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10. Februar 2010
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Istanbul

Auf der Überholspur gen Westen

VON WERNER GIRGERT

Megacity, Boomtown, hippe Stadt am Bosporus. Kein Attribut scheint schillernd genug, wenn von der heimlichen Hauptstadt der Türkei die Rede ist. Seit den 1980er Jahren hat sich die Metropole an der Schnittstelle zwischen Ost und West allen Krisen zum Trotz zum Handels-, Finanz- und Dienstleistungszentrum des Landes entwickelt.

Rund ein Drittel des türkischen Bruttoinlandsprodukts wird heute in Istanbul erwirtschaftet. Längst hat die Stadt dem Konkurrenten Beirut den Rang als führender Dienstleistungsstandort des Nahen Ostens abgelaufen. Und wenn es nach dem Willen der städtischen Entscheidungsträger geht, dann gebührt Istanbul über kurz oder lang einer der vorderen Plätze unter den Global Cities, den Steuerungszentren der Weltwirtschaft wie New York, Tokio, London oder Frankfurt.

Wie in anderen Metropolen des Kapitals verändert der Kampf um globale Aufmerksamkeit und finanzkräftige Investoren nicht nur die Stadtgestalt. Auch das soziale Gefüge der Megacity mit geschätzten 15 Millionen Einwohnern gerät mächtig unter Druck. Vom global agierenden Immobilienkapital kräftig angeheizt und von der Politik bewusst forciert, ist der Transformationsprozess der historisch gewachsenen Stadtstruktur Istanbuls in vollem Gange.

Zur Sache
Im Jahr 2010 will sich Istanbul als europäische Kulturhauptstadt präsentieren. Wirtschaftlich gibt die Metropole in der Türkei schon jetzt das Tempo vor. Im Kampf um globale Aufmerksamkeit und finanzkräftige Investoren verändert sich die Megacity in rasantem Tempo. Das soziale Gefüge gerät unter Druck.
Der Umbau folgt dem Muster europäischer Städte mit den typischen Tendenzen zunehmender sozialer Polarisierung und räumlicher Segregation. Kritiker fühlen sich an amerikanische Verhältnisse erinnert. Anhaltspunkte dafür gibt es reichlich. Glitzernde Hochhausfassaden in den Wolkenkratzervierteln Levent und Maslak künden vom Imponiergehabe der Finanz- und Dienstleistungsbranche. Eine ständig wachsende Zahl von Shopping-Malls an den Knotenpunkten der Schnellstraßen verleiht den Konsumgepflogenheiten der mobilen Käuferschichten den nötigen Erlebnis-Charakter.

Renditequelle Mieten


An den Stadträndern fallen die noch intakten Waldgebiete geschlossenen Siedlungen für eine zahlungskräftige Minderheit zum Opfer - Gated Communities, wie sie in den USA schon seit den 1970er Jahren zum Erscheinungsbild der Städte gehören, aber auch in Europa längst Nachahmer gefunden haben.

Inzwischen zählen Mieteinnahmen in Istanbul zu den wichtigsten Renditequellen für Investoren. Büroflächen in den Top-Lagen bringen Monatsmieten von 30 US-Dollar für den Quadratmeter. Die Renditen für Büroimmobilien liegen bei 7,5 bis 8 Prozent. Mit Istanbuls neuer Rolle als Zentrale des Handels, der Banken und Dienstleistungen schießen die Grundstückspreise in der Stadt in Schwindel erregende Höhen. Im März 2007 blätterte die in der Textil- und Unterhaltungselektronikbranche tätige Zorlu-Gruppe 800 Millionen US-Dollar für das zehn Hektar große Areal der ehemaligen städtischen Autobahnmeisterei im Geschäftsviertel Levent hin: 8000 US-Dollar pro Quadratmeter. Nahezu den doppelten Preis für den Quadratmeter ließ sich die Sama Dubai Immobiliengruppe das Gelände des ehemaligen Busdepots neben den Hochhäusern der Is Bankasi kosten. Dort sollen bald die Zwillingstürme der Dubai Towers Istanbul 300 Meter hoch in den Himmel wachsen.

