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Theater: Die Banalität des Boten

"Rechnitz" von Elfriede Jelinek ist ein Brechmittel. Jetzt wurde es in München uraufgeführt. Von Peter Michalzik

Sie entkleiden sich, sie betatschen sich, sie spreizen sich, sie scheinen Engel zu spielen: Jelineks Boten in München.
Sie entkleiden sich, sie betatschen sich, sie spreizen sich, sie scheinen Engel zu spielen: Jelineks Boten in München.
Foto: ddp

Wer bei bestimmten Ereignissen nicht das Bedürfnis verspürt sich zu übergeben, der hat keinen Magen. (Oder ihm fehlt etwas noch Elementareres.) Rechnitz hat ein solches Ereignis mit Brechgarantie erlebt. In dem Schloss wurde ganz am Ende der Nazizeit von NS-Schergen ein anscheinend bacchanalisches "Gefolgschaftsfest" gefeiert, dessen Höhepunkt die Demütigung, Entkleidung und Entleibung von knapp 200 Juden gewesen ist. Besitzerin des Schlosses an der österreichisch-ungarischen Grenze war die Gräfin Batthyány, eine Thyssen-Enkelin, die 1989 als unbescholtene Pferdezüchterin in der Schweiz verstarb. Über ihre Rolle in der Nacht des Festes hat es vor einem Jahr aufgrund eines Buches noch einmal eine Kontroverse gegeben. Auf jeden Fall war die junge, schöne Frau an jenem Abend die Gastgeberin.

Auf der Suche nach dem maximalen Brechreiz ist Rechnitz eine der besten Adressen. Dass die Ermordung der Juden mit den damals landesüblichen Scheußlichkeiten einherging, darf und muss man fast annehmen. Dabei bleibt einem wenig anderes als die eigene Phantasie, um sich das auszumalen. Denn Rechnitz ist - bis heute - ein Ort des Schweigens, die Dorfbewohner sprechen nur in Allgemeinplätzen über das Vergangene, das Massengrab wurde trotz intensiver Suche nie gefunden. Es ist offensichtlich, dass dieser Ort in seiner Mischung aus Grausamkeit und Verschwiegenheit für die Schriftstellerin Elfriede Jelinek ein idealer Ausgangspunkt ihres schreibenden Sprechens ist.

"Rechnitz (Der Würgeengel)" vergegenwärtigt nicht die Vergangenheit, sondern durchleuchtet den Umgang mit ihr, das Schweigen und das Reden. Nicht die mehr oder minder historischen Figuren treten auf, sondern Boten, die - in wessen Auftrag auch immer - über das Vergangene reden und über das Reden reden und überhaupt im Reden ihren Daseinszweck erfüllen. Als zweite Vorlage diente Luis Buñuels Film "Der Würgeengel", in dem eine bourgeoise Gesellschaft in ihrem eigenen Fest gefangen ist. In "Rechnitz" gibt es keine Rollen, sondern einen durchlaufenden Sprachstrom, der ausufernd, anmaßend und großartig ist in seinem Anspruch, all das auszusprechen, was die schweigende Mehrheit nicht sagt, aber doch irgendwie ist oder denkt oder nicht zu denken wagt. Das schwankt zwischen Absturz und Erleuchtung, was zu dieser Art von Suada, diesem kollektiven Bewusstseinsstrom wohl notwendig gehört.

Die Methode ist der Jelineksche Sprachhüpfer. Eine Kostprobe: "Dass die diese letzten nackten Menschen hier auch noch aufnehmen!, hätte ich nicht gedacht, diese herabgefallenen Maschen, ohne dass die es hätten ausbaden müssen, äh, nein, umgekehrt wird ein Pullover draus - ausgezogen waren sie ja schon, aus Ungarn ausgezogen und dann selber ausgezogen ...". Von Menschen zu Maschen, von ausziehen zu ausziehen ist nur ein oder nicht mal ein Buchstabe, die Sprache löst sich mit Verschiebungen und Versprechern selbst die Zunge, hüpft wohin sie will und plappert sich dabei um Kopf und Kragen. Dass das nicht glatt abgehen kann, versteht sich von selbst. Die Qualität solcher Textarbeit aber liegt in der Verdichtung, und da ist Jelinek nach wie vor die Meisterin.

