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HR-Strategie

Ab in die durchhörbare Mitte

VON STEPHAN LOICHINGER

Die Radioprogramme des Hessischen Rundfunks bieten für jeden etwas", steht unter der Überschrift "Volles Programm auf sechs Wellen" auf der Internetseite des HR. Das kann so nicht stehen bleiben.

"Der HR verfügt über sechs Hörfunkwellen, er sendet täglich 144 Stunden Programm. 1008 Stunden pro Woche. Da sollte doch die eine oder andere Stunde für ein ambitioniertes popkulturelles Programm übrig sein", steht unter der Überschrift "Der Ball muss rollen" auf der Internetseite der gleichnamigen Initiative, die sich in einer Petition an den HR fast flehentlich um den Erhalt von Klaus Walters Radiosendung "Der Ball ist rund" und von Volker Rebells "hr3-Rebell" auf HR3 stark macht. Sie reagiert auf die Ankündigung des HR, dass die für ihren musikjournalistischen Ansatz sehr geschätzten Autorensendungen, seit 24 respektive 33 Jahren im Programm, zum Jahresende auslaufen.

Die Begründung dafür gleicht jener von 2004, als der Sender HR1 neu ausrichtete. Damals strich er unter dem Diktat der "Durchhörbarkeit" das Musikformat "Schwarz-Weiss" und erhielt die Hintergrundsendung "Der Tag" erst nach massiven Protesten von Hörern, indem er sie zur Kulturwelle HR2 abgab. HR3, heißt es nun, müsse "rund um die Uhr durchhörbar sein" und "sein Programm mehr auf die Mitte und den Mainstream fokussieren".

Es geht um Sendungen, die zuletzt sonntagabends von 21 bis 23 Uhr (Rebell) und von 23 bis 24 Uhr (Walter) liefen. "Beide Sendungen, deren persönlicher Fan ich bin", so HR3-Chef Jörg Bombach, hätten "laut jüngster MA-Ergebnisse nicht mehr wenige, sondern statistisch nachgewiesen keine Hörer mehr". Die Einstellung sei "bitter", liege bei einer "Null-Quote" aber nahe. So hörten nicht einmal 20 000 bis 40 000 Leute zu. Dass die Quote mit dem unattraktiven Sendeplatz zu tun haben könnte, sagt keiner der HR-Oberen. Mehr als 1000 Hörer von "Der Ball ist rund" haben jedenfalls in nur vier Tagen die Petition unterschrieben. Wie sie beklagt der Musiker Albrecht Kunze das Ende "einer der wichtigsten und einflussreichsten Musiksendungen der deutschen Radiolandschaft". Man müsse auch "den HR vor weiterer Selbst-Demontage" schützen.

Eine andere soeben kund getane Entscheidung beraubt die beliebteste HR-Welle ihrer Stimme. Werner Reinke, mit Pausen seit Anfang der 70er Jahre bei HR3 und als dessen "station voice" Quotenkönig mit der Autorensendung "HR3 - Extra am Samstag", wird auf HR1 umgesiedelt. Er soll weiterhin eine Samstagvormittagsshow präsentieren und eine am Donnerstagabend. "Der erfahrene Moderator und ausgewiesene Kenner des musikalischen Schwerpunkts von HR1 passt sehr gut zum neuen Senderprofil", so Hörfunkdirektor Heinz Sommer.

Plausible Fragen, keine Antwort


HR3 hat laut jüngster Media-Analyse im Schnitt 286 000 Hörer, allerdings mit stark sinkendem Trend, und ist für rund 90 Prozent der Werbeeinkünfte des HR-Radios gut. HR1 erreicht 128 000 Hessen. Ob es nicht riskant ist, eine schwächere Welle aufwerten zu wollen, indem man die immer noch populärste Welle abwertet, und wie es der HR angesichts der Abschaffung von Autorensendungen mit dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag hält, sind plausible Fragen. Sommer beantwortete sie nicht - er verweist auf den "laufenden Prozess". So lässt er nicht nur Klaus Walter nach diesem "Schock" ratlos und Volker Rebell geknickt zurück.

Wer markante Sendungen mit hohem Wortanteil statt Plauderradio sucht, findet sie fast nur noch im Internet. Beim Anfang 2008 on air gegangenen musikjournalistischen Vollprogramm Byte.fm zum Beispiel schalten inzwischen 150 000 Hörer im Monat ein. Im Sommer waren es erst 60 000. Eine Ausweitung der Kulturzone.


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Dokument erstellt am 07.11.2008 um 16:36:02 Uhr
Letzte Änderung am 07.11.2008 um 17:02:35 Uhr
Erscheinungsdatum 08.11.2008
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