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23. Juni 2008

Vier Kriege später

 Von SYBILLE OETLIKER

Ein Theaterstück nach Ghassan Kanafani erregt in Tel Aviv die Gemüter

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Die Geschichte lässt niemanden kalt. "Rückkehr nach Haifa" erzählt von einem palästinensischen Ehepaar, das in den Kriegswirren von 1948 aus Haifa flüchten muss. Ihr Baby bleibt zurück. 20 Jahre später, kurz nach dem Sechs-Tage-Krieg, besucht das Paar sein ehemaliges Haus und begegnet den neuen Bewohnern. Ein jüdisches Ehepaar aus Osteuropa, das vor den Nationalsozialisten geflohen ist, hat sich inzwischen dort niedergelassen. Die beiden haben das Baby gefunden und es aufgezogen, als sei es ihr eigener Sohn. Als dieser seine leiblichen Eltern trifft, dient er als Soldat bei der israelischen Armee.

Der Kurzroman ist ein Meisterwerk von Ghassan Kanafani, einem der bedeutendsten arabischen Schriftsteller der Moderne. Seine Familie ist 1948 aus Palästina geflohen, und Kanafani, 1936 in Akko geboren, wuchs in einem Flüchtlingslager in Damaskus auf. Später machte er sich als Autor, Literaturkritiker und Herausgeber von Zeitschriften einen Namen, und wurde zum Sprecher der Volksfront für die Befreiung Palästinas. 1972 starb er bei einem Anschlag in Beirut. Der israelische Geheimdienst Mossad wird dahinter vermutet.

Der israelische Autor Boaz Gaon hat das Buch, das erst vor wenigen Jahren ins Hebräische übersetzt wurde, nun für das renommierte Cameri Theater in Tel Aviv dramatisiert. Allerdings veränderte er den Text von Kanafani in einem zentralen Punkt. Im Original endet das Treffen zwischen Sohn und leiblichen Eltern unversöhnlich; wütend gehen sie auseinander, und der Vater kommt zum Schluss, nur ein Krieg könne den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern lösen. Im Stück reagiert der Sohn zunächst ebenfalls distanziert auf das Treffen mit seinen Eltern, doch allmählich beginnt er sich für seine leibliche Familie zu interessieren und lädt seine Eltern ein, eine Nacht in Haifa zu bleiben.

Eine Versöhnung, sei das noch nicht, betont Regisseur Sinai Peter, "aber immerhin eine Öffnung". Gaon erklärt, Kanafani habe den Roman 1969 geschrieben, und "seither hatten wir vier Kriege. Ich wollte das Publikum nicht mit einer weiteren kriegerischen Botschaft konfrontieren".

Trotz der Modifizierung sorgte die Inszenierung vor allem in rechten Kreisen in Israel für lauten Protest. Bei den ersten Aufführungen gab es vor dem Theater Demonstrationen. Empörte Bürger wandten sich an den Bürgermeister von Tel Aviv und forderten einen Stopp der Subventionen. Im Internet wurde dazu aufgerufen, das Cameri Theater zu boykottieren. Kanafani ist der breiten Öffentlichkeit in Israel als Autor nicht bekannt. Er wurde aber für einen Anschlag auf den Flughafen Tel Aviv im Jahr 1972 mitverantwortlich gemacht, bei dem 26 Menschen ums Leben kamen.

Die Inszenierung steht auch deshalb in der Kritik, weil die Premiere just in die Zeit der Feierlichkeiten zum 60-jährigen Bestehen der Staatsgründung fiel und Tabus wie die Vertreibung der Palästinenser, deren Leiden und deren Rückkehrrecht zum Thema macht. Mittlerweile stand "Rückkehr nach Haifa" knapp ein dutzend Mal auf dem Spielplan. Beim Publikum kommt es gut an.

Regisseur Peter wählte für die Rollen jüdisch- und palästinensisch-israelische Schauspieler aus, die sich entsprechend persönlich weitgehend mit dem Schicksal der jeweiligen Figuren identifizieren können. So wirkt die Inszenierung glaubwürdig und weckt Verständnis für die Schicksale beider Seiten. Das ist im aktuellen politischen Kontext nicht selbstverständlich.

Das Werk von Ghassan Kanafani erscheint auf Deutsch im Lenos Verlag.

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