Erschwinglicher innerstädtischer Wohnraum muss, sofern er nicht in Büro- und Geschäftsflächen umgewandelt wird, dem Bau von Luxuswohnungen für die neuen, gut verdienenden Angestelltenschichten weichen. Gleichzeitig erfahren abgewirtschaftete Wohnungen durch Sanierung eine enorme Aufwertung. Die Folgen sind aus europäischen Städten bekannt: Ehemals preiswerter und erschwinglicher Wohnraum im Zentrum wird für die angestammten ärmeren Bewohner unbezahlbar. Eine Drei-Zimmer-Wohnung am Taksim-Platz für 750 Euro Kaltmiete bleibt selbst für eine Grundschullehrerin, die mit einem Monatsgehalt von rund 600 Euro auskommen muss, unerschwinglich.

Stadtteile wie Cihangir gleichen immer mehr den sanierten Gründerzeitvierteln deutscher Städte, in denen die etablierte akademische Mittelschicht ihre Wohnträume hinter liebevoll hergerichteten Stuckfassaden auslebt. Selbst die Straßen sind, für Istanbul unüblich, mit Laternen und Blumenkübeln dekoriert.

Auch in den Stadtteilen Kuzguncuk und Ortaköy sind die Ergebnisse dieser Gentrifizierungsprozesse zu besichtigen. Bekanntestes Beispiel ist jedoch das Viertel rund um die zur Fußgängerzone aufgepeppte Istiklal-Caddesi im Stadtteil Beyoglu. Mit seinen Clubs und Kneipen wird es in Reiseführern gern als "trendige" Adresse für Nachtschwärmer aus ganz Europa beworben. Dass die ursprünglich ansässige Bevölkerung aus den begehrten Innenstadtvierteln immer häufiger an den Stadtrand verdrängt wird, während sich im Zentrum die sozial homogenen Enklaven der neuen Mittelschicht ausbreiten, bleibt dabei in der Regel unerwähnt.

Die negativen Folgen der Orientierung am Modernisierungsmodell der europäischen Stadt sind auch an anderen Stellen im Istanbuler Stadtbild unübersehbar: Statt auf Erhalt und sozialverträgliche Sanierung historisch gewachsener Quartiere setzen Politik und Verwaltung auf Kahlschlag.

Politik des Kahlschlags


Jüngstes Beispiel ist das traditionsreiche Roma-Viertel Sulukule im Altstadtbezirk Fatih. Unter dem Deckmantel der Sanierung soll die vorhandene Bausubstanz gegen den Willen der knapp 600 dort lebenden Familien abgerissen und durch Nachbauten osmanischer Architektur ersetzt werden.

Längst vergessen sind die Bausünden der vergangenen Jahrzehnte, in denen breite Straßenschneisen durch den historischen Altstadtkern geschlagen wurden. Noch immer fallen wertvolle Gebäude dem Bau breiter Schnellstraßen zum Opfer. Ein Tribut an die Autoflut, während das unzureichend ausgebaute öffentliche Verkehrssystem unter dem täglichen Andrang der Massen zu kollabieren droht. Die Zahlen der Istanbuler Stadtverwaltung sind ernüchternd: 90 Prozent des städtischen Verkehrs spielt sich auf den überfüllten Straßen ab, nur knapp sieben Prozent werden mit Straßen- und Untergrundbahn bewältigt. Mit großem technischen Aufwand wird zurzeit ein anderthalb Kilometer langer Metro-Tunnel in den Meeresgrund unter dem Bosporus gegraben. Die Verkehrsprobleme der Megacity kann auch dieses Großprojekt nicht lösen.

Auf der Überholspur Richtung Westen übersehen Politik und Verwaltung an den Ufern des Bosporus, dass die vorrangig an den Imperativen des Verkehrs und der ökonomischen Nutzung orientierten Leitbilder der Stadtplanung in Deutschland und in anderen europäischen Staaten schon seit den 1970er Jahren mächtig ins Wanken geraten sind. "Als urban gilt wieder die Melange aus Boulevard, Cafés, Restaurants, Ladengalerien und Passagen, darüber angeordnet Büros und Wohnungen; und an besonderen Orten wären Kinos, Theater oder Varieté zu lokalisieren", konstatiert der Städtebauexperte Robert Kaltenbrunner.

