Da behaupte noch irgendein Soziologe oder Sozialpädagoge, dass es heutzutage schwierig sei, der Vereinsamung zu entgehen. Es geht verblüffend einfach. Man muss lediglich eine Geisel nehmen. Genau so hält es Herr Meier, einer der drei Titelhelden in Marc Beckers jüngster Farce "Meier Müller Schulz oder nie wieder einsam!", jetzt, vom Autor in Szene gesetzt, zu erleben am Oldenburgischen Staatstheater.
Seit dem Erfolgsstück "Wir im Finale" zählt der 1969 in Bremen geborene Marc Becker zu den meistgespielten zeitgenössischen Dramatikern Deutschlands. Dramatikern? Becker pflegt die Komödie, genauer: die durch Abwegiges und Skurriles glänzende Groteske. Je verschrobener die Handlung und je tiefer doch die Hintergründe, desto besser das Stück.
Weniger die Charaktere sind es, die den Autor interessieren, und auch die Dramaturgie beschäftigt ihn eher am Rande. Becker hangelt sich von Szene zu Szene, schweißt aus ständig neu entwickelter Situationskomik das große Ganze. Oder sollte man sagen: das kleine Ganze? Denn seine Stücke sind kurz, dauern selten länger als eineinhalb Stunden - und stecken doch voller Überraschungen. Eine so raffinierte Farce wie "Meier Müller Schulz..." aber hat er wohl noch nie geschrieben.
Nur drei Figuren tauchen auf: Meier, Müller und Schulz. Letzterer ist die Geisel, ersterer der Geiselnehmer - und Frau Müller die Nachbarin des Geiselnehmers. Kaum hat Herr Meier mit seiner Geisel die Wohnung betreten, da klingelt Frau Müller auch schon an der Tür. Nach bizarrem Hin und Her lässt Herr Meier sie rein.
Eine unkonventionelle Dreiecksgeschichte entwickelt sich. Und doch - dies der vielleicht entscheidende Kunstgriff des Autors - spielen Konventionen im Subtext des Stücks die tragende Rolle. Nicht nur, dass Geisel Schulz, offenbar um dem konventionellen Leben als Lehrer und Familienvater zu entfliehen, bald Gefallen am Geiseldasein findet. Auch Nachbarin Müller - im späteren Verlauf des Stücks ihrerseits eine überzeugte Geiselnehmerin - leidet unter gesellschaftlichen Zwängen. Nur kann sie diese kaum in Worte kleiden: "Als Frau, die man als Frau immer auch ist, fragt man sich manchmal so Sachen."
Die schwerste dieser Fragen lautet: Wie würden die Eltern auf den Verlobten reagieren? Auf den Verlobten, den es gar nicht gibt - und den Herr Meier spielen soll, so, wie es den Eltern wohl am besten gefiele: als politisch liberaler Cordhosen-Hippie. Des Weiteren wünscht Frau Müller, vor den elterlichen Augen von ihrem "Verlobten" "zwei-, dreimal auf den Mund" geküsst zu werden sowie "einen Klaps auf den Hintern" zu bekommen. Was ein richtiger Kerl sein will, der sollte derlei bringen. Für Herrn Meier, der nicht als Geiselnehmer enttarnt werden möchte, geht das "in Ordnung".
So schräg die Handlung, so passgenau die szenische Entsprechung. Marc Becker zählt zu jenen, nicht häufigen Autoren, die ihre Stücke sehr gut inszenieren. Es stimmt alles: das Tempo, das Bühnenbild von Alexandra Götz - Herrn Müllers betont normales Appartement -, die Kostüme - sie sehen gewöhnlich aus! - und: das Spiel. Das Oldenburgische Staatstheater, das kleinste der Republik, verfügt über ein ausgezeichnetes Schauspiel-Ensemble: herrlich hausmütterlich Caroline Nagel als Frau Müller, wunderbar undurchsichtig und doch sympathisch der Geiselnehmer Jens Ochlasts sowie bemerkenswert wandlungsfähig der zunächst so ängstliche und später fast forsche Denis Larisch.
Das Theater hat sich in den letzten zweieinhalb Jahren, seit Beginn der Intendanz Markus Müllers, zum interessantesten Nordwestdeutschlands entwickelt. "Meier Müller Schulz..." ist dafür vielleicht das beste, mindestens aber das amüsanteste Beispiel.
Oldenburgisches Staatstheater:
25. Februar, 4., 13. März, 3., 25. April.