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Terror-Prozess: Hauptsache Dschihad, ganz egal wo

Familiäre Katastrophen, kindische Auftritte vor Gericht: Der Sauerland-Prozess bietet tiefe Einblicke in die Gedankenwelt deutscher Islamisten. Von Marianne Quoirin


Foto: dpa

Düsseldorf. Drei Minuten füllt ohrenbetäubender Krach den Gerichtssaal: Zu hören ist, was die Wanzen bei der Festnahme von drei mutmaßlichen Terroristen in einem sauerländischen Ferienhaus aufgezeichnet haben. Die Angeklagten schütten sich aus vor Lachen wie Schüler nach einem besonders gelungenen Streich. Die Reaktion der jungen Männer offenbart vielleicht mehr über ihren Gemütszustand als ihre detaillierten Geständnisse in den Wochen zuvor, obwohl diese tiefe Einblicke in die Gedankenwelt der Islamisten und ihre Netze bieten. Das Gelächter lässt aber erahnen, mit welcher Unbekümmertheit sie sich in ein lebensgefährliches Abenteuer gestürzt haben, für das sie Jahre büßen müssen.

Das kindlich-kindische Gebaren erklärt freilich nicht, warum Fritz Gelowicz und Daniel Schneider unter Strapazen und Entbehrungen ins ferne Waziristan im Westen Pakistans pilgerten und sich zu Kämpfern für den Dschihad ausbilden ließen. Ihre Kenntnisse in Arabisch, so wissen sie jetzt, waren beschränkt, ihre Informationen über den Islam, weil nur aus radikalen Quellen gespeist, dürftig bis mangelhaft. Doch ihr Glaube war so unerschütterlich, die Identifikation mit der muslimischen Glaubensgemeinschaft so ausgeprägt, dass sie sich der als Gnade empfundene Konversion als würdig erweisen wollten. Der "Heilige Krieg", so lernten sie von ihren neuen, fanatisierten Freunden, sei dazu der beste Weg.

Sauerland-Prozess

22. April 2009: In der Trutzburg des Oberlandesgerichts Düsseldorf beginnt der Prozess gegen die sogenannte Sauerland-Szene: Fritz Gelowicz (28), Daniel Schneider (23), Adem Yilmaz (30) und Attila Selek (24) müssen sich wegen des Verdachts der Vorbereitung von Sprengstoff-Anschlägen auf Einrichtungen der US-Armee in Deutschland und der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, der Islamischen Dschihad Union (IJU) verantworten. Die Verteidiger kritisieren die Vermischung von Geheimdienst- und Verfassungsschutz-informationen, deren Erkenntnisse die Strafverfolgungsbehörden nicht hätten verwerten dürfen. Das Recht der Angeklagten auf ein faires Verfahren sei verletzt worden. Vier von ihnen bestreiten die Existenz der IJU. Alle Angeklagten wollen von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen, Adem Yilmaz geht auf Konfrontationskurs mit dem Gericht. "Ich stehe nur für Allah auf", sagt er.

23. April: Der 6. Strafsenat verhängt gegen Yilmaz wegen ungebührlichen Verhaltens eine Woche Ordnungshaft - nicht die letzte. Als erste Zeugen werden Angehörige der Angeklagten vernommen, die alle die Aussage verweigern. Nur die Mutter von Schneider kündigt an: "Vielleicht mache ich zu einem späteren Zeitpunkt eine Aussage."

29. April: Das Gericht hat eine Lösung gefunden, um nicht an jedem Verhandlungstag Adem Yilmaz Ordnungshaft aufzubrummen: Der Angeklagte wird erst nach dem Gericht hereingeführt. Der Vernehmungsmarathon der BKA-Kommissare beginnt. Richter Breidling mahnt erstmals die Angeklagten: "Eine frühe Einlassung ist immer etwas günstiger als wenn es später kommt. Wenn es etwas zu gestehen gibt, dann möglichst früh."

27. Mai: Adem Yilmaz steht bei der Vereidigung eines Dolmetschers auf, um Ordnungshaft zu vermeiden.

9. Juni: Aus einem BKA-Vermerk weiß das Gericht, dass Yilmaz seine Bereitschaft zu einem Geständnis ankündigen will. Yilmaz sagt, dass ihn der Prozess langweile, und Schweigen nichts bringe: "Es ist egal, was Sie mir geben, ob 20 oder 30 Jahre. Ich möchte nur, dass das hier vorbeigeht." Damit zerstört er die Verteidigungsstrategie aller Anwälte. Das Gericht erlaubt den Angeklagten, sich im Beisein von BKA-Beamten im Keller des Gerichtsgebäudes zwei Stunden lang abzustimmen. Ihnen wird auch gestattet, in den nächsten Tagen miteinander zu telefonieren. Breidling empfiehlt den Angeklagten umfassende Einlassungen: "Butter bei die Fische! Alle Karten auf den Tisch - und zwar keine gezinkten."

