Wer sein Baby gegen Pneumokokken impfen lässt, hat vermutlich nur Gutes im Sinn. Doch offenbar kann die Impfung gegen Lungen-, Mittelohr- und Hirnhautentzündung auch das Risiko des Kindes erhöhen, sich mit seltenen, aber umso gefährlicheren Pneumokokken-Typen zu infizieren. Das geht aus einer niederländischen Studie hervor, die am heutigen Mittwoch in der Fachzeitschrift Journal of the American Medical Association (Jama, Band 304, Seite 1099) veröffentlicht wird.
Seit dem Jahr 2006 empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) des Berliner Robert-Koch-Instituts, alle Säuglinge vom zweiten Lebensmonat an gegen Bakterien der Art Streptococcus pneumoniae (Pneumokokken) impfen zu lassen. Problematisch dabei ist allerdings, dass inzwischen zwar 91 verschiedene Pneumokokken-Typen, sogenannte Serotypen, bekannt sind, der in Deutschland früher verwendete Impfstoff Prevenar der Pharmafirma Wyeth jedoch nur vor sieben dieser Serotypen schützt.
Auch die beiden im Jahr 2009 neu eingeführten Pneumokokken-Impfstoffe Synflorix (Hersteller: GlaxoSmithKline) und Prevenar 13 (Hersteller: ehemals Wyeth, inzwischen Pfizer) bieten keinen Rundumschutz. Synflorix enthält lediglich drei, Prevenar 13 sechs zusätzliche Serotypen. Und nur Prevenar 13, der deutlich teurer ist als Synflorix, schützt auch vor dem Serotyp 19A, der in Europa und den USA immer häufiger schwere Infektionen verursacht, die sich mit gängigen Antibiotika nicht mehr behandeln lassen.
Wie Elske van Gils vom Medizinischen Zentrum der Universität Utrecht und ihre Kollegen in ihrer Studie herausgefunden haben, könnte eine Pneumokokken-Impfung mit dem alten Impfstoff Prevenar oder dem neuen Synflorix an der Zunahme dieser besonders gefährlichen Infektionen nicht ganz unschuldig sein.
Die Wissenschaftler bezogen in ihre Untersuchung 948 gesunde Säuglinge ein, die sie in drei Gruppen einteilten. Die Babys der ersten Gruppe erhielten zwischen Juli 2005 und Februar 2008 zwei Dosen Prevenar im Alter von zwei und vier Monaten, die der zweiten Gruppe drei Dosen des gleichen Impfstoffes mit zwei, vier und elf Monaten. Die dritte Gruppe diente dem Vergleich und wurde nicht gegen Pneumokokken geimpft. Bei allen Kindern nahmen die Forscher im Alter von sechs Wochen sowie mit sechs, zwölf, 18 und 24 Monaten einen Abstrich des Nasenrachenraums vor.
Wie das Team um van Gils berichtet, fanden sich bei 16,2 Prozent der dreimal geimpften Kinder in den Abstrichen geringe Mengen Pneumokokken des Serotyps 19A. Bei den zweimal geimpften Kindern waren es 13,2 Prozent und bei den nicht geimpften 9,2 Prozent.
„Wir haben damit meines Wissens zum ersten Mal gezeigt, dass die Verabreichung eines siebenvalenten Impfstoffes – also eines, der nur vor sieben Serotypen schützt – eine Infektion mit dem Typ 19A begünstigt“, sagt van Gils. „Und dieser ist dafür bekannt, dass er Mittelohr-, Lungen- und Hirnhautentzündungen hervorrufen kann, die besonders schwer verlaufen und nur schwer behandelbar sind.“
Die Wissenschaftlerin warnt zudem davor, dass die Impfstoffe auch Infektionen mit anderen, derzeit noch sehr seltenen Serotypen mit ähnlich gefährlich Eigenschaften, wie 19A sie aufweist, Vorschub leisten könne. Sie fordert daher, die Auswirkungen der Pneumokokken-Impfung auch weiterhin wissenschaftlich zu verfolgen.
Den Eltern, die sich aufgrund der Stiko-Empfehlung oder auf Anraten ihres Kinderarztes dennoch für die Pneumokokken-Impfung entscheiden, bleibt bis dahin nur eines: Sie sollten darauf achten, dass ihrem Baby in jedem Fall der 13-valente Impfstoff Prevenar 13 verabreicht wird.
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