Jetzt beginnt am Frankfurter Schauspiel also das Abschiednehmen. Als eine der letzten Produktionen inszeniert Urs Troller Tschechows Wunderstück "Der Kirschgarten", das immer wieder als eine melancholische Elegie verstanden oder auch missverstanden wird. Die Versuchung ist groß: Es war Tschechows letztes Drama, ein halbes Jahr nach der Premiere starb er. Es ist das Stück über eine Frau, die sich nicht von ihrem Landgut, vom Kirschgarten, ihrer verschwenderisch-sorglosen Lebensweise und ihrem vor Jahren tödlich verunglückten Sohn trennen kann. Tschechow nannte den "Kirschgarten" schwer verständlicher Weise eine Komödie, was mit dem Misslingen dieses Abschieds zu tun haben muss.
Jede ernstzunehmende Tschechow-Aufführung hat einen Ton. Der Ton dieser Aufführung ist das Lachen, meistens ein gackerndes Lachen, das gar nicht merkt, wie verletzend es für einen anderen ist. Es hat etwas Gehässiges, dieses unpassende Lachen, in seiner Aufgekratztheit ist es alles andere als lustig. Trofimow, der ewige Student, den Daniel Christensen schön unchargenhaft und aus innerer Überzeugung heraus spielt, fällt vor Verwirrung die Treppe hinunter: Die Ranjewskaja, die Frau, die sich nicht trennen kann, hat sich darüber lustig gemacht, dass er keine Frau hat. Und was passiert? Anja, ihre Tochter, die Sandra Bayrhammer ebenfalls schön als eigentlich zartfühlende junge Frau spielt, lacht. Er ist, hehe, die Treppe runtergefallen.
So gibt das Lachen dieser Aufführung Stimmungs- und Tonlage. Daneben klingt die Pause. Troller hat Pausen wie Schneisen in die Aufführung hineingeschlagen. Sie reißen, fast brutal, Flanken auf, Abgründe des Missverstehens, Löcher des Aneinander-vorbei-Redens, Hohlräume des Wegquatschens. So klingt diese Aufführung insgesamt rau, böse und trocken. Und sie ist still, im dritten Akt beim Fest gibt es keine Musik, am Ende keine Sägen, die die Kirschbäume fällen, keinen zerreißenden Ton. Die Aufführung hat etwas Stummes, in sich Verschlossenes. Am Ende sagt der alte, zurückgelassene Diener Firs - was nicht bei Tschechow, aber in der Übersetzung von Thomas Brasch steht -, als er sehen will, wo seine verschwundene Herrschaft ist: "Abgeschlossen." Heiner Stadelmann sitzt allein im Haus und sagt es schön trocken wie alles andere.
Trollers Inszenierung schreibt damit eine nun auch fast dreißigjährige Aufführungstradition fort, die sich mit Braschs Übersetzungen verbindet. Sie distanziert sich vom elegisch-melancholischen Ton zugunsten eines alltäglichen, härteren, brüchigeren, proletarischeren Klangs, wie er jetzt in Frankfurt, teils kunstvoll, gesprochen wird. Das bekommt - Paradox der Geschichte - inzwischen selbst etwas Altmeisterliches.
Tschechows Stück hat viele versteckte Winkel, es gibt zum Beispiel eine beeindruckende Liste abwesender Personen, genauso wie es eine lange Liste der Einnahmen und Ausgaben gibt. Troller entdeckt jetzt, manchmal leider überdeutlich, noch das Schuhwerk und vor allem das Fallen als Subtext. Hier fällt alles, Menschen, Tassen, Türen. Das ist natürlich der Stoff, aus dem Komödien sind, Troller möchte das, man spürt es, noch komödiantisch-existenziell wie Kleist im "Zerbrochenen Krug" aufgefasst wissen, "zum Straucheln braucht's doch nichts als Füße", dafür aber kommt es zu oft und ist zu überdeutlich.
Negativ schlägt auch das Bühnenbild von Stefanie Wilhelm zu Buche, es drückt die Aufführung an die Rampe, eine zentrale Wand dient immer wieder dazu, dass jemand überraschend um die Ecke kommen kann, die Lichtstimmungen, insbesondere im zweiten und dritten Akt, sind regelrecht irreführend. Das ist nicht rau, sondern schlicht unsensibel. Gar kein Gespür entwickelt die Aufführung auch für die Ranjewskaja, die verschwenderische Frau, die nicht Abschiednehmen kann und die wir trotzdem lieben. Friederike Kammer findet nie den Charme dieser Person, das Aristokratisch-Pariserisch-Verschwenderische, die unter allen Umständen aufrechterhaltene Sorglosigkeit. Ihre Ranjewskaja poltert durch das Stück, wo sie doch eigentlich kaum wagt zu schweben.
Dafür gelingt Oliver Kraushaar der Lopachin ganz hervorragend. Der Mann, der am Ende das Gut kauft, dessen Vater hier noch Leibeigener war, der aber noch lieber der Ranjewskaja helfen möchte, weil er ihr erlegen ist, der lächerlich mit seinen gelben Schuhen daherkommt und doch allen überlegen ist, findet bei Kraushaar eine ungelenke, aber höchst stimmige Form. Die Aufführung gehört vor allem ihm, kein Wunder bei der prosaischen Grundanlage, aus der Tragödie des lächerlichen Mannes, die der "Kirschgarten" normalerweise ist, ist da die Komödie eines tragischen Mannes geworden. Nicht unpikant, wenn man bedenkt, dass er allein unser Vorfahre in diesem Stück ist. Nur er bleibt, die restliche Welt geht unter. Insgesamt ist das Ensemble erstaunlich stilsicher und einen dicken Sonderpunkt bekommt Wolfgang Gorks.
Schauspiel Frankfurt: 26. Jan., 4., 19. Februar. www.schauspielfrankfurt.de