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Ingeborg-Bachmann-Preis: In waldreicher Gegend

Es war eine knappe Entscheidung, doch wird sie für die Autorin zum Heimspiel: Die Klagenfurterin Maja Haderlap wird für ihren Text "Im Kessel" mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.

Maja Haderlap.  Foto: Gert Eggenberger/dapd

Am Ende machte Maja Haderlap das Rennen, nach einer komplizierten und auch die Juroren zwischendurch etwas überfordernden Abstimmung (da versteht man endlich einmal, warum ein Jurist anwesend ist): Für einen Auszug aus ihrem Debütroman „Engel des Vergessens“, der in Kürze bei Wallstein erscheinen wird, erhielt sie am Sonntagmittag den mit 25 000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis. Das erfolgreiche Heimspiel der 50-jährigen Klagenfurterin, die sowohl Slowenisch als auch Deutsch schreibt, fiel knapp aus. Ihr Preistext ist eine waldreiche Vater-Tochter-Geschichte, die in die slowenisch-kärntnerische Partisanenbewegung während des Zweiten Weltkriegs zurückführt. Wie von ungefähr treffen Vater und Tochter bei ihrer Waldwanderung auf jeder Seite weitere Personen, die ihnen lehrreiche und erschütternde Auskünfte geben.

Schon die Diskussion über den Text, durch den es nach Peter Wawerzinek zum zweiten Mal in Folge einen auch nach Jahren lebenserfahrenen Hauptpreisträger gibt, hatte eine markante Aufteilung gebracht: Enthusiasmierte Österreicher trafen auf wohlwollende Schweizer und skeptische, zumal Handkes stärkere Vorlagen heranziehende Deutsche. Alain Claude Sulzers Urteil, das sei ein „makelloser“ Text, konnte einem in der Mitte des Wettbewerbs zudem vorkommen, als sei es die Hauptaufgabe der Autoren, keinen Fehler zu machen. Auch eine kluge Jury, die zu Recht die Seminarhaftigkeit des einen oder anderen Beitrags beklagt, läuft Gefahr, zum Seminar zu werden. Die Preisträgerin war fast schon bleich vor Glück.

Interessanterweise war es just der zweite in die Vergangenheit zurücktauchende Text, der den zweiten Preis bekam: Für seine Thüringen-Dorf-Erkundung, den poetisch ambitioniertesten Beitrag des Wettbewerbs, erhielt der 1978 in Greifswald geborene Lyriker Steffen Popp den kelag-Preis (10 000 Euro). Wem Maja Haderlaps Beitrag literarisch konventionell erschien, bekam hier ein stilles Feuerwerk geboten, auch in der Literatur kein alltägliches Ereignis. Drei Leute reisen nach Thüringen für die Recherche in einem abgewrackten Ort, der einmal von der Glasherstellung lebte. „Kommunismus ne super Sache sei, hört Berthold, Besitz für Idioten sei, vernimmt er.“

Die Popp-Wahl traf sich gut, denn wer sich von Literatur erhofft, dass sie eben doch verblüfft wie neu, obwohl der Schriftsteller mit einem Alles-schon-Geschrieben zurechtkommen muss, der erlebte keine Klagenfurter Wundertage. Dabei gab es viele gute Texte, ein richtig gutes Mittelfeld. Der 3sat Preis (7500 Euro) etwa ging an die 1980 in Frankfurt geborene, in Berlin lebende Nina Bußmann und ihre sorgsam erzählte Lehrer-Schüler-Geschichte. Der Lehrer, einer jener Zwangsneurotiker, die die Jury in den drei Wettbewerbstagen identifizierte, macht die Jury selbst darauf aufmerksam, dass sie zu schnell urteilte. „ Er zeigte die Hacke, zeigte einen Stein, wie man es erwartet von einem, der natürlich immer wunderlicher wird, ohne Frau, ohne Kind, und nicht einmal ein Hund. Aber dafür war es jetzt noch zu früh.“ Im Laufe der Erzählung kommt es zu einer Eskalation mit dem Schüler, oder es kommt nicht dazu: Immer wieder bot die Diskussion unterhaltsame Beispiele dafür, wie ein Text selbst auf der einfachsten Inhaltsebene unterschiedlich verstanden werden kann. „Große Ferien“ soll 2012 bei Suhrkamp erscheinen.

Auch Julya Rabinowichs leer ausgegangene „Erdfresserin“, in der die Autorin eine fleißige osteuropäische Putzfrau, Pflegerin, Prostituierte, Vampirin, Spinne, Gorgo, Diana in eine ungemütliche Wohngemeinschaft mit einem sterbenden Mann steckt, erfrischte in einem Wettbewerb, in dem die solide geschriebene Genre-Erzählung dominierte – wobei auch nach einer Frühjahrssaison der starken Erzählungsbände erneut zehn der vierzehn Beiträge Romanauszüge waren: Familien- und Paargeschichten, Kriegsgeschichten, die erwähnten Vergangenheitsbewältigungen, Satiren. Auffallend eine Neigung zur überinstrumentalisierten Schlussgedankenvolte, die rasch noch vergrößert, was einem vorher gar nicht so groß vorkam. Auch dies ein Problem, das man mit Maja Haderlaps Text haben konnte. Natürlich ist im Roman Gelegenheit, das nachträglich einzulösen.

Das Wort vom „Existenziellen“ fiel häufig, aber meistens, weil die Autoren aus Sicht der Jury es eher suchten als fanden. Überraschend schwach in diesem Zusammenhang die Kriegsgeschichten. Linus Reichlin etwa, als Autor von Kriminalromanen längst etabliert, kam kaum über ein routiniert geschriebenes Männerabenteuer hinaus. Juror Paul Jandl machte sich darüber lustig, dass die in Afghanistan als Arzt eingesetzte Hauptfigur Martens heißt. Ist der Aufsatz über die Namenswahl im Kriminal- und Actionroman schon geschrieben? Vermutlich.

In einem Jahrgang, der sich mit dem Existenziellen also nicht leicht tat, entstand Platz für satirische Versuche. Und, das ist das eigentlich Komische daran, über diese Hintertür kam das Existenzielle dann bisweilen ganz zwanglos herein. Leif Randt, 1983 in Frankfurt geboren, heute Berliner, bot mit seinem Auszug aus dem demnächst im Berlin Verlag erscheinenden Roman „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ eine prächtige und unheimliche Posse über eine Welt, in der es viel Widererkennungseffekt und wenig Tragik gibt: fast unsere Welt. Dafür erhielt er den Ernst-Willner-Preis (7000 Euro).

Ganz die Welt vieler Saalbesucher und Fernsehzuschauer schilderte offenkundig Thomas Klupp in „9to5 Hardcore“. Der Autor des Romans „Paradiso“ war als einer der Favoriten ins Rennen gegangen und ließ einen zynischen, aber angepassten Doktoranden Lehre und Forschung (hier: „Inszenierungsstrategien des Expliziten in Onlineangeboten westlicher Mainstreampornographie“) durch den Kakao ziehen. Der Jury war es dann aber doch zu witzig. Dem Publikum nicht. Es gab Klupp offenbar mit dem klarstem Votum des Tages den mit 7000 Euro Villi-Publikumspreis. Zu witzig, was soll das auch überhaupt sein?

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  11 | 7 | 2011
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