Es passte einfach zu gut. Da ist einmal der Regisseur, der so seine Erfahrungen gemacht hat mit der künstlerischen Freiheit in seiner Heimat Bulgarien und in der DDR und sich gerade deshalb immer einen extrem kritischen, grimmig ironischen Blick auf den Kapitalismus bewahrt hat.
Und dann ist da dieses Stück, als "Lustspiel" ausgewiesen, geschrieben von einem Dichter, der die Hoffnung auf eine Revolution da schon aufgegeben hatte. Es beschreibt das Leben der Reichen und Herrschenden als öde und leer - vor 170 Jahren ziemlich provokant.
Dimiter Gotscheff inszeniert also, zum Saisonauftakt am Hamburger Thalia Theater, Georg Büchners "Leonce und Lena"; und die zwei sind sich so einig, dass kein Blatt zwischen sie passt. Das sitzt, wackelt nicht und - kriegt keine Luft.
Schon der erste Auftritt von König Peter, dem Herrscher des Reiches Popo (Büchner war ein genialer Dichter, aber dem Pennäler-Alter eben doch erst knapp entwachsen, als er das schrieb), gerät so überdeutlich, dass es zum Gähnen ist. Peter Jordan gibt den König als unsicheres, gehemmtes Männchen mit Schockfrisur anstelle einer Krone, der büchner-gemäß nicht nur mit Hilfe eines Knotens im Taschentuch mühsam an sein Volk erinnert werden muss, sondern bei Gotscheff auch noch vom Roman Herzog'schen "Ruck" und von der Vollbeschäftigung palavert. So weit, so flach.
Er stolpert dabei durch ein Bühnenbild, das fast die Hauptrolle spielt an diesem Abend: Eine riesige schräge Fläche, die bedeckt ist von dutzenden, offenbar bewohnten Schlafsäcken. Wie bunte große Larven liegen sie da und krümmen sich nur gelegentlich; die Geräuschkulisse im Hintergrund deutet auf einen Bahnhofsvorplatz hin. Die Bühnenbildnerin Katrin Brack hat da wieder mal ein tolles, wenn auch diesmal allzu eindeutiges Sinnbild für die ganze Inszenierung geschaffen: Das Volk ist sediert; es erhebt sich nicht, außer, um mal kurz einen Schluck zu trinken.
Die schräge Fläche dient Ole Lagerpusch als Leonce gleichzeitig für große Auftritte nach Popstar-Manier. Im goldenen Hemd, mit engen Jeans schlendert er betont lässig nach vorn an die Rampe. Um was für einen Typen es geht, wäre auch ohne die oben aus der Hose rausschauende Unterhose klar, auf der groß "Dolce und Gabbana" prangt; die schwarz lackierten Fingernägel allerdings sind sehr apart (Kostüme: Ellen Hofmann).
So ausstaffiert beginnt Leonce die Reden des seines Lebens überdrüssigen Prinzen in tuntig-affektierter Manier zu überdehnen; er erinnert bisweilen an den von Büchner am Ende des Stücks erwähnten (bei Gotscheff allerdings gestrichenen) Automaten-Menschen, der mal wieder aufgezogen gehört. Dann bricht er wieder aus in einen kurzen hysterischen Anfall, und manchmal weiß man nicht mehr, ob der junge Schauspieler Lagerpusch da einen selbstverliebten, sich selbst suchenden Leonce spielt oder so begeistert ist über die tatsächliche Begabung des Schauspielers Lagerpusch.
Wenn's allzu viel wird, lässt Gotscheff - Achtung, Verfremdung! - Leonce' Freund Valerio (Andreas Döhler) dazwischengrätschen, und er darf das Publikum anmachen: "Sie sind pressiert, stimmt's?" Das ist zwar schlau von Gotscheff, rettet ihn aber nicht.
Stärker sind die Passagen, als Leonce und Lena schließlich unerkannt zueinander finden, in Italien, wohin beide inkognito geflohen sind, um der aus Staatsräson angeordneten Hochzeit miteinander zu entgehen.
Katrin Wichmann spielt die Lena als Courtney Love-Ahnin: Trotz Prinzessinnenkleid haftet ihr etwas Vulgäres an; sie hat alle Posen drauf vom sich räkelnden Glamourgirl bis zur betenden Heiligen - und onaniert erstmal mit Genuss.
Als sie dann Leonce trifft, erkennen beide ihre Seelenverwandtschaft; Gotscheff verstärkt das sehr schön, indem er die beiden an der Rampe sitzend synchron Texte sprechen lässt, die bei Büchner entweder ihr oder ihm zugeordnet sind. Für einen kurzen Moment erlaubt der Regisseur da einen Blick hinter die dauerlächelnden Grimassen dieser desillusionierten Menschen, die heute schon wissen, was sie "in einem Jahr denken und träumen" werden, und etwas wie Sehnsucht wird spürbar. Immerhin, eine Regung.
Dann aber kehren sie zurück nach Popo, lassen sich widerspruchslos verheiraten und sprechen am Ende noch ein paar der berühmtesten Sätze aus dem "Hessischen Landboten", dem flammenden Flugblatt gegen die Willkürherrschaft, die Büchner nur zwei Jahre vor "Leonce und Lena" verfasst hatte - und den die Bauern, die ihn erhielten, brav bei der Polizei ablieferten.
Leonce und Lena leiern die Sätze herunter wie ein viel zu oft gesprochenes, längst nicht mehr geglaubtes Gebet. Keine Revolte, nirgendwo; die Müdigkeit hat endgültig alle erfasst.
Thalia Theater Hamburg, 11., 12., 16., 29.September.