So genau konnte ja keiner wissen, ob Harald Schmidt sich in Stuttgart, am Staatstheater, jetzt einen alten Jugendtraum erfüllt, wenn er dort im "Hamlet" auftritt, oder ob er sich da sein Gnadenbrot abholt. Dass er als junger Schauspielschüler vor dem Stuttgarter Theater stand wie einst ein Altkanzler vor dem Kanzleramt und am Tor rüttelte, ist längst in Biografien des größten deutschen Fernseh-Entertainers der vergangenen Jahre verzeichnet. Also Jugendtraum. Dass er als Late-Night-Talker im vorletzten Stadium ist, weiß er selbst. Also Gnadenbrot.
Andererseits, Jugendtraum, Gnadenbrot, würde es überhaupt einen Unterschied machen? Was würde es für ein "Hamlet"-Musical bedeuten, das in der Hamlet-Spielzeit des Stuttgarter Theaters die charmante Position Knallchargen-und-Knallbonbon-Theater mit Musik besetzt, das auch gar nichts anderes sein will als Knallchargen-und-Knallbonbon-Theater mit Musik, wenn es ein langgehegter Jugendtraum wäre? Vermutlich nichts. Und Gnadenbrot? Auch nichts. An Schmidt ist im Moment doch vor allem auffällig, dass er, wie ein Spiegel-Redakteur unlängst bemerkte, mittlerweile ziemlich ungepflegt aussieht. So als säße er Zeit seines Lebens in Theaterkantinen herum, und als wäre es ihm ziemlich egal, was wir darüber und überhaupt über ihn denken.
Die Süddeutsche Zeitung hat sich deswegen auch sehr für Schmidts Theaterkarriere interessiert, als ginge es um eine der großen Bühnengeschichten dieses Jahrzehnts. Nach frühen Versuchen in Augsburg ist das jetzt ja auch immerhin der dritte Theaterauftritt Schmidts, vor ein paar Jahren trat der Mime in "Warten auf Godot" das erste Mal in Erscheinung, dann folgte vergangenes Jahr in Stuttgart ein RAF-Musical! Und jetzt "Hamlet"! Wobei Schmidt nicht die Titelrolle spielt, sondern Polonius (neben einigen Special Appearances). In einer Kurzfassung, "ein musikalisch aufgemotzter Schauspielführer", aber es ist "alles Wichtige drin", wie Schmidt der Süddeutschen verriet, die für diese Nachricht immerhin fast eine ganze Seite reserviert hatte.
Dann tritt er wirklich auf. Weiß, groß, dampfumschwärt kommt er aus der aufklappenden Bühnenwand wie Yoda aus dem Sternengleiter oder das Alien aus dem UFO. Nein, das ist nicht Polonius, sondern der Geist von Hamlets Vater. Schmidt schwenkt die Arme, er meint, was er sagt, denken wir erstaunt, vielleicht übertreibt er etwas, aber er meint's ernst.
Bevor wir Schmidt weiter verfolgen, fassen wir zunächst das sonstige Stuttgarter Geschehen zusammen. Den ersten Szenenapplaus bekommt Lilly Marie Tschörtner, die als Ophelia "Like a virgin" singt und sehr nach Madonna aussieht. Zuvor hatte Benjamin Grüter, Verzeihung Hamlet, die Bühne sehr apart mit "Girl" von den Beatles betreten. Grüter ist mindestens das zweite Zentrum der Aufführung, so schwarz und lang und rank, wie er sich dreht und zieht. Er ist so unwiderstehlich britisch, wie er sich da affektiert wie ein Oscar Wilde, er hat was Dandymäßiges, wenn "die Zeit aus den Fugen" ist. U2s "With or without you" wird zu "Sein oder Nichtsein" und bringt uns in seiner Version das erste Mal zum Schmelzen.
Damit ist auch das Prinzip der Aufführung klar: Sie ist eine Abfolge zeitgenössischen deutschen Volksliedgutes von Mozarts "Zauberflöte" über Udo Jürgens und die Stones mit "Sympathy for the devil", Madonnas "Papa don't preach", den Sex Pistols mit "God save the Queen" bis hin zu "Marmor, Stein und Eisen bricht". Die Lieder passen mehr oder minder, meist mehr, zu den entsprechenden Hamletstellen. Das Stück ist ja seinerseits eine Ansammlung von Best-of-Sprüchen. Ophelias Wahn ist Tina Turners "Nutbush City Limits", Horatio hält's dagegen eher mit James Taylor und "I got a friend". Deutsche All-Time-Favorites.
Zurück zu Schmidt. Er trägt gelbe Strumpfhose, violette Schnabelschuhe, adrettes blaues Kleidchen und einen sehr höfischen, süßen Pagenschnitt. Aber kann Harald Schmidt nicht Harald Schmidt, also zum Beispiel Polonius, sein? Die Antwort ist eindeutig "Nein". Wir sehen natürlich nicht Polonius, sondern Schmidt, wie er Polonius spielt. Das weiß er selbst am besten, deswegen trägt er auch weiterhin seine Brille. Wenn er Cat Stevens' "Father and son" singt, denkt man, dass jetzt gleich Andrack (nicht Pocher) reinkommt. Wenn er als Pausenfüller vom Regisseur rausgeschickt wird, ist er sehr lustig, so wie die Late Night immer am besten ist, wenn sie nicht mehr sein will als ein Pausenfüller. "Denn so 'ne Udo-Jürgens-Nummer zieht auch vor 'nem anspruchsvollen Haus", singt Schmidt. Und dass er mit Sinatras "My way" stirbt, geht auch voll in Ordnung.
Der Mann spielt treu seine Rolle, "beflissen" möchte man fast sagen. Wie ein Anfänger, der sich besonders Mühe gibt. Oder besser: Wie ein alter Hase, der einen Anfänger spielt, der ein alter Hase sein will. Am Ende wirkt Schmidt wie ein ganz normaler Ensembleschauspieler. Das ist doch eine Leistung!
Im übrigen ist der Abend garantiert krisenfrei, nur Heidenreich und Ackermann kommen ganz kurz vor. Und er ist viel, viel lustiger als diese Sendung im Fernsehen, die etwas später kommt und in der der große Kerl, der sich jetzt da oben so artig verbeugt, immer auftritt.
Staatstheater Stuttgart:
2., 7., 8., 30. November.
www.staatstheater.stuttgart.de


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