8. Juli: Klimawandel im Prozess bei der Zwischenbilanz nach vier Wochen Vernehmungsmarathon: Gericht und Bundesanwaltschaft begrüßen die Aussagebereitschaft der Angeklagten, die acht Verteidiger ändern ihre Strategie.

10. August: Fritz Martin Gelowicz ist der Erste, der nach der Sommerpause vor Gericht das aussagt, was er und seine drei Mitangeklagten in mehrwöchigen Vernehmungen BKA-Beamten gestanden haben, dokumentiert auf 1200 Seiten. Breidling, seit zwölf Jahren Vorsitzender des 6. Strafsenats, lobt die Offenheit der Angeklagten. Bundesanwalt Volker Brinkmann bekennt, auch neue Tatsachen erfahren zu haben, fasst die Gründe für die Geständnisse aber so zusammen: Beweislage erdrückend, Leugnen deshalb zweck los und Strafmilderung in Aussicht.

18. September: Mevlüt K., den die Bundesanwaltschaft mit Haftbefehl sucht, beherrscht den Prozesstag. K., der für Atilla Selek Zünder besorgte, soll Agent der CIA und des türkischen Geheimdienstes gewesen sein. Nur eines klar: Selek hat Mevlüt K., angeblich Kopf einer deutschen Terrorzelle mit Kontakt zu irakischen Attentätern, um Hilfe gebeten, nicht K. hat sie ihm aufgedrängt.

8. Dezember: Ein Diplom-Physiker des BKA sagt aus, dass die Angeklagten trotz technisch begrenzten Wissens Explosionen hätten auslösen können: Die Schaltpläne für die Zünder seien ungenau, aber brauchbar gewesen.

Am 12. Januar geht der Prozess weiter. Ein Urteil könnte Ende März fallen. (quo)

Die Bildkombo zeigt oben die drei Terrorverdächtigen Adem Yilmaz, Daniel Schneider und Fritz Gelowicz (von links) im Spetmber 2007 bei der Überstellung zum Haftprüfungstermin an den Bundesgerichtshof nach Karlsruhe , unten als Angeklagte am ersten Tag des Terror-Prozesses gegen die Sauerland-Gruppe vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf im April 2009.
Die Bildkombo zeigt oben die drei Terrorverdächtigen Adem Yilmaz, Daniel Schneider und Fritz Gelowicz (von links) im Spetmber 2007 bei der Überstellung zum Haftprüfungstermin an den Bundesgerichtshof nach Karlsruhe , unten als Angeklagte am ersten Tag des Terror-Prozesses gegen die "Sauerland-Gruppe" vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf im April 2009.
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Wiederholt hat Fritz Gelowicz versucht, die widersprüchlichen Gefühle zu beschreiben, die ihn in den bewaffneten Kampf trieben. Amerikaner im Irak töten? Kam nicht in Frage, weil die Einschleusung zu schwierig war. Als Alternative russisches Militär in Tschetschenien angreifen? Die Region ist zu kalt für verwöhnte Westeuropäer. Anschläge in Deutschland, wie es die IJU ihnen befohlen hat? "Hauptsache Dschihad", egal wo, lautet am Ende die Devise, als sie mit den Vorbereitungen begannen - mit hoher krimineller Energie, aber immer wieder an die Grenzen ihrer Fähigkeiten stoßend. So haben sie die Fässer mit dem Wasserstoffperoxyd in Autos mit gefälschten Kennzeichen transportiert, aber einmal vorne ein anderes montiert als hinten - was nicht ihnen, sondern den Verfolgern vom BKA den Schweiß auf die Stirn trieb, fürchteten sie doch, ein aufmerksamer Verkehrspolizist könne versehentlich die ganze Aktion verderben.

Schon Monate vor ihrer Festnahme am 4. September 2007 sind die Angeklagten von Geheimdiensten und Polizei observiert worden. Sie haben das selbst zum Teil gewusst, aber in ihrem Überlegenheitsgefühl nicht wahrhaben wollten. "Deutschland sucht den Superterroristen", spottete Adem Yilmaz, laut Anklage ein professioneller Schleuser. Auch er träumte wie Gelowicz und Schneider davon, berühmt zu werden: "Die Welt wird brennen, inshalla, wenn wir es am 11. kriegen. . . die flippen doppelt so aus. Wenn es diesen Monat passiert. September, verstehst du?"

