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Film

Bilder des Vergessens

VON DANIEL KOTHENSCHULTE

Für Alfred Hitchcock hat das 20. Jahrhundert nur eine einzige Kunst hervorgebracht - die Montage. Im Filmschnitt sah er ein unerschöpfliches Mittel, immer neue und ganz einzigartige Sinnzusammenhänge herzustellen. Andersherum betrachtet ist das Kino aber auch die Kunst des Weglassens. Wann immer man schneidet, schneidet man etwas weg. Alle Filme bestehen aus Auslassungen. Sie sind Montagen von Lücken, Fehlstellen in der Erzählung. Und deshalb ist das Kino auch das ideale Medium für die Darstellung dieses löchrigen Wesens namens Erinnerung.

Die besten Filme, die über den Holocaust entstanden, machen sich diese Gemeinsamkeit zunutze: Alain Resnais' dokumentarischer Kurzfilm "Nacht und Nebel" sowie Andrzej Munks fragmentarischer Spielfilm "Die Passagierin". Sieht man, was diese Filme mit ihren Leerstellen erreichen, muss uns die gegenwärtige Welle illustrierender Geschichtsdramen aus Deutschland noch eine Spur dümmer und banaler erscheinen.

Das israelische Kino geht dagegen derzeit in der Aufarbeitung von Geschichte einen anderen Weg. In weniger als einem Jahr machten gleich vier israelische Filme auf Festivals Furore, die sich tabuisierter Historie unmissverständlich aber auch ohne Überdeutlichkeiten näherten: Ari Libskers Film über die "Stalag"-Pornos, Dror Shauls bitter-süße Kibuz-Erinnerung "Sweet Mud", Avi Mograbis semidokumentarisches Musical über das Trauma eines Soldaten, "Z32" und, zu einem ähnlichen Thema, der bedeutendste unter ihnen, "Waltz with Bashir".

Der Dokumentarfilmer Ari Folman macht sich auf die Suche, ein Loch in seiner Erinnerung zu schließen. Als 20-Jähriger muss er im Libanonkrieg Zeuge eines Massakers gewesen sein, das Christen an Palästinensern verübten. Er vertraut sich einem Psychiater an, der eine praktikable Erklärung anbietet: Das Trauma seiner Eltern, die den Holocaust in Auschwitz überlebten, habe sich lediglich auf ihn übertragen.

Doch der Regisseur forscht weiter und sammelt Interviews. Jedes provisorische Bild, das sich ergibt, wird sichtbar und bleibt doch nur Modell. Denn Folman hat ein verblüffendes Stilmittel gewählt, mit dem er sich absichert gegen jeden Naturalismus: Im aufwändigen Medium des Animationsfilms kann er repräsentieren, was auch seine früheren Kameraden zu einem guten Teil verdrängt haben. Seine Kamera blickt förmlich in die Köpfe der Traumatisierten.

Ein früherer Kamerad kann nur mit einem wiederkehrenden Alptraum über eine Hundemeute am Meer aufwarten. Dieses symbolische Bild, das sich in der Erinnerung des Soldaten eingenistet hat, das ihn quält und vielleicht doch entlasten möchte, führt auf der Leinwand in eine völlig neue Art von Kino. Es ist metaphorisch, ohne dabei Kunst zu sein. Auch wenn die Szene am Tricktisch generiert wurde, ist sie dennoch eine dokumentarische. Und ganz zurecht versteht sich dieser 2-D-Trickfilm als Dokumentarfilm.

"Ich bin nicht allein", schreibt Folman über seinen Film, "ich glaube, es gibt Tausende früherer Soldaten, die ihre Erinnerungen tief zurückgedrängt haben. Aber sie können jederzeit ausbrechen, und wer weiß, was dann passiert."

Ariel Sharon scheinen seine Erinnerungen nicht sonderlich zu quälen. Als Verteidigungsminister musste er seinerzeit zurücktreten, nachdem ein Untersuchungsausschuss seine Untätigkeit trotz besseren Wissens bewiesen hatte: Toleriert von israelischen Truppen, hatten im August 1982 die Phalangisten, christlich-libanesische Milizen, etwa 3000 palästinensische Flüchtlinge massakriert, die meisten von ihnen Frauen, ältere Menschen und Kinder. Die Videoaufnahmen der Toten, die damals um die Welt gingen, beenden den Animationsfilm als einzige Realaufnahmen. Doch es geht hier nicht um eine erneute Anklage-Erhebung wegen des erst am dritten Tag von den israelischen Truppen gestoppten Mordens. Ari Folmans anfänglich surreal anmutender, schließlich verstörend sachlicher Animationsfilm begreift die Erinnerung als Alien: Unfassbar in ihrer amorphen Struktur und doch - gerade in ihrer kollektiven Form - von gespenstischer Macht.

Vier Jahre hat er an diesem Film gearbeitet, er nennt diese Zeit seine Therapie. Erst im vergangenen Jahr hatte der französische Zeichentrickfilm "Persepolis", die Autobiographie der Exil-Iranerin Marjane Satrapi, an die selten dokumentarischen Möglichkeit des Trickfilms erinnert.

Tatsächlich hat dieses Medium im wissenschaftlichen Film immer eine besondere Rolle gespielt, ebenso wie in der Propaganda. Trickfilmer wurden immer dann für Non-Fiction auf den Plan gerufen, wenn es Produzenten an fotografischen Bildern fehlte. Meist aber erschöpften sich diese Aufträge im Schematischen. "Waltz with Bashir" führt den Trickfilm dagegen zurück zu seiner eigentlichen Bestimmung, der Darstellung von Surrealität, Traumrealität und Imagination. Immer wieder nutzt er dabei die Möglichkeiten der fotorealistischen Überlagerung zwischen Malerei und realitätsnahen Aufnahmen. Indem er gemalte Bilder auf fotografierte Bilder legt, lotet er die Widersprüche und Leerflächen in der individuellen Verarbeitung von Wirklichkeit aus.

Höher kann Kunst kaum greifen und Folman bewältigt diese schwierige Aufgabe höchst imponierend. "Waltz with Bashir" ist viel mehr als ein kluger Film über ein wichtiges Thema. Er erinnert uns daran, dass filmische Wahrheit im Kino von Kunst nicht zu trennen ist.

Waltz with Bashir, Regie: Ari Folman, Israel / Deutschland / Frankreich 2008. 80 Minuten.


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Dokument erstellt am 06.11.2008 um 16:36:01 Uhr
Letzte Änderung am 06.11.2008 um 16:42:35 Uhr
Erscheinungsdatum 07.11.2008
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