, 12., 14. und 21. April.