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Theater: Wo liegt dieses Athen?

Stefan Pucher hat in Zürich aus Aischylos' "Persern" eine erregende Aufführung gemacht.

Das ist eine nun wirklich erregend spannende, bewegende Aufführung. Zügig im Ablauf, sehr dicht, in jedem Moment der Spieldauer von wenig mehr als einer Stunde konzentriert auf einen Text, der szenisch nicht durch Zutaten aktualisiert werden muss, um seine Aktualität zu erweisen. Gegeben wird das erste Drama, das uns zur Gänze überliefert ist, "Die Perser" des Aischylos, uraufgeführt 472 vor Christus im demokratischen Athen des Perikles, der das Theater förderte als ein Medium des kritischen Einspruchs gegen jede Form von Herrschaft, zu ermöglichen von den Herrschenden selbst - bis heute der stichhaltigste Grund für Theatersubventionen.

Viel ist zu lernen von diesem Stück. Zuerst ist da die Position, die es einnimmt. Acht Jahre vor der ersten Aufführung waren die Perser unter ihrem König Xerxes in Griechenland eingefallen, mit der bis dahin größten Invasionsmacht der Geschichte, übertroffen erst vom Aufgebot der Alliierten für die Landung am D-Day im Juni 1944 in der Normandie. Aischylos lässt zu Beginn seines Dramas einen Chor von Greisen, der als Staatsrat zurückgeblieben ist in der persischen Hauptstadt Susa, berichten von der Vielzahl der Völker und Stämme, die Xerxes zusammengezogen hatte für den Kriegszug. Diese Aufzählung findet später eine fürchterliche Entsprechung: Sie wird zu einer Totenliste. Denn die gewaltige Streitmacht der Perser wird von den ihr zahlenmäßig weit unterlegenen Griechen in der Seeschlacht von Salamis vernichtend geschlagen.

Der Grieche Aischylos aber ergeht sich nun nicht in Schilderungen des Triumphs seines wider alle Gegebenheiten siegreichen Landes - er begibt sich vielmehr auf die Seite der unterlegenen Perser, beschreibt das Elend der Verlierer, versetzt sich in deren Lage. Dieser Wechsel der Perspektive enthält einen für die Demokratie noch immer grundlegenden Gedanken: Erst der Versuch, im Konflikt die Position des Gegenübers nachzuvollziehen, kann helfen, den anderen zu verstehen und ein Zusammenleben möglich werden zu lassen.

Zugleich dient der veränderte Blickwinkel einer politischen Warnung. Durch den Sieg wurden die Griechen ihrerseits animiert zu einer imperialen Ausweitung der hegemonialen Ansprüche - gegen solchen Übermut, die Gefahr eines Fehlverhaltens aus hybrider Selbst-Überhebung erzählt Aischylos den Seinen am Beispiel der persischen Feinde von den Folgen, dem Absturz in Untergang und Elend.

In diesem Punkt drängen aktuelle zeitgeschichtliche Bezüge sich auf wie von selbst. So hat die Regie Stefan Puchers jetzt in Zürich denn auch auf direkte Anspielungen verzichtet. Die eine Person, auf die der Chors des Staatsrats reduzierte wird, ist kein iranischer Fundamentalist und auch kein amerikanischer Senator. Jean-Pierre Cornu tritt auf wie ein Archivar oder das Klischee eines strengen Griechischlehrers, graue Hosen mit scharfer Bügelfalte, graue Weste, Brille. Sein Bericht über das enorme Heer des Perser ist schon voller schlimmer Vorahnungen, unfroh. Hinter ihm auf einem Pfauenthron (Bühne: Barbara Ehnes) die Mutter des Xerxes, Atossa, mit Catrin Striebeck überraschend jung besetzt, schlanke, elegante Erscheinung mit Sonnenbrille, von der Kostümbildnerin Tina Kloempken geschmückt mit dem blauen Band einer Miss Persien, man darf an Soraya denken.

"Wo, um Himmels willen, liegt dieses Athen?", fragt sie den Choristen, in der griffigen Übersetzung von Durs Grünbein. Ausdruck des Hochmuts, vor dem schon schwere Untergangsträume in den Nächten zuvor sie hätten schützen müssen. Die Rolle der Frau wird von der Inszenierung Puchers, das ist eine gewisse Schwäche, seltsam beiläufig angelegt, fast banalisiert. Wenn die Staatsform der Athener ihr als Demokratie beschrieben wird, macht sie das lachen. Und lässt sie mehrmals trotzig wiederholen, dass ihr Sohn, auch falls das griechische Abenteuer fehlschlüge, niemandem Rechenschaft schulde.

Später, nachdem der Bericht eines Boten - den Daniel Lommatzsch vorzüglich gliedert und zu hoher Intensität steigert - an dem Ausmaß der militärischen Katastrophe keinen Zweifel mehr erlaubt, tritt Atossa verschleiert auf, im langen Schwarzen, très chic. Wenn sie schon nicht zu begreifen vermag, was geschehen ist, bleibt jedenfalls das Äußere ihr wichtig. Mit solchen Frauen gewinnt man keine Kriege.

Es scheint, als wisse das auch der Geist des Darios, ihres verstorbenen Mannes, der zur Hilfe aus dem Hades heraufgerufen wird in das Licht des Tages der schrecklichen Nachrichten. Auch Robert Hunger-Bühler als Gast aus dem Totenreich ist sehr elegant, lässig rauchend tritt er hervor aus Disco-Geflimmer. So entrückt sein Tonfall eines milden Märchenerzählers der Welt ist, sieht er doch, was realistisch aus der Niederlage folgen wird: der Verlust persischer Macht für alle Zukunft. Und sein Rat? Niemals einen Krieg vom Zaun brechen gegen Griechenland.

Als dann schließlich Xerxes auftaucht, Oliver Masucci, der Geschlagene in zerrissenem Gewand, weiß der das auch. Bei Aischylos entschiedener als in der Aufführung, kommandiert er den Choristen zur Klage über das verlorene Lebens-und Kriegsglück der Perser. Tyrann, will das sagen, bleibt eben sogar in der Niederlage Tyrann. Es ist das System, das den Typus erschafft. Die älteste Tragödie, die wir kennen, handelt davon. In Zürich hat man sich ihr aufmerksam genähert - mit Sinn für das Vergangene, das nicht vergangen ist.

Termine: Schauspielhaus Zürich, 7., 9., 15., 21.,22. Oktober.

Autor:  PETER IDEN
Datum:  6 | 10 | 2008
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