Pianinos, die durch den Raum geschoben werden, knarzen. Papier, das zusammengeknüllt wird, raschelt. Bretter, die am Boden verlegt werden, poltern. Hintergrundgeräusche sind das, manchmal auch Störgeräusche. Im Kasino des Wiener Burgtheaters sind die Laute der Pianinos, des Papiers und der Bretter dagegen Klangkulisse eines Abends, der auf den schön poetischen Titel hört: "Die Glocken von Innsbruck läuten den Sonntag ein".
Ruedi Häusermann hat ihn geschaffen. Er hat die Musik dazu komponiert und den Abend eingerichtet. Eine zarte, beschwörende, humorvolle Vermessung des Ländlichen. Weniger ihrer lauten Seiten als der Nebengeräusche. "Szenisches Konzert" ist der Abend untertitelt, die Texte hat der Tiroler Händl Klaus beigesteuert, zu einem Teil stammen sie aus seinem Erzählerstling "(Legenden)".
Händl steht auch selbst auf der Bühne. Gemeinsam mit den vier Pianisten, Overheadprojektoren, Pappkartons und von der Decke hängenden Aufnahmegeräten. Zusammen errichten sie für jede der kurzen Erzählungen, die Händl tief über einen Tisch gebeugt liest, eine neue Bühnen-Landschaft. Es ist jeweils eine Skizze einer Landschaft, kein bis ins letzte Detail ausgeführtes Panorama.
Aber das haben die provisorischen Bühnenbilder mit dem gesamten Abend gemein. Hier geht es weit eher um die langsame Verfertigung von Gedanken, von einer Situation, als um ihre Apotheose. Um einen Zustand der Unschärfe, ähnlich jenem der mit einem Projektor an die Wand geworfenen Ölbilder. Während Händl das kurze Stück "Unser Ölbild" liest, verschwimmen sie ineinander. So präzise die Texte Händls gebaut sind, so eindringlich sie kurzen Parabeln oder Allegorien ähneln (nur dass die Moral fehlt), so treffend hier von Bergunglücken, Schulausflügen oder Wiesenblumen die Rede ist, so uneindeutig geben sie sich.
Poesiealben hat Händl die Teile genannt, kein schlechter Begriff. Das Zufällige steckt darin und die Idylle. Die Musiker stimmen den Andachtsjodler an, später schlüpfen sie in Phantasie-Trachten. Keine Karikatur des Alpenländischen ist das, sondern eine Spurensuche in einem von Kitsch und Kommerz verminten Gebiet. Den Weg geben dabei die rund 20 musikalischen Albumblätter vor, die Häusermann komponierte.
Er setzt das Klavier nicht als mehrstimmiges Instrument ein, sondern ordnet mehreren Klavieren jeweils nur eine Stimme zu. Jedes Instrument wird so präpariert, dass sich die Klavierklänge deutlich voneinander unterscheiden. Dabei sehen die Zuschauer den vier Pianisten Stefan Kallin, Hannes Marek, Christian Telscher und Annalisa Derossi zu. Auch das ist Teil eines Abends, der seine Entstehung selbst zum Thema macht, der im Transitorischen die Hauptsache sieht. Melodien tauchen auf und verschwinden wieder, Klänge werden verschluckt.
Als Zuseher wird man sich daran gewöhnen müssen. Dann aber wird man reich belohnt. Die Erzähl-Fragmente ordnen sich nicht zu einem Gesamtbild, Häusermanns Komposition ergibt kein großes Stück. Das Spiegelkabinett, in dem Händl und Häusermann die Zuschauer führen, reflektiert aber in Hunderten Splittern eine verlorene Welt: eine, in der der Sonntag mit Hämmern und Trompeten eingeläutet wird.
Burgtheater Wien, Kasino: 4., 5., 27., 28. Februar. www.burgtheater.at