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Umweltbundesamt warnt: Wo das Weltklima kippt

Das Umweltbundesamt warnt vor unumkehrbaren Folgen der globalen Erwärmung.


Foto: FR-Infografik

Das Umweltbundesamt (UBA) appelliert an die Politik, den Zuwachs beim Ausstoß des Treibhausgases weltweit bis 2020 zu stoppen und die Emissionen bis 2050 um mindestens die Hälfte zu senken. Nur so sei es möglich, im "Temperaturfenster" von maximal zwei Grad Erwärmung zu bleiben, das die UN-Klimaforscher für tolerabel halten. Ansonsten drohten abrupte und kaum beherrschbare Klimaänderungen - etwa das Schmelzen der Grönland-Eismassen oder das Absterben des Regenwalds in Amazonien.

UBA-Experte Harry Lehmann warnte im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau davor, die so genannten Kipp-Punkte zu unterschätzen. Die Klimaerwärmung verlaufe zwar nach menschlichen Maßstäben allmählich. Aber schon bei relativ geringen Temperatur-Anstiegen könne das Klimasystem instabil werden.

Die neuralgischen Punkte

1) Arktisches Meereis. Seit 1980 hat die Eisdecke des Nordpolarmeeres im Sommer deutlich abgenommen. Dies beschleunigt den Erwärmungstrend zusätzlich, da das dunklere Meer mehr Sonnenstrahlen absorbiert als eine helle Eisfläche. Bereits binnen weniger Jahrzehnte könnte die Arktis im Sommer eisfrei sein. Der so genannte Kipp-Punkt ist möglicherweise bereits überschritten.

2) Grönländischer Eisschild. Die Arktis erwärmt sich etwa doppelt so schnell wie die Erde im Durchschnitt mit 0,8 Grad seit 1850. Wird dort die kritische Grenze von drei Grad über- schritten, könnte das Abschmelzen des gigantischen Grönland-Eisschilds irreversibel beginnen. Forscher schätzen, dass dies 300 bis 1000 Jahren dauern würde. Der Meeres- spiegel würde dadurch langfristig um bis zu sieben Meter ansteigen.

3) Westantarktischer Eisschild. Die Eismassen am Südpol sind generell weniger gefährdet als die am Nordpol. Der Kipp-Punkt für Randzonen wie den Eisschild im Westen liegt wahr- scheinlich bei einem Temperaturplus von fünf bis acht Grad Celsius in der Region im Sommer. Im schlimmsten Fall könnte er binnen 300 Jahren abtauen, der Meeresspiegel stiege dadurch um fünf Meter.

4) Wälder in den nördlichen Breiten. Bei globaler Erwärmung um drei bis fünf Grad könnten binnen 50 Jahren wegen häufigerer Brände und Stürme sowie stärkerem Insektenbefall große Waldflächen absterben. Dadurch käme mehr CO2 in die Atmosphäre; der Klimawandel würde schneller.

5) Amazonas-Regenwald. Wegen Erwärmung und Waldzerstörung sinken die Niederschläge in der Region um bis zu 30 Prozent. Bei einem Temperaturplus von drei bis vier Grad könnte der Regenwald bereits in 50 Jahren großflächig absterben - die grüne Lunge der Erde wäre in Gefahr.

6) Sahara/Sahel-Zone. Die globale Erwärmung verstärkt den westafrikanischen Monsun und seine Regenfälle. Bei drei bis fünf Grad plus aber könnte die Luftzirkulation zusammenbrechen, die Niederschläge in die Region bringt. Gefahr: mehr Trockenheit und Dürren.

7) Indischer Sommermonsun. Dieses Wind-System bringt bis zu 90 Prozent der Niederschläge in Indien. Von der Regelmäßigkeit des Monsuns hängen etwa die Erträge in der Landwirtschaft ab, Missernten drohen, wenn er schwach ist. Klimaforscher befürchten, dass der Monsun bereits in den kommenden Jahren unberechenbarer werden könnte. Im Extremfall beginnt er, chaotisch zwischen stärkeren und schwächeren Regenfällen zu wechseln.