Ganz glatt und leicht treten diese Boten in den Münchner Kammerspielen nun vor uns hin. Easy-going-Musik, kleine Stars, die sich durch die Menge lächeln, ein Lächeln, das zum Säuseln wird, wenn es spricht. Die kleine Menschenparade (Katja Bürkle, André Jung, Hans Kremer, Steven Scharf und Hildegard Schmahl - alle überragend), fünf Boten, die ihre Nachrichten an uns übermitteln, ist das Überraschende und wirklich Geniale der Münchner Uraufführung von Jossi Wieler. Es ist eine ganz eklige Wohlfühlmasse, zu der diese Boten im Lauf der zwei Aufführungsstunden in waidmannbraunem Holzambiente mit Sitznischen verwachsen. Sie entkleiden sich, sie betatschen sich, sie spreizen sich in vorsichtiger Geilheit, sie liegen aufeinander. Sie massieren leicht und beißen ein bisschen - die mediokre Masse Mensch, die es schafft, immer so abgeklärt und unbeteiligt zu wirken, die Banalität des Boten. Das sind wir, das ist der Umgang mit der Vergangenheit.

Ein zwittriges, bedächtiges Wälzen und Suhlen, mit kleinen Fressorgien als Höhepunkten, triefende Salamischeiben, die diese begnadet bedächtigen Schlemmer von der Pizza werfen, Hähnchenschenkel, die sie auseinander zerren, Torten, die bei allen Schmierspuren hinterlassen. Wie sauber und erholsam könnte doch eine Tortenschlacht sein! Aber es ist alles Brei. Oh, würde man diesen Vergangenheitsschleim gerne von sich abschütteln!

Da knallen die Sätze: "Ich weiß ja, dass sie von der Geschichte dieser schrecklichen Zeit geradezu hypnotisiert sind, sie interessieren sich ja für gar nichts anderes mehr, das sehe ich, und indem sie auf das Entsetzliche starren, das dieses Land verbrochen hat, machen sie Deutschland wieder zum Nabel der Welt." Das sind starke und, Herr Knopp, Herr Eichinger, Herr Aust und Herr Breloer, wahrscheinlich wahre Worte. Da wird Jelineks Stück stark und hart, böse und direkt.

Aber auch dieses Stück kreist in sich selbst und entkommt dem Brei nicht. Der erste Teil der Münchner Textfassung dreht sich um nationale Stereotype, die Stereotype bleiben, auch wenn ihnen ein Ausnahmebote widerspricht, der von "kognitiver Distanz" weiß, und mag der auch André Jung heißen. Es sieht so aus, als würde das Stück selbst daran leiden, dass es ein Teil dessen ist, was es beklagt. Oder will es nur immer tiefer in den Schlamm hinein? Ans Ende hat Jelinek eine dialogische Passage gesetzt, in der sich wie beim Kannibalen von Rotenburg lustvoll ausgemalt wird, wie man sich gegenseitig aus purer Geilheit verspeist. In der Logik des Stückes ist das die Interpretation des Geschehens von Rechnitz. Es war Geilheit und nur Geilheit, aus der damals gemordet wurde.

Das ist krass. In der vollkommen unzynischen Münchner Aufführung entfällt dieser Teil. Sie bietet andere Schlüsse an: Der Ausnahmebote sagt, dass wir wieder tief hinunter in den Schmerz müssen. Vielleicht ist es wahr, aber wer glaubt daran, dass das passieren wird? Und Katja Bürkle sieht auf einmal aus wie Elfriede Jelinek und erzählt, wie sie sich dabei vorkommt, wenn sie durch Österreich geht. Sozusagen die persönliche, private Variante. Ob da verlässlicher Boden unter den Füßen zu erwandern ist? Ob es überhaupt jemals aufhört? Ob es überhaupt jemals aufhören soll? Die Vergangenheit würgt weiter.

Kammerspiele München: 1., 5.,

13. Dezember.

Autor:  PETER MICHALZIK
Datum:  1 | 12 | 2008
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