Was niemand bemerkte: Während auf Locarnos Piazza wie jedes Jahr der Goldene Leopard des Filmfestivals seinen Besitzer wechselte, verschoben im fernen Peking zwei goldene Pumas an den Füßen eines Leichtathleten die Grenzen menschlicher Geschwindigkeit. Ein neuer Weltrekord im Hundertmeterlauf? Derartige Nachrichten dringen nicht ein in die Welt eines Filmfestivals, das zehn Tage lang seine eigene Kunstolympiade feiert.
Gewonnen hat auch nicht der schnellste, sondern der vielleicht langsamste Teilnehmer des Wettbewerbs. Ganz am Anfang des Festivals platziert, hielt der mexikanische Beitrag "Parque Vía" des 32-jährigen Mexikaners Enrique Rivero die Messlatte für alle Nachfolgenden in unerreichbarer Höhe. Es ist ein Film von minutiös komponierter Einfachheit, der sich zunächst ganz auf die Repräsentanz von Alltäglichkeiten beschränkt. In Mexiko City arbeitet ein alter Indio als Wächter in einer luxuriösen Villa, die verkauft werden soll. Seine einzigen Kontakte zur Außenwelt sind die Besuche der alten Besitzerin, der er drei Jahrzehnte als Butler gedient hat, sowie die wöchentliche Aufwartung einer abgetakelten Prostituierten. Niemand kann sich vorstellen, wie es nach dem Verkauf des Hauses weitergeht. Rituale geben keinen Halt mehr, jede so oft ausgeführte Handlung könnte die letzte sein.
Rivero inszeniert seinen ersten Langfilm in einer atemberaubenden Verbindung aus Dokument und Fiktion. Gedreht im alten Dokfilm-Format 16mm, ist dennoch jedes Bild perfekt komponiert, als blicke man dem göttlichen Auge über die Schulter. Das Einzige, was man diesem makellosen Film vorwerfen könnte, ist seine Nähe zum Werk des Mexikaners Carlos Reygadas ("Battle in Heaven"). Dessen radikaler Minimalismus hat offensichtlich Schule gemacht, aber in eine bessere Filmschule könnte man kaum gehen.
Locarno hat sich in einen 61 Jahren immer als eine Art öffentlicher Filmakademie verstanden, auch für ältere Semester ist es nicht zu spät für ein Debüt. Michel Houellebecq verfilmte höchst selbst seinen Roman "Die Möglichkeit einer Insel". In Cannes schaffte er es damit gerade auf den Filmmarkt. Nun lief sein Film als einziger Spielfilm in der Kunst- und Experimentalfilm-Sektion von Locarno, der Reihe "Play Forward".
In "La possibilté d'une île" sitzt als vorletzter Mensch der Klon Daniel25 mit dem allerletzten Hund auf einer endzeitlichen Insel, unschwer erkennbar als Lanzarote. Hinter dem Pappmachée seiner Höhlenwelt flackern alte Computerschirme, die noch die Berechnungen einer Wissenschaft bezeugen, die einst Heil und Segen in der gentechnischen Selbstreplikation gesehen hat. Überlebt hat auch noch eines jener ominösen E-Books, einer digitalen Errungenschaft, der man Ende der 90er Jahre prophezeite, sie würde das gedruckte Buch ersetzen. Darin blättert der Held und erfährt mit dem Zuschauer vom Wirken des originalen Daniel, eines Sektengründers. Im letzten Filmdrittel schweift Klon Daniel25 durch pittoreske CinemaScope-Landschaften, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er dabei einem allerletzten (und deutlich attraktiveren) weiblichen Exemplar seiner Spezies begegnen wird.
Es wäre leicht, Houellebecqs Film selbst einen Klon zu nennen, dessen genetisches Material zwischen Antonionis "Zabriskie Point" und Chris Markers "La jetée" einer Mutation in Richtung Erich von Däniken beharrlich trotzt. Doch auch für ein postmodernes Patchwork fehlt es diesem Filmemacher an Talent. Die Personenregie ist zu unbestimmt, die Kameraführung zu gelackt, die Filmmusik zu offensiv-pathetisch. Die größte Klippe aber ist das hölzerne Drehbuch, dessen statementhafte Dialoge der Filmemacher bei Houellebecq abgeschrieben haben muss. Der einzige Reiz liegt in den herrlich unpassenden Bauten, die dem künstlerischen Universum Rosemarie Trockels entstammen, deren Mitwirkung die einzige erkennbare Schnittmenge zur Kunstfilm-Sektion des Festivals darstellt.
Was das Kino für einen Autor bedeuten kann, der es nicht nur als Illustrationsmedium betrachtet, zeigt der Preisträger des "besten Erstlingsfilms". Der österreichische Beitrag "März" ist das Langfilmdebüt des Dramatikers Händl Klaus. Alles, was bei Houellebecq fehlt, gibt es hier im Überfluss: Gute Dialoge und eine empfindsame Personenregie, die Aussagen über die menschliche Befindlichkeit erlauben. Klaus ließ sich von einem Jugenderlebnis inspirieren, als er ein südtiroler Dorf besuchte, in dem sich drei Freunde das Leben genommen hatten.
In seinem Drehbuch, dem besten weit und breit, verwebt er Impressionen der tiefen Verstörung, die das Dorf befiel, zu einem Teppich mit Auslassungen. Der Zuschauer sucht verzweifelt nach Informationen, die wenigstens die Grundsituation erschließen könnten, doch für Erklärungen ist der Autor nicht zuständig. Dafür spielt er jede Szene aus bis zu ihrem höchstmöglichen Gewinn, führt sie an ihren entscheidenden Punkt - und wirft doch mehr Schatten als Licht auf das Ganze. Dieser geniale Filmerzähler ist ein ins Diesseits verkehrter David Lynch: ein Chronist des Unerklärlichen, das den Tod im alltäglichen Umgang begleitet.


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