Es ist das "best untersuchte Lebensmittel", lobt die Branche, die das kühle Nass vertreibt. Und nun das. Nierenschäden als Folge des Dauerkonsums von Leitungswasser? Auch Gefahr für Leber und Knochen? Die Verbraucherorganisation Foodwatch schockt die Bundesbürger mit der Nachricht: Das Trinkwasser aus deutschen Hähnen enthält in einigen Regionen teils zu viel von dem giftigen und strahlenden Schwermetall Uran - und das, obwohl das Problem seit Jahren bekannt sei.
Foodwatch, spezialisiert auf Lebensmittel-Skandale und geleitet von Ex-Greenpeace-Chef Thilo Bode, hat im Frühjahr bei den zuständigen Behörden der 16 Bundesländer aktuelle Werte der Uranbelastung angefordert. 8200 Daten wurden übermittelt; aus NRW kamen nur wenige, aus Hessen fehlten sie ganz. In 150 Proben, also knapp zwei Prozent, lag der Uran-Anteil über dem Richtwert des Umweltbundesamtes (UBA), der zehn Mikrogramm Uran pro Liter beträgt, teils waren es gar über 20.
In jedem zehnten Fall betrug der Uran-Anteil über zwei Mikrogramm. Bei geringen Überschreitungen gilt dies den meisten Experten als toxikologisch zumindest bei Erwachsenen unbedenklich. Ab dieser Grenze darf Mineralwasser in Flaschen jedoch nicht mehr mit dem Hinweis "für Säuglingsnahrung geeignet" beworben werden. Die selbsternannten Essensretter von Foodwatch folgern: Uran im Leitungswasser - gefährlich für Säuglinge.
Die überhöhten Werte treten besonders in einigen Gebieten auf. In Süddeutschland ist das Problem gravierender als im Rest der Republik. Die höchsten Werte fanden sich in Bayern und Baden-Württemberg; Negativ-Spitzenreiter war mit 39 Mikrogramm der bayerische Ort Maroldsweisach bei Bamberg, der württembergische Landkreis Waiblingen meldete mehrere Orte mit mehr als 20 Mikrogramm. Ausreißer gab es aber auch auch in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Andere Länder wie Rheinland-Pfalz gaben Entwarnung.
In Hessen ergaben FR-Recherchen: 13 von 26 Gesundheitsämtern haben Werte zwischen zwei und zehn Mikrogramm erhoben, so auch in den Städten Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden und Kassel. Kommentar des Hessischen Sozialministeriums: "Es gibt keine Auffälligkeiten und erst recht keinen Grund zur Besorgnis."
Der UBA-Trinkwasserexperte Hermann Dieter hält den von seinem Amt empfohlenen Grenzwert für leicht erreichbar. Es gebe keinen Grund, dass in Deutschland auf Dauer Trinkwasser mit mehr als zehn Mikrogramm Uran pro Liter angeboten werde. Dies zielt auf die Giftwirkung des Urans, weniger auf dessen Radioaktivität. "Die Strahlungsaktivität spielt aus gesundheitlicher Sicht erst ab ungefähr 60 Mikrogramm je Liter eine Rolle", sagt Dieter. Erst ab diesem Wert seien Strahlungsschäden wahrscheinlich.
Die Weltgesundheits-Organisation indes empfiehlt mit 15 Mikrogramm einen weniger strikten Wert als das UBA. Auf der anderen Seite des Spektrums sind Forscher wie die deutsche Atomforscherin Inge Schmitz-Feuerhake und die Kanadierin Rosalie Belle. Sie fordern einen Null-Grenzwert, da jeder Zerfall eines Uran-Atoms theoretisch Krebs auslösen könne. Es müsse eine Auskunfts- und Kennzeichnungspflicht bei Trink- und Mineralwässern geben.
In der Wasser-Branche hält man die Aufregung für übertrieben. Berthold Niehus, Bereichsleiter bei der Deutschen Vereinigung des Gas- und Wasserfaches (DVGW) in Bonn sagt: "Die Debatte ist nichts Neues". Die Uran-Werte seien bekannt. Zudem gelte für die meisten deutschen Regionen Entwarnung. Betroffen seien einzelne "Hotspots", sagte Niehus der FR. Die DVWG vertritt 1500 der insgesamt 6400 Wasserversorger bundesweit, darunter die größeren. Viele, besonders in Bayern und Baden-Württemberg, seien aber sehr kleine Unternehmen. "Da hat der Bürgermeister sein eigenes Wasserwerk."
Bereits im April hat der Verband seine Wasserwerke angeschrieben und auf Lösungsmöglichkeiten hingewiesen. Oftmals reiche es, die Zulauf-Bereiche von Brunnen abzuschotten, erläutert Niehus. Das Uran trete meist in "Nestern" in der Erde auf. "Wenn ein Brunnen zufällig in ein solches Nest abgeteuft wurde, kann ein nahe gelegener anderer bereits gering belastet sein." Außerdem könne man belastetes Wasser mit weniger belastetem mischen, um niedrige Werte zu bekommen.
Eine weitere, allerdings kostspieligere Lösung: das Uran aus dem Wasser filtern. Seit Ende 2007 sind zwei Verfahren im Einsatz. Die Firma Krüger-Wabag aus Bayreuth zum Beispiel nutzt die "Uranex"-Methode, die vom Forschungszentrum Karlsruhe entwickelt wurde. Das uranhaltige Rohwasser läuft dabei durch einen "Ionen-Austauscher", der das Schwermetall abfängt. Das gesammelte Uran wird von der Herstellerfirmas turnusmäßig entsorgt.
Im Einsatz ist der Filter zum Beispiel in Markt Hirschaid in Oberfranken - und zwar seit Ende 2007. "Die Anlage läuft ganz hervorragend", berichtet der Wasserwart der 12 000-Einwohner-Kommune, Josef Seuberth. Früher waren im Trinkwasser aus den Brunnen Werte von bis zu 41 Mikrogramm Uran pro Liter gemessen worden. Die Anlage drückt den Wert nun auf ein Mikrogramm. Mit dem Mischen von mehr und weniger belastetem Wasser habe er auch vorher unbedenkliche Werte erreicht, sagt er. "Aber das klappt nicht mehr, wenn ein Brunnen ausfällt", sagt er. Man wollte auf der sicheren Seite sein. Deswegen der Filter.
Gekostet hat die Anlage inklusive Gebäude 150 000 Euro. Kein Pappenstiel, aber tragbar. "Bisher mussten wir den Wasserpreis nicht erhöhen", sagt Seuberth. Die Filterhersteller kalkulieren, dass die Anlage den Kubikmeter Wasser höchstens um wenige Cent verteuert. Seufert rät allen anderen Kommunen, die mit dem Problem zu kämpfen haben und mit dem Mischen von belastetem und sauberem Wasser nicht hinkommen, die Filter einzubauen. "Das muss man einfach machen."