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Wiesbaden: Grusel mit Cohn-Bendit

Manche nehmen Drogen, wenn sie etwas erleben wollen, andere gehen zum Gruseln in die Geisterbahn. 400 durchweg ältere CDU-Mitglieder holen sich den Kick im Hessischen Landtag: Daniel Cohn-Bendit live. Von Matthias Thieme

Daniel Cohn-Bendit weiß CDU-Fans einzuheizen.
Daniel Cohn-Bendit weiß CDU-Fans einzuheizen.
Foto: FR/Boeckheler

Manche nehmen Drogen, wenn sie etwas erleben wollen, andere gehen zum Gruseln in die Geisterbahn. 400 durchweg ältere CDU-Mitglieder holen sich am Dienstagabend den Kick im Hessischen Landtag: Daniel Cohn-Bendit live.

Wie die 68er die Gesellschaft verändert haben, ist das Thema der Veranstaltung der CDU-Fraktion. Cohn-Bendit braucht nicht lange, um beim Publikum Schauder des Entsetzens zu verbreiten. Er freue sich, beim "CDU-Fanclub der 68er zu sein", provoziert er gleich zu Beginn. Ob die Versammelten "aus Masochismus oder Neid" gekommen seien, werde sich noch zeigen.

Als der Altmeister der emotional-mäandernden Rede, statt Irrtümer der 68er einzugestehen, lieber auf Roland Koch zu sprechen kommt, bringt er die Zuhörer fast zum Platzen. Er könne bis heute nicht verstehen, warum in der CDU niemand protestiert habe, als beim Parteispendenskandal von jüdischen Vermächtnissen gesprochen wurde, schreit Cohn-Bendit. Buh-Rufe schallen aus den Reihen der silberhaarigen Besucher. Doch es kommt noch dicker: "Ich halte Lafontaine für einen Demagogen...", ruft Cohn-Bendit unter rasch ersterbendem Beifall, ...der es mit Roland Koch aufnehmen kann!" Unruhe bricht aus. Die Veranstaltung scheint außer Kontrolle zu geraten.

Es gehört zum Repertoire von Cohn-Bendit, in solchen Momenten gerade nicht aufzuhören. "Kommt doch!", ruft er ins Publikum, "ihr seid noch viel zu nett zu einem 68er!" Als er auf die irrationalen Momente der 68er-Bewegung angesprochen wird, doziert er: "Wahnsinn gehört zu Momenten des Aufbruchs dazu." Die versammelten CDU-Mitglieder hätten ja nicht einmal dazu die Fähigkeit. Sie hätten bis heute vieles nicht begriffen. Die Binsenweisheit zum Beispiel, dass es Homosexualität und Homo-Ehen gebe. "Hätten wir wenigstens wahnsinnig sein können, wir hätten wenigstens gelebt", fasst er das aus seiner Sicht unlebendige Lebenskonzept seiner Zuhörer zusammen - und erntet weitere Buhrufe.

Eigentlich soll Cohn-Bendit an diesem Abend mit dem Benediktinerabt Notker Wolf und dem Chefredakteur der "Welt", Thomas Schmid, diskutieren, doch der Abend wird zu einer Danny-Show. Wenn der Abt von Kindern redet, die wegen antiautoritärer Erziehung keinen Studienabschluss geschafft hätten, raunzt Cohn-Bendit ihn an, er solle hier nicht "den Pfarrer vom Dienst" geben. Wenn Thomas Schmid seine Zeitung lobt, stichelt Danny: "Thomas, es bedarf auch Deiner Leitartikel in der ,Welt' nicht."

Am Ende sind alle zufrieden. Cohn-Bendit beobachtet belustigt die Verstörung, und das Publikum strömt zum Büffet. "Schee war's", sagt ein CDUler zu seiner Frau. "Der hat sisch net verändert", sagt die Gattin und beißt ins Mettbrötchen. Es war aufregend, es war gruselig. Besser als Geisterbahn.

Autor:  MATTHIAS THIEME
Datum:  3 | 12 | 2008
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