Wer diese Ausstellung besucht, der erhält ungewohnte Einblicke in eine der faszinierendsten und vielschichtigsten Städte überhaupt. Und er bekommt Winkel dieses urbanen Kosmos zu sehen, in die er alleine nie vorgedrungen wäre - sei es weil er sie nicht gefunden oder sich nicht getraut hätte. Das gilt für eine von Obdachlosen bewohnte Hausruine in der Innenstadt, die in einem der ausgestellten Videos zu sehen ist. Oder für die Gecekondus im Film nebenan, die illegalen Siedlungen, die quasi über Nacht entstehen. Direkt daneben sieht man Architekturheroine Zaha Hadid ihre Zukunftsvision eines neuen Stadtteils präsentieren, drei Meter weiter eine Gruppe aufgebrachter Anwohner, die sich eine Straßenschlacht mit der Polizei liefern. In einer langen Reihe nebeneinander werden die Bilder auf eine Wand im ersten Stock des Deutschen Architekturmuseums (DAM) projiziert - dokumentarisches Material wie Zeitungsartikel oder TV-Clips zusammen mit künstlerischen Videos, Zeichnungen und Fotografien.
Die Stadt auf Distanz gehalten
Passend zum Türkeischwerpunkt der Frankfurter Buchmesse hat Peter Cachola Schmal die Istanbuler Garanti Galeri eingeladen, in den Räumen des DAM eine Ausstellung über ihre Heimatstadt zu zeigen. Und diese hat sich ein klares Ziel gesetzt: Das klischeebeladene Bild von der "Perle am Bosporus" möglichst gründlich auf den Kopf zu stellen. Diejenigen Kräfte sollen erkundet werden, die der Stadt heute ihre - wenngleich immer nur temporäre - Gestalt verleihen, so Pelin Dervis, Leiterin der Garanti Galeri und Mitglied des dreiköpfigen Kuratorenteams.
Das gelingt ihr, wie die Eingangsszenen zeigen, auch recht gut. Was bei alledem etwas zu kurz kommt, ist der sinnliche Eindruck. Da entsteht eine Kakophonie, aber sie wird nicht als ästhetisches Mittel eingesetzt, wirkt beinahe unbeabsichtigt. Beim Namen Istanbul könnte man an eine Stadt denken, die einen anspringt und überfordert. Was immer hier zu sehen ist, es bleibt in sicherer Distanz.
Die Kuratoren haben nicht viel dem Zufall überlassen, sie unterwerfen die ungeheure Fülle des Materials (etwa 350 Objekte) einer klaren begrifflichen Ordnung. So sieht man beim ersten Betreten des Raumes keine Bilder, sondern eine Reihe schwarzer Bildschirme mit weißem Text. Acht Begriffspaare werden dort genannt, um die aktuellen Entwicklungen der Stadt zu beschreiben. Sie lauten etwa "Bewegung - Stillstand" oder "Furcht - Beunruhigung". Klickt man mit der Maus-Taste eines dieser Begriffspaare an, gelangt man wiederum zu Unterbegriffen und zu Thesen. "Ausbreitung ist unvermeidbar" ist da zum Beispiel zu lesen - allerdings auf Englisch, eine Übersetzung der Navigation und der Film-Untertitel ins Deutsche gibt es nicht. Animierte Karten an beiden Enden des Raumes vervollständigen die Schau. Sie erschließen dem Besucher abwechselnd die Buslinien von und nach Istanbul, die Verbreitung privater Krankenhäuser und McDonald's-Filialen in der Stadt oder die verschiedenen Bevölkerungsdichten innerhalb der Türkei.
Auch hier zeigt sich der unbedingte Wille zur Übersichtlichkeit. Aber nichts gegen Ordnung - nur sollte man sich darauf einstellen: Eigentlich besichtigt man hier ein Archiv. Und es ist ein großartiges, weil ungeheuer vielseitiges Archiv, das man in diesen Tagen im DAM durchstöbern, bzw. "durchsurfen" kann. Im nächsten Jahr soll es auch in Istanbul gezeigt werden. Bis dahin soll noch neues Material hinzukommen. "Becoming Istanbul", so Pelin Dervis, ist als "Work in Progress" gedacht. Es lebt von den über 60 Künstlern, Architekten und sonstigen Beteiligten, die, das merkt man der Ausstellung an, begeistert davon sind, ihre Stadt zu ergründen und ihr Bilder zu geben.
Deutsches Architekturmuseum,
Frankfurt, bis 9. November.
www.dam.inm.de

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