Menschen und Dinge, das Verhältnis ist eine Sache für sich, und unter den Dingen sind es auch die Türme, die ohne weiteres so beschaffen sind, dass sie den Menschen hartnäckig verfolgen. Bis ins Hotelzimmer hinein kam es dazu mitten in Manhattan, wo die Turmbauten dramatisch zum Himmel wachsen wie Naturwüchsiges im Paradies (oder im Dschungel), das redeten wir uns nicht etwa nur ein, sobald wir hinausschauten. Unübersehbar, vom Fensterbänkchen aus wie zum Greifen nah, Norman Fosters Hauptquartier für den Hearst-Konzern.
Tagsüber schimmerte, dünnhäutig wie Aluminium, das Raster der enormen Tragwerksstruktur, in den Unterlagen war von einem 182 Meter hohen Bauwerk die Rede. Nachts brannte auf einigen der 46 Stockwerke seltsam das Bürolicht, gasflammenfarbig (das war sicher ein kühner Vergleich). Wenn wir schließlich vor dem Fenster, hin zur 8. Avenue, die Vorhänge zuzogen, blieb die Gewissheit im Raum, dass Norman Foster für seinen Turm am 14. November 2008 in der Frankfurter Paulskirche den Internationalen Hochhaus Preis erhalten wird.
Der Traum vom Turm
Beglaubigt ebenfalls, dass der Traum vom Turm an diesem Ort schon in den 20er Jahren aufkam; damals verwirklicht wurde lediglich ein sechs Geschosse hohes Gebäude mit einer Art-Deco-Fassade. Der Sinn stand dem Magnaten William Hearst nach einem Medienquartier in der Nähe des Columbus Circle. Von den zu fiebrigen Zeiten phantasierten Tagträumen ist als Andenken die Sandsteinfassade zurückgeblieben, aus der heraus Foster 46 Stockwerke aus Glas aufsteigen ließ, eine Glasfront, aus der Träger (dramatisch) als monumentales Raster heraustreten. Einen Namen hat das diagonale Gittersystem auch: Diagrid - und das hat Folgen.
Denn das Diagrid trieb es Tag und Nacht toll mit unserer Wahrnehmung. Jeweils vier Geschosse werden zusammengefasst von einem Dreieck - acht aber sind es, die in zwei Dreiecken wie bei einem auf die Spitze gestellten Rhombus zusammenkommen. Weiter zählend, waren es viereinhalb Rhomben, die sich mit dem Stahlskelett türmten, und zu seiner auffälligen Erscheinung gehört auch, dass die Eckfenster schräg stehen, extravagant, dachten wir. Wie weit aufgerissene Vogelschnäbel, hieß es auch.
Für unseren Umgang, den wir mit dem Hearst Tower pflegten, galt die Erfahrung: Je näher wir ihn uns anschauten, desto aufwändiger wirkte Verborgenes zurück. Und dazu zählt auch, dass mit dem Skelett 20 Prozent Stahl eingespart werden konnten, ganz abgesehen davon, dass der Hearst Tower zu 85 Prozent aus recyceltem Stahl besteht und sein Energieverbrauch rund ein Viertel niedriger liegt als bei herkömmlichen Hochhäusern.
Zur Sache
Der Internationale Hochhaus-Preis wurde gestern in der Frankfurter Paulskirche an Norman Foster überreicht. Die Auszeichnung wird nach 2004 und 2006 zum dritten Mal vom Deutschen Architekturmuseum, der Stadt Frankfurt und der DekaBank verliehen. Zu Finalisten zählten: das Missing Matrix Building (Architekten: Mass Studios) in Seoul, das Wohnhochhaus Newton Suites ( WOHA) in Singapur, die staatliche TV- und Rundfunkzentrale (OMA / Rem Koolhaas) in Peking und Renzo Pianos Wolkenkratzer für die New York Times. Eine besondere Anerkennung für Nachhaltigkeit erhielt das WestendDuo in Frankfurt des Frankfurter Büros KSP Engel und Zimmermann. Die Ausstellung mit den nominierten Bauwerken zeigt das Deutsche Architekturmuseum (Schaumainkai 43, Ffm) bis zum 4. Januar 2009.
Um beurteilen zu können, wie bescheiden Büroarbeitsplätze in der Wolkenkratzermetropole sind, muss man nicht auf urdeutsche Arbeitsplatzrichtlinien eingeschworen sein, aber vielleicht doch ein wenig an Normen glauben, Abstand und Licht betreffend. Dazu genügt der Besuch in einem Büroturm, in dem eine der weltweit einflussreichsten Architekturzeitschriften untergebracht ist, die Architectural Review. Gemessen an den Standards, die das Magazin setzt, sind die Bedingungen, unter denen das Magazin zustande kommt, karg und monoton. Knowhow und Kreativität werden hier von Arbeitsplatzinhabern, die über Innenarchitektur nachdenken und darüber urteilen, was einen Raum funktional sinnvoll und gestalterisch sinnfällig macht, in Kleinkabinen und Kojen verrichtet, hinter etwa bauchhohen, grauen Zwischenwänden.
Man kennt das Dilemma aus Filmen, die im Milieu der amerikanischen Low-Budget-Angestellten spielen. Wer hier, so konnten wir ungehindert zusehen, auch nur ungestört telefonieren will, zieht den Kopf ein. Wer hier, davon wurden wir Zeuge, einen klaren Gedanken fassen will, taucht ab.
Das Dilemma der Angestellten
In Manhattan zeigt sich das Dilemma der Angestelltenwelt flächendeckend und gestapelt, das gilt auch einige hundert Schritte weiter, in Renzo Pianos Büroturm für die New York Times. Dessen Erfindungen, die der Umweltfreundlichkeit zugeneigt sind, versagen bereits in der Lobby. Unter den Kleinklimabedingungen dieses Turms werden die Nasenschleimhäute weiterhin, wie auch in älteren Turmbauten, gereizt und schwellen an, was nicht daran liegt, dass das Atrium hinter Glas einen Birkenhain aufnimmt.
So ausgeklügelt Sonnenschutz-, Belüftungs- und Rückgewinnungssysteme sein mögen, so richtet sich der Arbeitsplatzbesitzer hier dennoch in der Entbehrung ein, in einem diffusen Licht, alle naselang unter Kollegenkontrolle. Wobei zur Bedrängnis in den Kojen gehört, dass zwei mal zwei Armlängen genügen, um nach ihr langen zu können. Diese Beengtheit potenziert sich zu Großbürolandschaften, darin Kojen wie Wagenburgen in der Prärie.


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