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Staatstheater Wiesbaden: Festsitzen im Nirgendwo

Tena Stivicics Flughafen-Stück "Funkenflug" in deutschsprachiger Erstaufführung: Das mit Sicherheit gewollte Kafkaeske wirkt nicht mehr so stark. Merkwürdig. Von J. v. Sternburg

Ein toller Anfang: In eine gerade noch futuristische, aber schon wieder abgewrackte Halle hinein (Ausstattung: Martina Stoian) dreht, windet und drängelt sich ein Knäuel Menschen. Klippernd und klappernd trinkt jetzt jeder ein Tässchen Kaffee. Dann quetscht sich das Kollektiv zum Rauchen unter eine Glasglocke, ein den jüngsten EU-Bestimmungen geschuldeter, immer wieder schöne Theatergag. Erst danach, beim Zeitungslesen, fällt die dichtgedrängte quirlige Schar allmählich auseinander.

Jetzt beginnt das Schauspiel "Funkenflug" der 1977 geborenen kroatischen Dramatikerin Tena Stivicic. 14 Szenen an einem Flughafen - ja, genau: so sehen kleinere Flughäfen aus, an denen Architektenehrgeiz bald von Geldmangel und Wartungsschwächen überrumpelt wird. Wegen Schneefalls ist der Betrieb für einige Zeit eingestellt. Die Reisenden und Angestellten, im Nirgendwo des Duty-Free-Bereichs eingesperrt, geben Einblick in einen Querschnitt nicht nur ost-/mitteleuropäischen Lebens: die heiklen Intellektuellen, die frustrierten Eheleute, die ebenso frustrierten prekär Beschäftigten, der nationalistische Rentner, die junge Auswandernde. Die Spannung entsteht - nicht sehr überraschend - aus dem Unbedingt-weg-Wollen und dem Auf-jeden-Fall-bleiben-Müssen.

Die Inszenierung der Zagreber Uraufführung war 2008 bei der Wiesbadener Theaterbiennale zu sehen. Am selben Haus nun gibt es die deutschsprachige Erstaufführung (Übersetzung: Mirjana und Klaus Wittmann), bei der Tobias Materna Regie führt. Nicht nur im Vorspiel zeigt sich, dass er Wert darauf gelegt hat, die Szenen noch deutlicher in Surreale zu heben, als es sich aus dem Text ergibt. Im Einheitsbühnenbild ist vorne für die Bar Platz, rechts ragt ein zu verlosendes Auto aus der Wand. Das ist kein Cabrio, wie es Stivicic vorsieht, sondern ein Modell, wie sich das Vorurteil hier zu Lande ein zu verlosendes Auto an einem Ex-jugoslawischen Flughafen vorstellt. Hinten gibt es eine Riesenrutsche für Gepäck, Menschen und entsprechend kuriose Auftritte. Bisweilen fallen Koffer von der Decke.

Denn auch bei Figuren und Szenenabläufen lässt Materna Unwirklichkeit Trumpf sein. Doreen Nixdorf als Schriftstellerin, die ihre große Liebe (Rainer Kühn, aufgeblondet) wiedertrifft, ist exaltiert bis zur Überanstrengung. Franziska Werner als Olga, die in Arizona ihr Glück finden will, bleibt vielleicht doch allzu schnuckelig. Stefanie Hellmann und Michael Birnbaum als trockenes Alkoholikerpaar und überhaupt trocken, sind jedenfalls entlarvender: Paare sind eine stupide Angelegenheit und dennoch will jeder gerne zu einem gehören. Aufgewertet wird die Rolle des Barmanns, erstens durch Wolfgang Böhm, zweitens durch kleine Gags. Immer wenn er einen neuen Drink bringt, klingen seine Schuhsohlen anders.

Dabei passiert nun etwas Merkwürdiges: Das von Stivicic mit Sicherheit gewollte Kafkaeske wirkt, indem es nach außen gewendet wird, gar nicht mehr so stark. Am besten sind Text und Inszenierung da, wo sie sich dichter an die Verrücktheit des Lebens selbst halten. Etwa in der Figur des Rentners, Zygmunt Apostol, der ein Simpel ist, aber ein jämmerlicher Simpel. Als er feststellen muss, dass sein Sohn ihn nicht in Miami haben will, kehrt er ins Seniorenheim zurück. Sein Zimmer hat er vermietet, aber er kann bei einem Nachbarn unterschlüpfen. Apostol lächelt erleichtert. Selbst wenn er am Ende nicht noch das Auto gewinnen würde, hätte man hier ein erschütterndes Beispiel dafür, wie es unter allen Umständen weitergehen muss. Und weitergeht!

Staatstheater Wiesbaden: 12., 18. März. www.staatstheater-wiesbaden.de

Autor:  JUDITH VON STERNBURG
Datum:  9 | 3 | 2009
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