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Theater: Melone statt Braten mit Sauce

Oliver Reeses Inszenierung von Thomas Bernhards "Ritter, Dene, Voss" am Deutschen Theater in Berlin rückt das Stück in die Nähe eines forcierten Kabarettabends.

Seltsame Speisenfolge: Regisseur Reese lässt vor dem Brandteigkrapfen Melone reichen. Mit am Tisch: Ulrich Matthes.
Seltsame Speisenfolge: Regisseur Reese lässt vor dem Brandteigkrapfen Melone reichen. Mit am Tisch: Ulrich Matthes.
Foto: dpa

Wieder einmal ein bisschen vom altvertrauten Thomas-Bernhard-Sound. Drei Jahre vor seinem Tod 1989 arrangierte der Serienschreiber des obsessiven Weltverdrusses die Motive noch einmal neu, die seit "Ein Fest für Boris", dem Debüt als Dramatiker, sein Theater ausgemacht hatten. Motive aus dem Grundgefühl eines tiefen Lebensekels. Die bevorzugte Redeform ist die der Tirade und des Schmähgesangs. Es ist des Hassens kein Ende, in "Ritter, Dene, Voss" gilt die Verachtung Deutschen und Wienern, Ärzten und Mäzenen, den Eltern im Allgemeinen und den Kunstmalern (außer dem Goya) im Besonderen, Philosophen und Schriftstellern, der Mehlspeise Brandteigkrapfen ebenso wie dem Theater und den Schauspielern - mit unterschiedlicher Heftigkeit werden diese Ziele des Unmuts von Schimpfreden umkreist. Wobei deren Radikalität zunehmend als eine vorgebliche, zwanghaft aufgesetzte erscheint.

Als Claus Peymann den auf drei Personen - zwei Schwestern, die gelegentlich als Schauspielerinnen auftreten, und ihren nervenkranken Bruder, der sich ein Philosoph aus der Wittgenstein-Schule dünkt - verteilten Redeschwall vor nun schon mehr als zwei Jahrzehnten in Salzburg uraufführte, bestand der aparte Reiz darin, dass die Darsteller des Stücktitels selber spielten. Also in einem halbrunden, dunkelroten Salon Ilse Ritter die Ritter, Kirsten Dene die Dene, Gert Voss den Voss. Es war Schauspielertheater im engsten Sinn. Peymann, sehr vertraut mit dem Trio, veranlasste die drei in vielen Einzelheiten der Haltung, der Gesten, des Tonfalls zu Übereinstimmungen mit den Rollen, die Bernhard ihnen gewidmet hatte. Nervös, immer wie im Aufbruch, drängelnd, am Ende regelrecht rebellisch: die Ritter; neben ihr, bei aller Unrast auch begütigend, sorgend: die Dene. Und Voss raumfüllend in seiner Bosheit, in den Ausbrüchen der Gemeinheit aber immer auch sehr kontrolliert.

Gleichsam über den Text hinaus vermittelten die Schauspieler damals Lebenseindrücke, die sich von Bernhard herleiteten und sich mit ihrer Vitalität zugleich seiner Lebensverzagtheit doch auch entzogen. So wurde das Stück, das gibt es im Theater immer mal wieder, durch jene Uraufführung erweitert, aus der Sackgasse des Weltekels um eine gute Strecke herausgeführt.

Munter-gehässige Beiläufigkeit

Ohne solches Zutun - wie weit trägt es heute? In den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin hat Oliver Reese, der im nächsten Herbst die Leitung des Frankfurter Schauspiels übernehmen wird, als Regisseur den Zeitwert von "Ritter, Dene, Voss" einer Probe unterzogen. An dem Stück lässt sie nicht viel mehr hervortreten als eine Nähe zu forciertem Kabarett. Auch der intensive Einsatz und manchmal sogar eine gewisse Spielfreude von Constanze Becker (die mit Reese nach Frankfurt wechseln wird) als Ritter, Almut Zilcher als Dene und Ulrich Matthes als Voss können den Eindruck einer munter-gehässigen Beiläufigkeit der Vorlage Bernhards nicht korrigieren. Angestrengtes Bemühen vorzüglicher Schauspieler um eher wenig.

Auffällig sind Unentschiedenheiten der Regie. Reese hat sich von Hansjörg Hartung ein weißes Podest auf die Bühne stellen lassen, darauf ein Tisch und drei Stühle, auch in Weiß. Der Umgang mit dieser insularen Spielfläche ist jedoch insofern ungenau, als sie von den Schauspielern wiederholt verlassen wird, und zwar ohne ersichtlichen Grund. Nicht gelöst ist auch das Problem der Adressaten: An wen richten sich die Tiraden? Peymann ließ die drei aufeinander einreden. Jetzt in Berlin räsonieren sie mal zum Publikum hin, mal bleiben sie in ihrem Weltinnenraum. Das ist eine Frage der Einstellung, der Focussierung. Durch das Mal-so-mal-so fehlt der Bezugspunkt, die Texte werden noch austauschbarer als sie es ohnehin sind.

Im ersten Teil nehmen Platz die beiden Schwestern, in Erwartung des Bruders, den die eine überredet hat, aus der Nervenklinik in das gemeinsame Elternhaus zurückzukommen, eine Rückkehr, die der Mann verabscheut. Das zweite Bild zeigt die drei beim Mittagessen, sie sitzen nebeneinander, dem Publikum zugewendet. Für den (besonders schwachen) dritten Abschnitt sind Tisch und Stühle von dem Podest entfernt, die Schauspieler, was ihnen merklich schwerfällt, nun ohne Halt.

Sind die Personen unter sich, meint die Regie, ihre Präsenz über den sprachlichen Ausdruck hinaus, mit dem Bernhard sie vor allem begründet, durch ein deutliches Körperspiel verstärken zu müssen. Sie greifen also einer nach dem anderen, fassen sich an. Flirrend-unscharfe Anspielungen, etwa auf inzestuöse Beziehungen des Bruders zu der jüngeren der Schwestern, werden durch solche direkte Kontakte gegen den Text vergröbert. Aus dem Zopf der Constanze Becker (als Ritter) dreht der Bruder einen Penis, an dem er herumstreicht. Später geht er ihr zupackend an die Wäsche. So gibt es viele Beispiele dafür, dass Nuancierungen nicht gerade eine Stärke der Inszenierung sind.

Statt des Bratens mit Sauce, den die Vorlage will, gibt es bei Oliver Reese vor der Nachspeise der Brandteigkrapfen zu Mittag eine Melone. Seltsame Speisenfolge. Auch damit hat aber der Regisseur, der am Deutschen Theater bislang vor allem als Dramaturg erfolgreich gewirkt hat, dem Stück nicht unbedingt einen Gefallen getan. Am Frankfurter Schauspiel wird er jedoch übers Jahr nicht in das Regiefach, sondern in das des Theaterleiters wechseln.

Deutsches Theater Berlin: 11., 22. November, 11., 21., 25. Dezember, www.deutschestheater.de

Autor:  PETER IDEN
Datum:  4 | 11 | 2008
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