Ähnlich wie in amerikanischen Städten fehlt in Istanbul eine kommunale planerische Steuerung der Stadtentwicklung bis heute weitgehend. Auch das auf den Ausgleich sozialer Unterschiede abgestimmte wohlfahrtsstaatliche Instrumentarium aus kommunaler und staatlicher Sozialpolitik, das wir aus europäischen Städten kennen, ist in der Türkei nahezu unbekannt.

Bemerkenswerterweise führte dieses Defizit an politischer Steuerung in den vergangenen Jahrzehnten trotz rasanter Bevölkerungsentwicklung weder zum völligen Chaos noch zu jener scharfen Segregation einzelner Bevölkerungsgruppen nach Einkommen, Status oder ethnischer Zugehörigkeit, die das Bild vieler amerikanischer Städte prägt.

"Über Nacht gebaut"


Noch immer ist Istanbul eine stark durchmischte Stadt. Seit den 1950er Jahren veränderten Hunderttausende von mittellosen Zuwanderern aus Anatolien, die auf der Suche nach Arbeit Jahr für Jahr in die Stadt strömten, das Erscheinungsbild Istanbuls von Grund auf: ohne Planung, ohne Baugenehmigungen und auf Grund und Boden, der ihnen nicht gehörte. 60 Prozent des Stadtgebietes gehen nach Schätzungen von Experten auf diese zunächst illegal errichteten Siedlungen zurück, für die sich die Bezeichnung Gecekondu etablierte, was so viel heißt wie "über Nacht gebaut". Einmal errichtet, verhinderte das türkische Recht, dass die provisorischen Hütten ohne weiteres wieder abgerissen werden konnten.

Mehrere Amnestiegesetze führten seit 1966 dazu, dass aus den Besetzern zumeist städtischen oder staatlichen Bodens nach und nach stolze Grundbesitzer wurden. Diese nachträgliche Legalisierung der illegalen Bauten war zwar ebenso sehr der Unfähigkeit und dem fehlenden Willen von Kommune und Regierung geschuldet, auf den durch die Landflucht bedingten Wohnungsmangel zu reagieren, wie der Hoffnung auf Wählerstimmen. Erst im Nachhinein zeigte sich jedoch, dass die Verleihung von Besitztiteln, die in der Regel mit dem Anschluss an die öffentliche Versorgung mit Wasser und Strom einher ging, letztlich die gleiche integrative Funktion erfüllte wie der öffentlich geförderte Wohnungsbau in den europäischen Städten.

Mit der ersten Migrantengeneration entwickelte sich eine neue Mittelklasse, aus ihren ärmlichen Siedlungen entstanden durch Aus- und Anbauten konsolidierte Mittelstandswohngebiete. Die Armut wurde an die nächste Zuwanderergeneration weitergereicht.

Die "Integrationsmaschine" Istanbul gleicht damit eher europäischen Städten mit ihrem relativ stabilen Fundament sozialstaatlicher Regulierung als den zumeist den Kräften des freien Marktes überlassenen amerikanischen Städten. Anders als in europäischen Städten ist es jedoch gerade der informelle Charakter, dem das Istanbuler Integrationsmodell seinen Erfolg verdankt.

Der Konsens schwindet


Seit der neoliberalen Öffnung der Türkei schwindet jedoch der soziale Konsens, der bis dahin half, den Zusammenhalt der Stadt zu wahren. Mit der Kluft zwischen Armen und Reichen wachsen in Istanbul auch die Gegensätze zwischen wohlhabenden und heruntergekommenen Vierteln, die oft in unmittelbarer Nachbarschaft existieren. Wer es sich leisten kann, schirmt sich immer häufiger in umzäunten Nobelsiedlungen wie Kemer Country , Beykoz Konaklari oder neuerdings Göktürk an der Peripherie der Stadt ab.


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Dokument erstellt am 12.10.2008 um 16:48:01 Uhr
Letzte Änderung am 13.10.2008 um 09:45:06 Uhr
Erscheinungsdatum 13.10.2008
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