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Staatstheater Mainz: Hinterher kann man dann weitersehen

"Frühlings Erwachen!" am Staatstheater Mainz, eine tolle Annäherung an das Jung- und auch das Ältersein.

Das Mainzer Staatstheater.
Das Mainzer Staatstheater.
Foto: ddp

Das Mainzer "Frühlings Erwachen!" spielt in einer Welt, die man mündlich abgespacet nennen könnte, und schriftlich auch, bliebe nicht diese Ungewissheit, wie das geschrieben wird.

Eine schneeweiße Rampe und schräge schneeweiße Wände sind mit Löchern versehen, gerade groß genug, um Menschen oder Requisiten hindurchzustecken. Es gibt auch ein in den Boden gelassenes Rechteck, das das Taxi von Moritz' Vater darstellt. Lichtjahre davon entfernt leuchtet das Taxi-Schild an einer Wand. Na so was.

Ein Riesenkreis an der schrägen Decke ist eine Leinwand. Martha, Tatjana Kästel, von ihren Eltern geschlagen, ratlos, wie es 14-Jährige noch nicht sein sollten, kauert sich in ein Loch, das eine Art Bassin ist. Auf der Leinwand sieht man sie vorm Sprung in den Pool. Thomas Prazak als Hänschen macht Live-Aufnahmen, von den Schauspielern, vom Publikum. Auch kommentieren die Figuren per Video ihr Leben, wie es aus Doku-Soaps vertraut ist. Viele Theaterregisseure lieben das. Hier aber, ausgerechnet in dieser überdrehten Umgebung, wirkt es ganz natürlich.

Wie auch die Kleider: ein Mix aus Streublumendesign und mutmaßlich weltraumtauglichem Material. Die Erwachsenen dagegen sind langweilig angezogen (so wie wir im Publikum nämlich). Regisseur André Rößler, Tine Becker (Bühne) und Simone Steinhorst (Kostüme) haben sich gut überlegt, wie man das Alter zwischen schon 14 und noch nicht 16 ins Bild setzen kann. Gespielt wird Nuran David Calis' Fassung von Frank Wedekinds Stück, "Frühlings Erwachen! (live fast - die young)", die hip klingt, aber trotzdem in aller Härte zeigt, dass das ein Alter ist, das es irgendwie zu überleben gilt. Hinterher kann man dann immer noch weitersehen.

Also geht es zum Beispiel um die Peinlichkeit, über Sexualität zu reden: Lorenz Klee und Stefan Graf als Moritz und Melchior stecken dabei bis zu den Bäuchen in Löchern. Das ist offenbar für empfindliche Zuschauer gut so, aber jämmerlicher kann ein Jüngling dennoch kaum aussehen.

Freundschaft und Glück

Also geht es zum Beispiel um die bittere Erkenntnis, das Moritz' Vater recht hat: "Das Leben schert sich nicht um Rituale. Das Leben kennt keine Gemeinsamkeit." Wenn aber Johanna Paliatsou, Wendla, und Katja Hirsch, Ilse, auf dem Moped auf der Stelle sausen - da sieht man mal, was Theater alles kann -, will die Zuschauerin doch wieder an Freundschaft glauben. Und wenn Lorenz Klees Moritz sich über seine Versetzung freut, dann will sie an das Glück glauben.

Und dann kommt Mama Bergmann, Wendlas Mutter, Friederike Bellstedt, und es fällt einem wieder ein, wie unangenehm es ist, erwachsen zu sein. Und dann versteht sich Wendlas Mutter wirklich gut mit Moritz' Vater, dem Taxifahrer, und es fällt einem wieder ein, wie angenehm es ist, erwachsen zu sein. Und so weiter.

Die Darsteller tun nicht so, als wären sie jünger, als sie sind. Sie tun vielmehr so, als seien sie bei aller Überkandideltheit in einem auf dem Theater ungewohnten Ausmaß sie selbst. Ein toller Effekt in diesem irren Kosmos.

Staatstheater Mainz, Kleines Haus: 28. Februar, 6., 14., 27. März.

Autor:  JUDITH VON STERNBURG
Datum:  18 | 2 | 2009
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