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"Der große Preis"

Höchste Zeit für Ideologiekritik

VON ELKE BUHR

Gerade als Isabelle Graw mit ihrer Untersuchung über die "Kunst zwischen Markt und Celebrity Culture" fertig war, gingen bei Christie's und Sotheby's die ersten Lose zurück: Die Finanzkrise hatte auch den Kunstmarkt erreicht, und zwar nicht zu knapp. Im letzten Moment hat Graw die Kunstmarktkrise noch in den Klappentext bekommen.

Doch ihre Untersuchung "Der große Preis" ist auch dann noch aktuell, wenn der Kunstboom, von dem sie erkennbar ihre Inspiration bezieht, in sich zusammenfällt. Denn die Kunstkritikerin und Städel-Schul-Dozentin Graw hat hier nicht einfach die bekannten Symptome einer heißgelaufenen Ökonomie der Kunst zusammengetragen, in der ein Neo Rauch von russischen Milliardärsgattinnen getragen wird wie eine It-Bag. Ihr geht es um die Analyse eines grundlegenden Strukturwandels im Verhältnis von Kunst und Markt. Und dieses Faktum erledigt sich nicht durch eine temporäre Nachfrageschwäche.

War der so genannte Kunstbetrieb bis in die neunziger Jahre hinein eine Versammlung von maximal mittelständischen Einzelakteuren, bei denen - zumindest programmatisch - "ernsthafte" Künstler und Kritiker sich von "dem Markt" regelmäßig zu distanzieren versuchten, so hat er sich in den vergangenen Jahren zu etwas verdichtet, das Graw als "Visualität und Bedeutung produzierende Industrie" bezeichnet - eine Industrie, die mit ihrem Abfeiern von Künstler-Celebrities der Modebranche im Luxussegment gar nicht unähnlich ist.

Zu dieser Industrie gehören Graw zufolge nicht nur die neuen großen Galerieketten, die immer enger mit den Auktionshäusern vernetzt sind, sondern auch das, was man gemeinhin für das ganz Andere des Kommerzes hielt: die Theorieproduzenten in Kunstzeitschriften und an Universitäten, die Kunsthistoriker und Kuratoren an Museen und bei Biennalen.

Extrem teure Künstler wie Paul Mc Carthy und Jeff Koons werden heute von der Kritik immer mindestens diskutiert, wenn nicht sogar gelobt - der Markt beeinflusst die Kritik, so die unabweisbare Diagnose. Und umgekehrt generieren Theorie und Kritik eine Bedeutung, die immer noch unverzichtbar ist für eine nachhaltige Künstlerkarriere auf dem Markt. Graw belegt diese These am Beispiel des Malers John Currin, dessen karikatureske Gemälde sich zwar exzellent verkauften, aber von der Kritik solange ignoriert wurden, bis Currins Galerie sich genötigt sah, eine seriöse kunsthistorische Expertise in Auftrag zu geben.

Graw referiert den Fall nicht, um sich über die korrupte Kritik zu mokieren. Vielmehr tröstet sie die Vertreter ihrer eigenen Profession, die intellektuellen Kunstkritiker, so über den Bedeutungsverlust gegenüber den alles dominierenden Auktions-Charts hinweg: Noch ist Wissen als symbolisches Kapital im Kunstbetrieb unverzichtbar. Die Künstler aber, die meinen, sie hätten mit dem ganzen Business nichts zu tun, muss sie enttäuschen. Während Pierre Bourdieu das künstlerische Feld noch als relativ autonom sah, fasst Graw es als "relativ heteronom" auf: will sagen, als deutlich beeinflusst von der Ökonomie.

Was dann folgt, ist Ideologiekritik alter Schule. So stellt Graw fest, dass Kunstwerke typischerweise für sich ideellen, letztlich unbezahlbaren Wert behaupten - und paradoxerweise genau daraus ihren faktischen Preis ableiten. Und sie beschreibt das neue Netzwerken von Künstlern, Galeristen und Kuratoren als hektische Dauerkommunikation von Subjekten, die als Selbstvermarkter die Grenze zwischen Kunst und Markt längst in das eigene Ich verlegt haben.

Entschlossen widersteht Isabelle Graw dabei jedoch der Versuchung, alles, was früher war, besser zu finden: Ihr Ziel ist weder Kulturpessimismus noch Schwarzmalerei, sondern eine schlichte Differenzierung der Fakten in einer Zeit, in der es den lange behaupteten Dualismus von Kunst und Markt nicht mehr gibt.

Leider muss man sich durch diese Differenzierungen gelegentlich etwas durchkämpfen: Vor lauter Arbeit am Begriff geht Graw immer mal wieder die stilistische Prägnanz verloren, und sie häuft deutlich mehr Substantiv-Cluster aufeinander, als es ihre Diagnosen nötig gehabt hätten. Aber so sind sie, die intellektuellen Wissen-Produzenten im Kunstbetrieb: Ohne ein bisschen Wortzauber können sie das gewünschte symbolische Kapital nicht angemessen generieren.

Isabelle Graw: Der große Preis. Kunst zwischen Markt und Celebrity

Culture. DuMont Verlag 2008, 160 S., 19,90 Euro.


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Dokument erstellt am 22.01.2009 um 16:36:02 Uhr
Letzte Änderung am 22.01.2009 um 16:47:04 Uhr
Erscheinungsdatum 23.01.2009
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