8) Meeresströmungen im Atlantik. Bei globaler Erwärmung um drei bis fünf Grad könnten im hohen Norden Strömungen in der Tiefe aussetzen. Dann würde der Nordatlantikstrom - die Verlängerung des Golfstroms und "Zentralheizung Europas" - abreißen und der tropische Niederschlagsgürtel verschoben. Der Strömungskreislauf gilt aber als relativ stabil.

Ein neuer UBA-Report beschreibt die Gefahren. Im Fall des Meereises in der Arktis ist der Kipp-Punkt laut den Klimatologen nah oder sogar schon überschritten. Die höheren Temperaturen führten dort in den vergangenen 100 Jahren zu einem Rückgang der Eisdecke. Bei weiterem Anstieg könnte die Arktis im Sommer bald eisfrei sein. Für die Menschen in der Region hätte das schwerwiegende Folgen: Sie könnten sich nicht mehr von der Jagd ernähren, weil Tierarten verschwinden.

Abrupte Veränderungen

Die Forscher können noch nicht genau voraussagen, wann die Kipp-Punkte erreicht werden. Sie warnen aber: Sind die Veränderungen im Klimasystem zu stark und dadurch unumkehrbar, kann sich die Menschheit nicht mehr an sie anpassen oder nur noch unter hohem Aufwand und Kosten.

Das Umweltamt ruft zu "entschlossenem Handeln" auf. Die Reduktion des Ausstoßes von CO2 und anderer Treibhausgase müsse so angelegt werden, dass das Temperaturplus von zwei Grad verglichen mit der Zeit vor der Industrialisierung nicht überschritten wird. Da der Globus sich im Durchschnitt seit 1850 bereits um 0,8 Grad erwärmt hat, bleiben nur noch 1,2 Grad "Luft" nach oben.

Das Zwei-Grad-Ziel entspricht langfristig einer CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre von 0,04 Prozent (400 Teile einer Million, ppm). Vor der Industrialisierung waren es 280 ppm, inzwischen sind durch Verbrennen von Kohle, Öl und Gas sowie Wald-Vernichtung bereits 380 ppm erreicht. Die Zeit, um die Treibhausgas-Konzentration bei 400 zu stabilisieren, ist also extrem kurz.

G8-Staaten legen sich nicht fest

Die G8-Industriestaaten haben sich auf ihrem Gipfel Anfang Juli nur auf eine "gemeinsame Vision" einigen können, die Emissionen bis 2050 mindestens zu halbieren. Konkrete Festlegungen gibt es nicht. Für 2020, das Zieljahr eines Kyoto-Nachfolgeprotokolls, hat sich bislang nur die EU positioniert. Sie will minus 20 Prozent erreichen - falls andere Staaten mitmachen auch minus 30 Prozent. Das Kyoto-Protokoll sieht nur eine Minderung für die Industriestaaten um 5,2 Prozent bis 2012 vor. Basisjahr ist jeweils 1990.

UBA-Experte Lehmann forderte die Industriestaaten auf, sich für die eigene Gruppe auf das 30-Prozent-Ziel für 2020 zu einigen. "Es wäre schön, wenn weitere Länder wie Deutschland sogar auf 40 Prozent gehen könnten." Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien sollten ihre Emissionen "deutlich" senken.

Das UBA empfiehlt zudem, die Anpassung an die bereits nicht mehr abwendbaren Folgen des Klimawandels voranzutreiben - auch in Deutschland. Beispiele: eine effizientere Nutzung der Wasserressourcen oder eine Entwicklung von Ackerpflanzen, die besser an Trockenheit angepasst sind.

Autor:  JOACHIM WILLE
Datum:  13 | 8 | 2008
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