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Thomas Schaaf: "Wir wollen viele Erwartungen schüren"

Angeschlagene Bremer erwarten im Weserstadion sich berappelnde Frankfurter. Im FR-Interview sagt Werder-Trainer Thomas Schaaf, dass er trotz des Ausscheidens in der Champions League nichts von Kleinmut und einem defensiveren System hält.

Oft in Überzahl, selten nah dran: Thomas Schaaf muss dirigieren.
Oft in Überzahl, selten nah dran: Thomas Schaaf muss dirigieren.
Foto: ap

Herr Schaaf, vor fast zehn Jahren bedeutete ein 1:2 gegen Eintracht Frankfurt die Beurlaubung von Felix Magath und Ihren Einstieg ins Bundesliga-Trainergeschäft. Erleben Sie aktuell Ihre schwierigste Phase?

Es ist ein Irrglaube, dass wir nur dann intensiv arbeiten, wenn wir verloren haben und uns auf die Couch legen, wenn es gut läuft. Die Situation ist lediglich mit einem negativen Vorzeichen besetzt, mehr nicht.

Zur Person

Thomas Schaaf fehlt noch ein halbes Jahr zum zehnjährigen Dienstjubiläum als Cheftrainer bei Werder Bremen - jenem Klub, dem der 47 Jahre alte gebürtige Mannheimer als Elfjähriger in der D-Jugend beitrat und für den er 262 Bundesligaspiele absolvierte.

Bereits als ehemaliger Chefcoach des Werder-Nachwuchses lehrte der rechte Verteidiger, der schon während seiner aktiven Profi-Laufbahn Jugendtrainer geworden war, seine Teams Angriffsfußball. Seiner Philosophie will er auch in Zukunft treu bleiben.

Spüren Sie nach fast zehn Jahren an der Front bei Werder Abnutzungserscheinungen?

Wo soll ich die spüren?

Im Umgang mit der Mannschaft und in der Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung?

Meine Arbeit macht mir nach wie vor unheimlich viel Spaß. Ich bin genauso bereit, mich den Aufgaben zu stellen, wie ich das am ersten Tag gemacht habe. Die Zusammenarbeit mit dem Vorstand ist so intensiv und sinnvoll wie eh und je. Und was die Mannschaft angeht: Da gibt es lediglich einen Spieler, nämlich Frank Baumann, der fast die gesamte Zeit mitgemacht hat. Also stellt sich diese Frage nicht.

Woran möchten Sie gemessen werden: Daran, die Mannschaft auf Rang 15 übernommen und fünfmal in die Champions League geführt zu haben - ein Wunder - oder daran, dass das Team dort zum dritten Mal in Folge in der Vorrunde ausgeschieden ist und in der Bundesliga derzeit nur Mittelmaß darstellt?

Wenn Sie die Zeit nehmen, seit ich verantwortlich bin, stehen sicherlich ein paar positive Dinge vorne an. Wenn Sie nur in der Aktualität leben, können Sie gerne sagen: Niederlage in Hamburg, Unentschieden in Famagusta.

Nehmen wir die Aktualität: In der Süddeutschen Zeitung stand nach dem Aus auf Zypern: "Was einst funktionierende Automatismen waren, ist zur Berechenbarkeit verkommen." Stimmen Sie der Analyse zu?

Nein, denn man kann bei uns momentan leider nicht von Automatismen reden. Wenn die da wären, wäre das eine schöne Sache für uns. Wir befinden uns derzeit in der Situation, dass wir sehr viel Kraft für Dinge aufwenden müssen, die wir längst automatisiert zu haben glaubten.

Die Mittelfeldraute, davor mit zwei Stürmern, hat Werder taktisch in Deutschland und Europa bekannt und erfolgreich gemacht. Gibt es aber angesichts der Entwicklung im Spitzenfußball hin zu einem Stürmer Überlegungen, zu einem variableren Spielsystem zu kommen?

Was würde das verändern?

Zum Beispiel, dass Werder mit einem Stürmer weniger und einem Mittelfeldspieler mehr weniger Gegentore kassiert.

Dann schauen Sie sich mal unsere Gegentore genau an. Wenn Sie meinen, wir würden erst mit einem Mittelfeldspieler mehr defensiv Überzahl erzeugen, dann werden Ihnen die Tatsachen allerdings widersprechen.

Es liegt also eher am Verhalten des einzelnen Spielers?

Wir sind bei unseren Gegentoren zu 80, 85 Prozent in Überzahl. Was soll mir dann noch ein Mann hinten mehr helfen? Ich denke, dass es sinnvoller ist zu schauen: Was passiert denn in den einzelnen Aktionen?

Und? Was passiert?

Wir sind zwar in Überzahl, aber zu weit weg vom Mann. Das war beispielsweise auch so beim Siegtreffer von Olic in Hamburg. Oder beim Eckball, der in Famagusta zum 0:1 führte. Da hatten wir genügend Leute da. Wie die Spieler handeln, ist viel, viel wichtiger als eine Diskussion über Systeme, die uns nicht helfen.

Eigentlich ist Bremen ja auch nicht automatisch ein Champions-League-Standort wie zum Beispiel München oder Madrid. Sollte man also realistisch sein und die Erwartungen zurückschrauben?

Nein, das wollen wir nicht. Wir wollen viele Erwartungen schüren. Das ist unser Credo.

Es sind am Freitag 412 Millionen Euro jährlich aus der TV-Vermarktung der Bundesliga aufgerufen worden. Da ist finanziell kein Fortschritt. Heißt das, dass auf absehbare Zeit mit Ausnahme der Bayern deutsche Klubs nicht unter die Top vier bis acht Europas vordringen können?

Es heißt auf alle Fälle, dass wir allenfalls mal einen einzigen Spieler holen können, der uns eine Phantasie gibt, eine Vision, Größeres zu erreichen. Und wenn wir das erreicht haben, dann wird er von einem anderen Klub verpflichtet. Also wird es für uns immer schwierig sein. Aber deshalb wollen wir trotzdem mutig bleiben.

Kann Eintracht Frankfurt angesichts der angespannten Situation bei Werder heute von einem leichten und lockeren Sieg im Weserstadion ausgehen?

Die Ausgangspostion ist sicher für die Frankfurter einfacher. Sie haben zuletzt einiges Selbstvertrauen gewonnen und werden mutig hier ankommen. Aber wir glauben an unsere Qualitäten. Ich bin gespannt, wie unsere Mannschaft sich nach dem Aus der Champions League präsentieren wird.

(Interview: Jan Christian Müller)

Datum:  28 | 11 | 2008
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