Schlechte Menschen, gibt's die überhaupt? Nein, lallt Kimmigs arbeitslos gewordener Kasimir wenig glaubwürdig und doch irgendwie rührend, als er sich schon längst besoffen am Boden wälzt: "Er ist halt ein Produkt seiner Umgebung." Seine Braut, die Sekretärin Karoline, hat ihn verlassen. Darum liegt er nun hier. Während sie sich, mit ihren blondierten Haarfetzen und der türkisfarbenen Kunstfaserjacke, der Hoffnung auf gesellschaftlichen Aufstieg hingibt. In der Limousine des Vorstandsvorsitzenden, der sie vom Rummelplatz nach Altötting abschleppen wollte, ist ihr dann aber doch ein Licht aufgegangen.
Dass sie ihren Realitätssinn bewahrt und sich nicht sexuell benutzen lassen will, ist vielleicht das einzig Tröstliche, was in Stephan Kimmigs Bearbeitung von Ödön von Horváths Volksstück "Kasimir und Karoline" herauskommt. Horváth sah das Anfang der 30er anders. Auf dem Oktoberfest werden Träume geboren, und die Not wird begraben. Da ist die Bereitschaft, sich für jedes scheinbare Glück aufzugeben, übergroß. Bei Horváth zwingen sich die Frauen gegenseitig zur "Munderotik", nur um etwas Geld zu bekommen. Bei Kimmig sagen sie Nein.
Doch auch bei ihm wartet auf Karoline kein Glück. Wenn Paula Dombrowski sie heimkehren lässt zu ihrem Kasimir und spitznasig und zickig alles Vorgefallene kleinredet, dann kämpft da immer noch eine Ambition neben den bösen Blicken. Störrisch wirft sie sich zwischen den Bräutigam - bei Peter Moltzen hat er etwas kindlich Staunendes, das am vergeblichen Bemühen um Aufrichtigkeit fast zerbricht - und dessen neue Gefährtin Erna. Vergeblich.
Susanne Wolf spielt diese Erna mit der ihr eigenen Grandezza, als tumbes, schlurfendes, freundlich grinsendes Monster, das seinen Besitzanspruch an den kriminellen Merkl Franz mit Liebe verwechselt und dafür regelmäßig Tritte ins Gesicht bekommt. Was sie nicht hindert, bei seiner Verhaftung heftig um ihn zu weinen. Gleichsam symbolisch klebt ein unscheinbares Pflaster auf Wolfs Nasenrücken, das Daniel Hoevels als Merkl Franz in unberechenbarer Zuhältermanier hin und wieder mit dem Daumen traktiert. Erna schreit so gewissermaßen auf Knopfdruck. Derlei schöne Regie-Einfälle begleiten den Abend.
"Kasimir und Karoline", Horváths 1932 uraufgeführtes Stück über ein kleinbürgerliches Pärchen, das den Folgen der damaligen Weltwirtschaftskrise in den menschlichen Beziehungen nachspürt und zugleich den Endpunkt seiner Dramatiker-Karriere unter den Nazis markiert, lässt sich nicht nur als Metapher unserer Bankenkrise lesen. Bei Kimmig leuchtet es als werkgetreue und zugleich runderneuerte übersetzerische Präzisionsarbeit des Regietheaters. Horváths Gebrauchsanweisung, die der Dramatiker, der sich als Mundart-Komiker verkannt fühlte, nach der Leipziger Uraufführung an künftige Regisseure richtete, mag ihm bei diesem Spagat geholfen haben.
Horváths Wunsch nach Stilisierung sieht man auf der Bühne von Katja Haß erfüllt, die einen schäbigen roten Metallzylinder auf die Drehbühne gestellt hat - Karussell, Jahrmarktsbude, Sex-Bar und Vorhang in einem. Einige Leuchtbuchstaben, die man als unvollständiges Anagramm von Eros oder Oregon zu entziffern versucht, liegen da herum und wollen keinen Sinn ergeben.
Eine Hymne der Indifferenz
Am meisten aber hilft die Musik von Michael Verhovec. Während Horváth seine Dialoge mit Blechkapellen-Getöse verstärken wollte, hat Verhovec alles unter einem fernen Grundrauschen, manchmal mit Andeutungen von Gläserklirren, Drehorgel, Leierkasten oder Glockenspiel, begraben. Stattdessen dröhnt Matthias Reim, dessen intellektuelles Gegenteil Herbert Grönemeyer ist, seinen Song "Verdammt, ich lieb dich", eine Hymne der Indifferenz.
Die Musik erstirbt hier genauso wie die Gefühle und unterstreicht damit die Kluft zum Behaupteten. Das plötzliche demonstrative Innehalten der Figuren, bei Horváth immer wieder als Stille vorgeschrieben, hat Kimmig inszeniert. Am eindrucksvollsten, wenn Sandra Flubacher und Anna Steffens als Rummelplatzflittchen Maria und Elli, von Kimmig geschickt als singende Kommentatoren eingesetzt, mit halber Stimme Volksweisen intonieren und abbrechen.
Karoline geht am Ende mit Schürzinger, dem Norman Hacker linkische Lebenstüchtigkeit verleiht. So ist das, wenn man mit gebrochenen Flügeln zurückkehrt und das Leben geht weiter, als wär' man nie dabei gewesen, sagt sie in einer typischen Horváth-Sprechblase. Alle sind sie da, die Boten der neuen Armut, verlieren ihre Würde, und keiner will es bemerkt haben. Nicht einmal der Regisseur macht sich darüber lustig.
Thalia Theater Hamburg: 6., 15., 18. November. www.thalia-theater.de