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09. Februar 2010
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Schriftstellerin Schenkel im Interview

Der Leser mag klinisch reine Leichen

Aber er bekommt sie nicht von Andrea Maria Schenkel: Die Schriftstellerin über Brutalität und Realismus und warum sie gern pedantisch ist.
(Andrea Maria Schenkel, mit Blick auf das Aufnahmegerät) Ich überlege, ob ich mir so etwas zulege. Um meine Texte laut zu lesen und sie mir dann anzuhören. Um zu prüfen, wo Fehler sind. Der Kauf ist bisher immer daran gescheitert, dass ich dachte: Ah, da kommst du dir doch blöd vor (lacht).

Was meinen Sie mit "Fehler"? Den Rhythmus des Textes?

Ja, genau. Wie er sich anhört.

Zur Person
Andrea Maria Schenkel, geboren 1962 in Regensburg, war mit ihrem Erstling "Tannöd" enorm erfolgreich. Der schmale Roman um einen wahren Fall – dem Mord an einer Familie auf einem Einödhof in den 20er Jahren – ist inzwischen in 20 Sprachen übersetzt und wird derzeit von der Schweizer Regisseurin Bettina Oberli mit Julia Jentsch verfilmt. Der Film soll Ende des Jahres in die Kinos kommen.

"Tannöd" wurde zusätzlich durch einen Plagiatsprozess bekannt. Ein Journalist, der ein Sachbuch über den Fall geschrieben hatte, klagte. Seine Klage wurde zurückgewiesen.
Bei vielen Autoren hat man das Gefühl, sie hören nichts.

Ich glaube, das liegt daran, dass sie nicht laut lesen.

Ihre Romane fallen schon dadurch aus dem Rahmen, dass sie schmal sind, ganz entschlackt.

Mein Entwurf ist meist dicker, aber auch nicht sehr viel. Beim Überarbeiten bin ich dann relativ unbarmherzig. Beim ersten Durchgang schreibe ich immer alles auf, ich schreib und schreib und lösche nichts. Beim nächsten Durchgang wird das Buch schon dünner. Und beim letzten bin ich so rigoros, dass ich aufpassen muss, dass ich überhaupt noch was drin lasse.

Ich habe Ihr neues Buch mit dem Aufkleber bekommen: "Der neue Roman der "Tannöd"-Autorin". Nach dem großen Erfolg Ihres Erstlings, was fiel Ihnen schwerer: das zweite Buch oder jetzt das dritte?

Das dritte. Das zweite war praktisch fertig, ehe der Hype um "Tannöd" begann. Wenn ich jetzt über "Tannöd" nachdenke, dann bewundere ich meine Naivität. Aber als ich den Deutschen Krimipreis für "Tannöd" bekam, hatte ich zwei oder drei Tage vorher das Manuskript von "Kalteis" abgegeben. Das dritte Buch war auf jeden Fall schwieriger. Das heißt, eigentlich liegt es in Teilen auf dem Schreibtisch, jetzt erscheint das vierte. Ich war so naiv zu glauben, ich könne schreiben, wenn ich auf Lesereise bin. Ich hatte an die hundert Lesungen. Aber es ist ein anderer Rhythmus. Manchmal ist es sogar so, dass ich auf Lesereisen nicht einmal Lust habe, tagsüber andere Autoren zu lesen. Weil ich mich nicht konzentrieren kann.

Aber nun gibt es ja ein drittes, jetzt erscheinendes Buch - auch wenn es eigentlich das vierte ist.

In der Schule schreiben die Kinder so genannte Reizwortgeschichten. Nach dem Prinzip: Ich mail dir was und du schaust, was du daraus machen kannst. Es ist ein Spiel. Also eine vollkommen andere Vorgehensweise als bei meinen beiden anderen Büchern und auch beim ursprünglich dritten, nun verschobenen. Aber es ist spröde Liebe, am Anfang war ich mir nicht so ganz sicher. Man weiß bei diesen Reizwortgeschichten ja anfangs nicht, wo sie hinführen. Eigentlich arbeite ich nicht so, sondern weiß, wo ich hin will, habe die Geschichte ziemlich fertig im Kopf.

War der Startpunkt also ein einziges Wort?

Nein, es waren zwei, drei Sätze. Witzigerweise kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Es war die Situation eines Überfalls, die Szene, in der sie vor ihm kniet und er sie schlägt. Und die Aufforderung meines Mannes: jetzt mach mal. Das war im April vergangenen Jahres.

Tun Sie sich schwer beim Schreiben, sind Ihre Bücher auch deswegen so dünn?

Nein, überhaupt nicht, ich schreibe sehr sehr gern. Aber es gibt so viele Geschichten zu erzählen. Und ich bin ein Pedant. Ich habe zum Beispiel bei einer Weihnachtsgeschichte den Anfang hunderttausendmal umgeschrieben. Aber dieses Pedantische, es macht mir Spaß.

Die Zeitverzögerung bei der Rezeption von "Tannöd", die Sie vorhin angesprochen haben, war bemerkenswert: Das Buch war ja schon ein Jahr auf dem Markt, als es plötzlich auf der Bestsellerliste landete.

Es war eigentlich damals schon ein altes Buch. Meist ist ja ein Buch, das im Frühjahr rauskommt, im Herbst Schnee von gestern. Bei, glaube ich, 80 000 Neuerscheinungen im Jahr auch kein Wunder. "Tannöd" ist nicht schlecht gelaufen, aber dass es dann so explodierte, das hat mich und den Verlag wirklich überrascht. Plötzlich musste ich über ein Buch reden, das für mich schon Ewigkeiten zurück lag. Komisch war es auch, als ich dann in der Theateraufführung war. Manche Sachen darin haben mir gefallen, andere nicht. Nicht gefallen hat mir zum Beispiel, dass die Darstellerin der Marianne beim Verlassen der Bühne geschrien hat. Das fand ich furchtbar, ich habe mir die Ohren zugehalten. Außerdem hätte ich das Bühnenbild ein bisschen karger gemacht. Aber das liegt sicher daran, dass es mir gefällt, wenn die Dinge reduziert sind. Es soll ja eigene Bilder im Kopf geben, es ist tausendmal interessanter: Was macht der Leser, der Zuhörer damit?

War es möglicherweise nicht nur ein Segen, dass Sie für "Tannöd" viele Krimipreise erhalten haben? Ein typischer Krimileser wird von Ihren Büchern ja enttäuscht.

Ein typischer Krimileser ist, glaube ich, ein sehr ordentlicher Mensch. Der will am Anfang das Chaos, und dann will er jemanden, der sagt (verstellt ihre Stimme): "Ich räume auf! Ich räume auf!" Vielleicht ist das eine Erinnerung an die Studentenzeit, wenn die Mutter zum Aufräumen kam und hinterher alles in Ordnung war. So ein Leser ist bei mir natürlich enttäuscht, denn da ist hinterher nichts aufgeräumt, ist es eigentlich noch schlimmer, als es vorher war. Aber das Aufräumen interessiert mich nicht. Vielleicht bin ich auch zu frustriert, denn in den Zimmern meiner Kinder herrschte jeden Tag wieder das gleiche Chaos (lacht kräftig). Ich denke, dass vielen Krimiautoren der Plot unheimlich wichtig ist, das Rätsel und wie man es löst. Mir ist die Sprache wesentlich wichtiger.


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Dokument erstellt am 25.02.2009 um 16:52:05 Uhr
Letzte Änderung am 25.02.2009 um 19:28:26 Uhr
Erscheinungsdatum 26.02.2009
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