Hamburg. Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat auch fast 20 Jahre nach dem Fall der Mauer seinen Frieden mit der Deutschen Einheit noch nicht gemacht. "Die Einigung hat bis heute nicht stattgefunden, die Einheit ist vollzogen, steht aber nur auf dem Papier", sagte er der Wochenzeitung "Die Zeit".
Grass, der Ende des Monats sein Tagebuch aus dem Jahr 1990 veröffentlichen will, sagte, damals sollten alle Probleme mit Geld gelöst werden. "Aber auch das war nur gepumpt. Was wir heute als große Finanzkrise erleben, dieser Raubtierkapitalismus, begann sich schon damals abzuzeichnen. Wir löffeln jetzt die Suppe aus, die wir uns damals eingerührt haben."
Das Argument, die Politik sei den Ereignissen ohne Chance auf aktive Gestaltung hinterhergehechelt, lässt Grass nicht gelten: "Man hat's gar nicht versucht! Es ging alles nach dem Motto: Macht's wie wir, dann seid ihr demnächst auch reich. Aber es gab nur Versprechungen, keine Investitionen."
Nach der Währungsreform 1948, als sich abzeichnete, dass Großbetriebe wie Salzgitter oder VW eine Privatisierung nicht überstehen würden, habe der Wirtschaftsminister und spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard sie verstaatlicht und erst nach der Sanierung mit Staatsgeldern Aktien ausgegeben. "So hätte man es in den neuen Ländern auch machen können", sagte Grass. (dpa)


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