Wenn literarischer Text zu Film wird, geht oft etwas verloren. Nicht umsonst werden Drehbücher in einer denkbar knappen, streng funktionalen Sprache verfasst, die einer Abbildung wenig Widerstand entgegensetzt.
Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser" ist in einer solchen Sprache verfasst, und wenn es etwas an ihm gibt, das seinem Thema, dem Holocaust, gewachsen ist, so ist es der Schrecken sprachlicher Unbeteiligtheit. Widerstandslos ließ sich der Roman in 39 Sprachen übersetzen - und jetzt auch in einen Film. Sydney Pollack, der den Film mit Anthony Minghella produzierte (beide starben im vergangenen Jahr), wollte ursprünglich eine US-Fassung vom "Leben der Anderen" produzieren.
In einem anderen Kapitel der deutschen Geschichte und ihrem bis heute justiziablen Erbe von Schuld fand er einen Stoff, den auch ein amerikanisches Publikum interessieren musste: Den Umgang mit den NS-Verbrechern in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit. Wie stellt man sich aus juristischer, humanitärer und einfach nur mitmenschlicher Sicht die Sühne solcher Taten vor?
Unverwechselbar wird Schlinks Stoff durch einen Kniff, der ihn von den meisten Fiktionalisierungen der Shoa unterscheidet: Es gibt keine Opferperspektive, aber auch die Täterin offenbart sich nicht. Aus einem guten melodramatischen Grund, der sich erst spät erschließt, aber früh erahnen lässt, schweigt sie vor Gericht, selbst wenn es ihre Strafe mildern könnte - ganz so, wie man es aus Kriminalromanen kennt. Erzählt wird die Geschichte stattdessen pikanterweise aus Sicht eines Mannes, der die Frau in Unkenntnis ihres Verbrechens in positiver erotischer Erinnerung hat. "Kulturpornographie" nannte der Kritiker Jeremy Adler dieses Verfahren. In die Sprache der Filmproduzenten übertragen heißt es: Sex sells.
Dass nun niemand das Wort Pornographie in Bezug auf die Verfilmung auf den Lippen führt, liegt an der Kultiviertheit des britischen Dramatikers David Hare, seines Landsmanns Stephen Daldry ("The Hours"), der die Regie übernahm, und vor allem einer Hauptdarstellerin, die zu Recht für ihre Leistung einen Oscar erhielt.
Ein Mann (Ralph Fiennes; in der Rückblende David Kross) erinnert sich an seine Beziehung zu der Frau (Kate Winslet), die ihm in mancherlei Hinsicht die Unschuld raubte. Es ist ein Erinnerungsfilm, den er sich oft genug angesehen hat, um eine geradezu klinische Distanz zu entwickeln. Über die Bilder, die ihm von dieser Frau namens Hanna geblieben sind, sagt der Erzähler im Buch einmal: "Ich habe sie gespeichert, kann sie auf eine innere Leinwand projizieren und auf ihr betrachten, unverändert, unverbraucht." Der Film, der zu diesen Sätzen passte, wäre nüchtern wie ein Dokumentarfilm, vielleicht lückenhaft, knapp geschnitten, aber in jedem Moment gestochen scharf. Daldry hat ihn nicht gedreht.
Sein Drama ist das Gegenteil: elegisch, übersättigt von Filmmusik und in jenen warmen, manchmal bräunlichen Farbtönen gehalten, mit denen uns das Kino oft die Vergangenheit ans Herz legt. Eine leere, höchst befremdliche Nostalgie entwickelt dieser Film, die bemüht ist, alles Exemplarische und Symbolische des Plots zu glätten. Doch gerade diese Schauwerte machen die Fiktion noch irrealer.
Jede Nebenfigur dieses Hollywoodfilms ist mit deutschen Stars besetzt, man erlebt eine Nummernrevue mit Bruno Ganz, Jürgen Tarrach, Hannah Herzsprung, Fabian Busch, Alexandra Maria Lara. Vorn an der Rampe stehen ein unterforderter Ralph Fiennes und eine stark geforderte Kate Winslet, die aber bei aller Ausstrahlung dann doch nicht vermitteln kann, wie eine allein in Ordnungssystemen denkende, fremdbestimmte Frau eine derartige sexuelle Aktivität entwickelt. Und doch ist sie über alle Kritik erhaben: Ihre Figur ist eben doch wie alles an dieser so bedeutungsvoll erdachten Geschichte von Papier. Lebendiger, als sie es mit ihrem körperlichen aber niemals äußerlichen Spiel erreicht hat, könnte die Sache niemals werden.
Schlinks Erzähler konnte man die widersprüchliche Erotik dieser Figur aus Teenagersicht vielleicht einfach glauben. Doch das ist eben der Unterschied zwischen Film und Literatur: Während sich der Roman auf die individuelle Färbung einer Faszination zurückziehen kann, verlangt der Film nach einer Objektivierbarkeit. Doch statt dass man in die Geschichte hineingezogen würde, wächst die Distanz.
David Hares Drehbuch versucht, dem Stoff durch Verschachtelung einiges von seiner Vorhersehbarkeit zu nehmen, doch den um seine kritische Aussage allzu bemühten Schluss kann er nicht mildern. Dass "Der Vorleser" sogar eine Oscar-Nominierung als bester Film erhielt, ist schwer verständlich. Als Probe hoher Schauspielkunst aber verdient er exakt die Aufmerksamkeit, die er am vergangenen Sonntag erhielt.
Der Vorleser (The Reader). USA/D 2009. Regie: Stephen Daldry.
Mit Kate Winslet, Ralph Fiennes,
David Kross. 124 Minuten.


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