An Deutungsversuchen über die Motive von Gelowicz und Schneider hat es seit ihrer Verhaftung nicht gemangelt. Alle Angeklagten haben sich einer psychiatrischen Untersuchung verweigert, gaben allenfalls bruchstückhaft Auskunft über ihre Entwicklung. Nur der jüngste, Daniel Schneider, stand einer Sozialpädagogin von der Jugendgerichtshilfe Rede und Antwort über seinen verwinkelten Lebensweg - vom Messdiener über den exzentrisch gekleideten Hip-Hopper mit guten Schulnoten hin zum zivilisationsmüden Aussteiger und dann vom Bundeswehrrekruten zum Dschihadisten.

Schneider - mit seinem jüngeren Bruder Opfer im Trennungs- und Scheidungskrieg der Eltern - war spätestens seit der Pubertät unentwegt auf der Suche nach Orientierung. Hin- und hergerissen zwischen den Ansprüchen von Mutter und Vater stürzt er in ein Gefühlschaos, wechselt wiederholt die Fronten ohne Halt zu finden.

Kindheit und Jugend von Gelowicz und Schneider sind ähnlich verlaufen, familiäre Katastrophen beiden nicht fremd. Als sie sich Ende Februar 2007 in Stuttgart treffen, informiert Gelowicz Schneider von den geplanten Anschlägen. "Aus der Parallelität unserer Biografien und der Ausbildung in Waziristan haben wir geschlossen, dass ich ebenfalls in die Anschlagsplanungen eingebunden sein sollte. Ich sah dieses Treffen als schicksalhafte Fügung und als Willen Allahs an, dass wir als Deutsche in Deutschland Anschläge begehen sollen."

Schneider hat schon einen Ausbruchsversuch aus der so genannten bürgerlichen Welt hinter sich, bevor er zum Islam konvertiert. Trotz guter Noten verließ er an seinem 18. Geburtstag die Schule ein Jahr vor dem Abitur, um im brasilianischen Regenwald mit zwei Freunden ein neues "naturnahes" Leben "für immer" zu beginnen. Myriaden von Moskitos vertrieben das Trio vom Amazonas in ein Fischerdorf am Pazifik, nach zwei Monaten zurück nach Deutschland. Schneider hinterlässt eine schwangere Freundin, das Baby stirbt an Mangelernährung noch vor der Geburt.

Die Sozialpädagogin Mathilde Kreutz-Gembruch charakterisiert Schneider als jungen Menschen, dem der innere Kompass fehlt. Erst im Islam, so stellt sie in ihrem Gutachten fest, fand er "Klarheit der Regeln und Ziele, Schutz der höheren Macht und Geborgenheit der Glaubensgemeinschaft, mithin Werte und Orientierungen, die die desolate Familiensituation nicht vermitteln konnte". Dennoch ist Schneider auch nach seiner Konversion im Juni 2004 ein Suchender geblieben: Er bewirbt sich bei der Bundeswehr für eine Laufbahn als Feldwebel, wird abgelehnt, absolviert aber ab Januar 2005 den Wehrdienst.

Schneider verschweigt seine neue Religionszugehörigkeit, er will Konfrontationen vermeiden, seinen Bart rasiert er ab. Er verlängert die Dienstzeit um drei Monate. Die Laufbahn als Berufssoldat bleibt ihm verwehrt. Wegen diverser Rückenprobleme mangelt es ihm an der erforderlichen Sprungtauglichkeit. Schneider hat nach eigener Darstellung beim Bund nicht wegen der Möglichkeit eines Kampfeinsatzes angeheuert, sondern wegen der finanziellen Absicherung und der sportlichen Betätigung. Dennoch ist vorstellbar, dass der mutmaßliche Terrorist als Berufssoldat nach Afghanistan gegangen wäre, wenn er über belastbare Sprunggelenke verfügt hätte. Der Satz, mit dem Schneider seine Vorstellung über die Ausbildung im Terrorcamp von Waziristan vor Gericht beschrieb, hört sich dann nicht mehr lustig an: "Ich stellte mir den Aufenthalt als die Fortsetzung der Bundeswehr auf islamisch vor."

Autor:  Marianne Quoirin
Datum:  5 | 1 | 2010
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