Herr Bussau, nach 30 Jahren taucht erstmals wieder ein Buckelwal vor Rügen auf. Seitdem scheint sich halb Deutschland zu fragen: "Wo bläst er?" Geht Ihnen das Wal-Fieber schon auf die Nerven?
Das weniger. Man muss das nur alles auch im Kontext sehen. Es stimmt schon: Vor Rügen hat man 30 Jahre lang keinen Buckelwal gesehen. Aber in der Ostsee sind sie in den vergangenen Jahren öfter aufgetaucht, der letzte wurde 2006 vor der polnischen Küste gesichtet, 2003 und 2004 verirrten sich Buckelwale vor die deutsche und dänische Küste. 2007 wurde sogar ein Finnwal in der Lübecker Bucht gesichtet, 2004 tauchte vor Bornholm ein Pottwal auf. Mit so was rechnet man natürlich nicht.
Der Biologe Christian Bussau arbeitet seit 1994 für Greenpeace in Hamburg. Als "Teamleiter für Unfälle und Katastrophen" wäre er gefragt, sollte der Ostsee-Buckelwal stranden. Seine Doktorarbeit hat der 46-Jährige zwar über kleine Fadenwürmer verfasst, seine Leidenschaft sind jedoch seit jeher die "Riesen der Meere".
Der Buckelwal, der jetzt gesichtet und vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund identifiziert wurde, ist zwar der erste Wal seit 30 Jahren vor Rügen. Bussau betont im FR-Interview jedoch, dass die Meeressäuger in der Ostsee keine Seltenheit sind.
Warum nehmen wir jedes Mal aufs Neue so großen Anteil daran, wenn sich einer dieser Meeressäuger verirrt?
Wir sind einfach fasziniert von der Größe dieser Tiere. Man kann sich das ja kaum vorstellen: Ein Tier, das mehr als zehn Meter lang und über 20 Tonnen schwer ist, das jeden Tag mehrere hundert Kilo Fisch frisst. Das ist eine vollkommen andere Größendimension. Zum anderen sind wir fasziniert, weil wir über das Leben dieser Tiere noch immer kaum etwas wissen. Greenpeace hat kürzlich in der Ausstellung "Riesen der Meere" im Stralsunder Meeresmuseum das lebensgroße Modell eines Buckelwalweibchens aufgehängt. Wenn man darunter steht, merkt man erst, wie winzig wir im Vergleich zu diesen riesigen Tieren sind. Da bekommt man wieder Respekt und Ehrfurcht vor der Natur.
Ungeachtet der weltweiten Faszination und Sympathie für diese Tiere werden in Japan weiter Wale gejagt, auch andere Staaten wollen den Walfang wieder aufnehmen. Kommen Ihnen die Greenpeace-Proteste manchmal wie eine Sisyphosarbeit vor?
Die Japaner zeigen sich jedenfalls unbeeindruckt von Protesten. Sie fahren jedes Jahr wieder raus in die antarktischen Gewässer, schießen Hunderte von Minkewalen, mittlerweile auch Pottwale. Länder wie Norwegen und Japan müssten beschließen, auf den Walfang zu verzichten, anders geht es nicht. Mit internationalem Protest kommt man da nur bedingt weiter, wir versuchen das seit Jahren und haben noch einen weiten Weg vor uns. Wir brauchen einen Gesinnungswandel in den Staaten, wo es Walfang gibt. Wale sind wie kaum ein anderer Meeresbewohner zum Symbol für den Schutz und die Bedrohung der Ozeane geworden. Ein Buckelwal beispielsweise kann über 100 Jahre alt werden. Er schwimmt sein ganzes Leben in den Weltmeeren und reichert in seinem Gewebe die Schadstoffe aus dem Wasser an. Proben von gestrandeten Walen sind inzwischen so belastet, dass die Tiere eigentlich als Sondermüll behandelt werden müssten.
Wissen Sie, wo sich der Buckelwal von Rügen zurzeit befindet?
Nein. Wir versuchen, mit den Behörden so zu kooperieren, dass sie uns die Position durchsagen, sollte die Wasserschutzpolizei den Wal sichten. Dann wäre zu überlegen, ob man mit einem Flugzeug hin fliegt oder ein Schiff schickt, um den Wal zu beobachten. Dem Tier wird es wahrscheinlich immer schlechter gehen, je länger es sich in der Ostsee aufhält. Es findet hier nicht genug Nahrung, das Wasser ist eigentlich zu flach und die vielen Schiffe verursachen einen ungeheuren Unterwasserlärm, der es unter Stress setzt. Deshalb würden wir in solchen Momenten sehr behutsam vorgehen und es nicht zusätzlich unter Druck setzen, indem wir mit Schiffen zu dicht auffahren.
Welche Möglichkeiten gibt es, den Wal zu orten?
Wenig. Wir können nur darauf hoffen, dass Wassersportler, Touristen an den Stränden oder Schiffsbesatzungen das Tier melden. Ansonsten ist es sehr schwierig, denn die Ostsee ist sehr groß. Den Wal dort zu finden, ist praktisch unmöglich. Die Detektoren, die in der Ostsee installiert sind, können nur Schweinswale orten - die Gesänge des Buckelwals liegen auf einer anderen Frequenz.
Warum hat sich der Wal überhaupt verirrt?
Das kann man nicht genau sagen. Er ist wohl einfach falsch abgebogen. Ich gehe davon aus, dass er Meeresströmungen oder einem Fischschwarm gefolgt ist. Es könnte auch sein, dass er durch Schiffslärm oder Bohrplattformen irritiert war.
Wird er den Weg zurück in den Atlantik finden?
Dass wir ihn jetzt so lange nicht gesehen haben, ist eigentlich ein gutes Zeichen. Es ist denkbar, dass er die Ostsee schon verlassen hat. Als er vergangene Woche gesichtet wurde, sprang er aus dem Wasser - das macht ein Wal nur, wenn es ihm gut geht. Ich würde sagen, die Chancen stehen Fifty-fifty, dass er es schafft. Er braucht aber viel Glück.
Können Sie dem Tier dabei helfen?
Nur in Ausnahmefällen, wenn es schon gestrandet und sehr geschwächt ist. Dann sollte man versuchen, es wieder ins Wasser zu ziehen. Oder wenn ein Wal sich in einer engen Hafenregion verschwommen hat, kann man versuchen, ihn vorsichtig mit Booten wieder in offeneres Fahrwasser zu lotsen. Aber am besten vertraut man darauf, dass er es alleine schafft.
Haben Sie schon mal einem gestrandeten Wal zurück ins Meer geholfen?
Nicht direkt. 1998 haben wir in der Nordsee vor St. Peter-Ording sechs Pottwale entdeckt, die beinahe gestrandet wären. Wir haben die Tiere dann mit Schlauchbooten zurück ins tiefe Wasser gedrängt. Drei konnten wir retten, die anderen drei sind leider gestorben.