Eine schöne, etwas sentimentale Klavier-Intro in nordischem Moll, das es bekanntlich nicht gibt, dann entsteht nach geduldigem Ausschwingen ein lückenhaftes Bass-Riff unter einem Sinuston, in das der Schlagzeuger sich mit trockenen Schlägen hineinfädelt, und Esbjörn Svenssons Klavier ist plötzlich elektrisch. Die Tempi bleiben maßvoll und verlässlich, alles klingt ein bisschen spröde und weiträumig und erinnert zunächst an frühe Aufnahmen des norwegischen Gitarristen Terje Rypdal, der mit solchen erdigen Kumulationen seine Gitarren-Abflüge in den halligen Raum vorbereitete und untermalte.
Das Esbjörn Svensson Trio aber entfleucht auf seiner letzten CD nicht ins Überirdische, sondern bleibt am Boden, und es ist immer wieder das Klavier, das - akustisch wie elektrisch - dafür über weite Strecken die Gravitation zu liefern scheint, entlang eines Spielprozesses von Verdichtung und Zuspitzung, der ohne Druck und Hast auskommt, aber einen starken Sinn für Nachhaltigkeit ausstrahlt.
Die sorgsame Dramaturgie dieser im Studio improvisierten Aufnahme liefert einen stets durchschaubaren Spielprozess, der nachträglich für das Album in einzelne Stücke aufgeteilt wurde und ein Klaviertrio vorführt, das auf der Höhe seiner Kunst dabei ist, einen neuen Weg einzuschlagen. Es geht hier eindeutig nicht mehr um gute Musik, sondern darum, einem Ausdruckswillen, einem Bekenntnis Gehör zu verschaffen, ohne dass sich etwas störend über die Musik wölbt.
Eckig aufgemauert
Man kann, nach dem tragischen Tod des Pianisten Esbjörn Svensson, diese CD nicht unbefangen hören. Zu sehr hat die Musik Vermächtnis-Charakter bekommen. Wäre "Leucocyte" nur das soundosvielte Album einer notorisch interessanten und stilbildenden Band, könnte man schreiben: Das Esbjörn Svensson Trio hat einen großen Schritt nach vorn gemacht, erstaunliche musikalische und klangliche Gedanken werden in ein Kontinuum einfügt, das von allen drei Musikern geschaffen wird in einer manchmal wie eckig aufgemauert wirkenden Riff-Bildung.
Svensson ist stilsicher, ohne innere Verbotsschilder lässt er sentimentalen und ruppigen Impulsen freien Lauf, tut alles zur richtigen Zeit und spart nicht mit bohrenden Sound-Entwicklungen: Eine anmutige und auf merkwürdige Art wissende Musik.
Traurig, dass dieser Neubeginn ein Finale geworden ist.
Esbjörn Svensson Trio (e.s.t.): Leucocyte. Act Music.


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