Ein feines Spiel hat sich dieser Herzog ausgedacht: Die Verehrung durch sein Volk geht ihm auf die Nerven, zumal ihm dämmert, dass sie weniger ihm gilt als dem Laissez-faire, das er in Gesetzesdingen walten lässt. Einen Richter Gnadenlos hat sein gschlampertes Wien jetzt nötig, aber natürlich soll sich der Aufschrei der Nutten, Zuhälter und Trickser nicht gegen ihn selbst richten. Also setzt er den Moralapostel Angelo als Statthalter ein und verschwindet selbst erst einmal von der Bildfläche. Als Mönch verkleidet kehrt der Undercover-Herzog zurück, besieht sich Angelos Tyrannei von unten und bereitet genüsslich seine Inszenierung als Retter in der Not vor.
Ein begnadeter Entertainer ist dieser Herzog. Im Finale seiner tragisch zugespitzten Reality-Soap wird er der Showmaster sein und heldenhaft die Katastrophe gerade noch zu verhindern wissen. Die Herzen seiner Untertanen werden ihm zufliegen. Und die seiner Zuschauer in "Maß für Maß" tun es dann gewöhnlich auch. Hier in den Münchner Kammerspielen jedoch nicht, so schmierig selbstverliebt, wie Thomas Schmauser diesen Spielmacher spielt. Und so kalt und berechnend, wie Regisseur Stefan Pucher in Shakespeares Komödie die Strategien dieses Egomanen entblößt. Schon einmal hat Pucher an den Münchner Kammerspielen einen vermeintlichen Wohltäter entzaubert und im "Sturm" den weisen Prospero konsequent als Unterdrücker geoutet. Keine Sekunde erliegt Pucher der Verführungskunst dieser charismatischen Dramenfiguren. Er führt sie vor, so skrupellos, wie sie selbst ihre Mitspieler vorführen und ihre Macht auskosten. Das ist der große Reiz an Puchers Shakespeare-Interpretationen.
Naturgewalt Mensch
Dass "Maß für Maß" dabei nicht so fulminant wie der "Sturm" über die Bühne tobt, ist keine Schwäche der Inszenierung, sondern liegt in der Machart des nüchtern konstruierten Stücks. Hier ringen nicht die Menschen mit den Naturgewalten, sondern sie sind selbst Naturgewalt und entdecken in ihrem tiefsten Inneren ihre Zerstörungskraft. Behutsam geht der Regisseur vor, um der gut versteckten Perfidie aller Figuren auf die Schliche zu kommen. Zeile für Zeile, Wort für Wort, legen die Schauspieler sie frei, Stück für Stück wird ihr vorgeblicher Altruismus mit ihren wahren Zielen aufgewogen, "Maß für Maß". So ist der Titel des Stücks auch maßgeblich für die Vorgehensweise Inszenierung, die mit klarem Blick und großer Ruhe die menschlichen Verhältnisse analysiert.
Wie die Schauspieler macht es die Bühne: Schicht um Schicht untersucht sie die Beschaffenheit dieser Gesellschaft. Barbara Ehnes staffelt spitzwinklige, papierene Wandteile hintereinander und fügt sie abwechselnd zu einer windigen, aber dekorativen Fläche zusammen. Mal bilden sie einen durchsichtigen Vorhang aus christlichen Kreuzen, mal suggerieren sie mit grafischen Ornamenten den Orient, mal powern bunte florale Asia-Muster mit einem weißen Häschen in ihrer Mitte über sie hinweg. Und Chris Kondeks atmosphärisch zwingende Videos beschwören immer wieder ein pornografisches Sodom und Gomorrha herauf. Egal, welches politische System oder welche Weltanschauung hier für den moralischen Wertekanon verantwortlich ist: Dieses fiktive Wien ist überall.
Der Charme im Verschlagenen
Es ist nämlich so, dass der tugendhafte Angelo seinen eigenen Maßstäben nicht genügt. Er hat den armen Claudio zum Tode verurteilt, nur weil der seiner Freundin vor der Ehe ein Kind gemacht hat. Splitternackt wird Lasse Myhr als Übeltäter an der Leine wie ein Stück Vieh in den Kerker gezerrt. Seine Schwester Isabella, kurz davor, Nonne zu werden, bittet um Gnade. Doch die blasse, schwarz gewandete elisabethanische Schönheit, Brigitte Hobmeier mit flammend rot aufgetürmtem Haarkunstwerk, erregt mit ihrer eigenen Sittenstrenge Angelos Leidenschaft. Er fordert sexuelle Dienste für das Leben ihres Bruders - und will ihn dennoch umbringen lassen. Schön, wie Christoph Luser in Angelos Verschlagenheit plötzlich diesen liebenswerten und zugleich mitleiderregenden Charme aufblühen lässt.
Doch der Herzog hat die Fäden seiner Intrige fest in der Hand. Isabella, die den Bruder inzwischen verwünscht hat, verliert ihre Keuschheit nicht, Claudio muss nicht sterben und Angelo muss zur Strafe die Frau heiraten, die er früher hat sitzen lassen.
"Maß für Maß" müsste zwar die Devise sein und Angelo nach seinen eigenen Gesetzen sterben. Aber das passt nicht in das Konzept des Herzogs. Mit einer unerhörten, anstößigen, kriecherischen und am Ende widerlich auftrumpfenden Körperlichkeit spielt Thomas Schmauser ihn. Eigentlich meint er den Wüstling und Verleumder Lucio (Peter Brombacher), als er am Ende fragt, wem er nicht verzeihen könne. "Dir selbst", ruft es keck aus dem Publikum. O doch, so einer kann sich immer selbst verzeihen. Wieso auch nicht?
Deshalb hat er die Bosheiten und Verführbarkeit der anderen ja eingefädelt: Um sich selbst seine moralische Überlegenheit beweisen und in seiner Gnade glänzen zu können.
Münchner Kammerspiele: 23., 31. Januar, 8. und 16. Februar. www.muenchner-kammerspiele.de