Im Jahr 1971 schreibt der bayrische Kleineleutedichter Franz Xaver Kroetz - der wie alle wahren Kleineleutedichter von den kleinen Leuten nie wirklich erhört wurde, der später unter allen Leuten als Klatschreporter Baby Schimmerlos berühmt wurde und darüber (und über anderes) verzweifelte - das Stück "Wunschkonzert". Das kleine Stück ist in gewisser Weise der Höhepunkt seines Schaffens, die Verbindung von Brecht und Beckett, was etwas übertrieben ist, aber auch ein wenig wahr: Das "Wunschkonzert" verbindet radikale Analyse und radikale Reduktion. Es ist ein Stück für eine Frau, die von der Arbeit nach Hause kommt, nichts sagt, normalen Verrichtungen nachgeht, Radio hört, es läuft eine Musikwunschsendung, und sich umbringt. Das war knallhart in seiner Verbindung aus genau gesehener Normalität und Todeswunsch.
Nun kommt Katie Mitchell aus England, wo sie stellvertretende Leiterin des National Theatre ist, und sucht sich für ihr "continental debut" eben jenes "Wunschkonzert" aus. Mitchell eilt der Ruf voraus, sich für die nichtenglische Theatertradition zu interessieren, sie soll mit Virginia Woolfs "Wellen" und Dostojewskijs "Idiot" trickreiches Videotheater gemacht haben. Wobei Theatergänger hierzulande unweigerlich an Frank Castorfs Video-"Idiot" denken müssen.
Zu Beginn hat das die schöne Stimmung vor einer Opernaufführung, wenn im Orchestergraben die Instrumente gestimmt werden. Wir sehen die Lust am Herstellen: mehrere Darstellerinnen, Tonerzeuger, Videofilmer und ein Streichquartett spielen, rascheln, machen Bilder und Musik, werden aufgenommen und auf eine große Leinwand übertragen, die über der Szene thront wie ein Altarbild. Klicken, Licht, Nahaufnahme, alles wird einzeln erzeugt. Die Elemente tropfen getrennt von der Bühne, während man oben auf der Leinwand die ganze Geschichte sieht. Unten sind Teile, oben ist Synthese. Da Bild und Ton, Totale und Nahaufnahme getrennt erzeugt werden, erfordert es gehörige Disziplin, dass oben alles passgenau zusammengeht - Disziplin, die die Darsteller und Technikkünstler am Schauspiel Köln durchaus aufbringen.
Viel Zeitkolorit
Aber wo bei Kroetz Reduktion war, ist bei Mitchell Opulenz, wo Kroetz das Graubrot des Angestelltendaseins lieferte, backt Mitchell einen gewaltigen Selbstmordtheaterkuchen. Diese Opulenz ist zwar ernst und streng, aber sie ist doch übermächtig. Mitchell lässt nichts aus. Es werden Gedichte von Anne Sexton gesprochen, die sich erstens umbrachte und zweitens ihr Innenleben in bedrängenden Bildern ausdrückte - etwas, das Frau Rasch, so heißt die kleine Frau von Kroetz, nicht gegeben war. Es gibt Bilder von einem Quadratmeter Wiese, der vorne auf der Bühne liegt, die eine Art wehende Blümchenkleiderinnerung oder -phantasie von Frau Rasch sind. Wir sehen die einsame Frau bei der Arbeit an der Schreibmaschine, wir sehen sie weinen, wir sehen sie beim Sticken, und wir sehen ihre Disziplin. Es wird abgewaschen, zurechtgerückt, gefaltet, der Wecker aufgezogen. Keine Nachlässigkeit in kleinen Dingen, schon gar nicht vor dem Selbstmord! Wir haben dazu viel Zeitkolorit, Robert Lemkes heiteres Berufe-Raten im Fernseher und Creme 21. Die Tabletten heißen Tofranil Geigy, Frau Rasch nimmt neun Stück. Muss hartes Zeug gewesen sein.
Natürlich ist es ein Vergnügen, bei der allmählichen Verfertigung des Films beim Spielen zuzusehen. Die Radiosendung wird gesprochen, die Radiomusik vom Streichquartett gespielt. Alles echt. An sieben Orten ist hier auf der Bühne dauernd etwas los. Für ein einfaches Händewaschen - und Frau Rasch wäscht sich oft die Hände - ist erhebliches Personal im Einsatz: Julia Wieninger, die Frau Rasch sehr mitfühlend spielt, Birgit Walter, die die Hände für die Nahaufnahmen zur Verfügung stellt, Leute, die das Licht für die Aufnahmen zurechtrücken, zwei Videofilmer und zwei Wassergurgler und Tonproduzenten.
Franz Xaver Kroetz inszenierte das "Wunschkonzert" erst 1995 selbst, mit Sibylle Canonica. Diese Aufführung war klein, finster, hart und böse. Zehn Jahre später ist aus dem Stück eine Aufführung geworden, die einen herzlich einlädt, sich in Verlorenheit und Selbstmordsehnsucht zu suhlen und darüber zu staunen, wie kunstvoll das alles gemacht ist. Wenn's denn der Wahrheitsfindung dient, möchte man da hineinrufen. Die Kölner waren dieser Meinung und haben der Einsamkeitsorgie vergleichsweise enthusiastisch applaudiert.
Schauspiel Köln: 17.-20., 31. Dezember. www.schauspielkoeln.de